Hundetraining im Wandel: Johanna Spahr über Methoden und Beziehung
Wie sich Hundetraining über die Jahre verändert und warum auch erfahrene Trainerinnen wie Johanna Spahr Methoden überdenken, zeigt eine ehrliche Selbstreflexion. In einer besonderen Solo-Folge des Podcasts Furminant beantwortet Johanna, ohne ihren Co-Host Alex Schillack, Fragen aus ihrer Community. Sie gibt tiefe Einblicke in ihre persönliche und berufliche Entwicklung als Hundetrainerin und Pflegestelle für verhaltensauffällige Hunde. Dabei geht es um die großen Fragen der Hundeerziehung: Welche Methoden hat sie aufgegeben? Was muss ein Hund wirklich aushalten? Und wie hängen Beziehung und Erziehung zusammen? Diese Episode ist eine wertvolle Ressource für alle Hundebesitzer, die ihre eigene Herangehensweise hinterfragen und verstehen möchten, wie sich ein modernes, empathisches Hundetraining stetig weiterentwickelt.
Das Wichtigste auf einen Blick
- Geduld statt Perfektion: Johanna betont, dass sie über die Jahre, insbesondere im Umgang mit jungen Hunden, weitaus nachsichtiger und geduldiger geworden ist. Sie plädiert dafür, den Entwicklungsphasen eines Hundes mehr Zeit und Verständnis zu schenken.
- Hinterfragte Methoden: Sie spricht offen über Trainingsansätze, die sie heute nicht mehr anwendet, wie den unreflektierten Einsatz einer Wasserflasche zur Korrektur der Leinenführigkeit.
- Nicht alles muss ertragen werden: Hunde müssen nicht jede Situation aushalten. Wichtiger ist es, ihnen beizubringen, unangenehmen Situationen auszuweichen und Schutz beim Menschen zu suchen, anstatt aggressiv zu reagieren.
- Beziehung und Erziehung sind eins: Die Trennung von Beziehung und Erziehung hält Johanna für künstlich. Eine klare Rollenverteilung und ein verlässlicher Rahmen sind die Grundlage für beides und bedingen sich gegenseitig.
- Die ersten 24 Stunden sind heilig: Ein neuer Pflegehund darf in den ersten Tagen vor allem eines: ankommen. Statt Training stehen Ruhe und das Kennenlernen des neuen sozialen Umfelds im Vordergrund.
- Grenzen der Machbarkeit: Nicht jeder Hund kann oder muss geheilt werden. Manchmal ist ein gutes Management und die Akzeptanz gewisser Verhaltensweisen der beste Weg für ein harmonisches Zusammenleben.
Ein Wandel im Hundetraining: Warum Geduld wichtiger ist als Perfektion
Johanna Spahr beginnt mit einer ehrlichen Bestandsaufnahme ihrer eigenen Entwicklung. In den letzten zehn Jahren hat sich ihre Herangehensweise an das Hundetraining fundamental verändert. Früher, so erklärt sie, hätte sie von einem anderthalb Jahre alten Hund mehr erwartet und vielleicht auch strenger reagiert. Heute ist sie deutlich großzügiger. Sie betont, dass junge Hunde Zeit brauchen, um zu reifen. Dinge dürfen ihnen schwerfallen, und sie müssen nicht von Anfang an perfekt funktionieren. Diese veränderte Haltung führt sie auf ihre wachsende Erfahrung zurück, insbesondere durch die langjährige Begleitung von Hunden in ihrer Entwicklung und ihre Arbeit als Pflegestelle. Ein Schlüsselerlebnis war die Adoleszenz ihrer eigenen Hündin Quest. Obwohl sie theoretisch wusste, was auf sie zukommt, erlebte sie am eigenen Leib, wie anstrengend diese Phase sein kann - inklusive Gefühlen wie Genervtsein oder Scham. Diese Erfahrung hat ihr Empathievermögen für Hundehalter nachhaltig gestärkt.
Gleichzeitig beobachtet Johanna, dass die gesellschaftlichen Anforderungen an Hunde gestiegen sind. Die Hundedichte, gerade in städtischen Gebieten, hat zugenommen, was zu mehr Konfliktpotenzial führt. Der Hund ist heute oft ein vollwertiges Familienmitglied, das überallhin mitgenommen wird. Das erhöht den Druck auf Mensch und Hund. Diese veränderten Rahmenbedingungen bestärken sie in ihrer Überzeugung, dass ein verständnisvoller und geduldiger Ansatz wichtiger ist als je zuvor.
Muss ein Hund wirklich alles aushalten?
Die pauschale Aussage, ein Hund müsse etwas aushalten können, sieht Johanna kritisch. Es kommt stark auf die Situation an. Sie macht deutlich, dass es viele Dinge gibt, die ein Hund definitiv nicht aushalten muss: von Fremden bedrängt zu werden, sich von Kindern grob behandeln zu lassen oder ungewollten Kontakt mit anderen Hunden zu haben. In solchen Momenten ist es die Aufgabe des Menschen, seinen Hund zu schützen.
Statt Hunde zum Aushalten zu zwingen, plädiert sie dafür, ihnen alternative Strategien beizubringen. Ein Hund sollte lernen, dass er einer unangenehmen Situation ausweichen kann, anstatt nach vorne zu gehen. Das bedeutet, ihm beizubringen, sich zurückzuziehen oder beim Menschen Schutz zu suchen. Es gibt jedoch auch Situationen, in denen ein Hund lernen muss, Anweisungen zu befolgen, auch wenn er gerade etwas lieber tun würde - etwa, wenn er vom Jagen abgerufen wird. Hier erwartet Johanna keinen freudigen Gehorsam, aber sie erwartet, dass der Hund die Anweisung ausführt. Es geht also um eine differenzierte Betrachtung: Was ist eine zumutbare Anforderung und was eine unzumutbare Belästigung?
Beziehung vor Erziehung: Ein populärer Satz auf dem Prüfstand
Den oft zitierten Grundsatz Beziehung geht vor Erziehung hält Johanna für missverständlich. Ihrer Meinung nach sind die beiden Konzepte untrennbar miteinander verbunden. Erziehung formt die Beziehung, und die Art der Beziehung bestimmt, wie erfolgreich Erziehung sein kann. Für sie ist der entscheidende Faktor das Rollenverhältnis zwischen Mensch und Hund. Wenn klar ist, wer anleitet und wer folgt, entsteht eine stabile Basis, die Vertrauen schafft. Das bedeutet nicht, dass der Mensch und Hund keine liebevolle Bindung haben, sondern dass die Struktur der Beziehung klar definiert ist. Daher ist die Arbeit an der Beziehungsstruktur für sie immer einer der ersten und wichtigsten Schritte im Training - nicht als vorgelagerter Prozess, sondern als integraler Bestandteil jeder Interaktion.
Einblicke in die Arbeit als Pflegestelle
Als erfahrene Pflegestelle für Hunde mit Verhaltensproblemen teilt Johanna wertvolle Einblicke in ihre Arbeit. Sie erklärt, dass sie Hunde mittlerweile sehr schnell und zuverlässig einschätzen kann, was auf ihren großen Erfahrungsschatz zurückzuführen ist. Einen konkreten Trainingsplan zu entwickeln, sei jedoch ein Prozess, der Zeit brauche und sich anpassen müsse.
Besonders wichtig ist ihr die Ankunftsphase. In den ersten 24 bis 72 Stunden passiert bewusst sehr wenig. Die Hunde sind vom Umzug meist völlig erschöpft und sollen in Ruhe ankommen, die neuen Menschen, die Umgebung und die anderen Hunde kennenlernen. Spaziergänge finden in dieser Zeit kaum statt. Das Ziel ist, den Hunden so schnell wie möglich die Teilhabe am normalen Familienalltag zu ermöglichen. Deshalb nimmt sie keine Hunde auf, die aufgrund von starker Ressourcenverteidigung langfristig stark gemanagt oder separiert werden müssten, da dies ihren Werten eines integrierten Zusammenlebens widerspricht. Sie zieht hier klare Grenzen, auch bei Hunden, bei denen sie sich körperlich überfordert fühlen würde.
Ein Hund, der zweifeln ließ: Die persönliche Geschichte von Athos
Auf die Frage, bei welchem Hund sie am meisten an sich selbst gezweifelt habe, erzählt Johanna die bewegende Geschichte von Athos, einem Malinois aus einem rumänischen Shelter. Athos zeigte schon als junger Hund statusbezogenes Aggressionsverhalten: Er suchte aktiv die Nähe von Menschen, um sie dann im nächsten Moment zu stellen und zu dominieren. Nach einer Odyssee durch mehrere Hände, darunter ein Diensthundeführer und eine dubiose Händlerin, kaufte Johanna mit ihrem Partner den Hund zurück, um ihn vor einem schlimmeren Schicksal zu bewahren.
Zu diesem Zeitpunkt war Johanna hochschwanger. Athos war ein klassischer Ein-Personen-Hund, der sich stark an ihren Partner band und sie selbst immer wieder infrage stellte. Aufgrund der Schwangerschaft konnte sie Konflikte nicht so austragen, wie es nötig gewesen wäre, und musste viel über Management lösen. Obwohl die Situation durch klare Regeln verbessert wurde, war klar, dass Athos mit einem neugeborenen Baby im Haus nicht bleiben konnte. Johanna bedauert bis heute, dass sie ihm nicht die Zeit und Chance geben konnte, die er gebraucht hätte. Sie fragt sich oft, ob sie es geschafft hätte, sein Vertrauen und seinen Respekt zu gewinnen. Diese Erfahrung zeigt eindrücklich die emotionalen und praktischen Grenzen der Arbeit mit anspruchsvollen Hunden und die Momente des Zweifels, die selbst erfahrene Trainerinnen begleiten.
Praktische Ansätze für den Alltag mit deinem Hund
Aus Johannas Reflexionen lassen sich konkrete Ratschläge für den Umgang mit dem eigenen Hund ableiten:
- Sei nachsichtig mit deinem jungen Hund: Erwarte in der Pubertät keine Perfektion. Stattdessen ist es deine Aufgabe, einen Rahmen zu schaffen, in dem dein Hund lernen kann, ohne ständig überfordert zu sein. Gib ihm Zeit, erwachsen zu werden.
- Lerne, deinen Hund zu schützen: Erkenne Situationen, die für deinen Hund zu viel sind, und handle proaktiv. Bringe ihm bei, sich in unsicheren Momenten an dich zu wenden, anstatt die Konfrontation zu suchen. Du bist sein sicherer Hafen.
- Hinterfrage deine eigenen Methoden: Sei offen dafür, Trainingsansätze zu überdenken. Was vor Jahren gut schien, passt heute vielleicht nicht mehr zu dir, deinem Hund oder deinen Werten. Weiterentwicklung ist ein Zeichen von Stärke.
- Gib neuen Hunden Raum zum Ankommen: Wenn ein neuer Hund bei dir einzieht, konzentriere dich in den ersten Tagen auf Ruhe und das Kennenlernen. Intensive Trainingsprogramme können warten. Die Basis für eine gute Beziehung wird durch Sicherheit und Vorhersehbarkeit geschaffen.
Themen
Hinweis: Diese Zusammenfassung wurde mit Hilfe von KI aus dem Transkript der Podcast-Episode generiert.
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Shownotes
Ich beantworte Fragen aus der Community – über Hundetraining, Pflegehunde, Dinge, die ich heute anders mache als früher, Entwicklungen, die ich beobachte, und viele weitere Themen rund um das Leben mit Hund.
Ich wünsche euch viel Freude beim Zuhören.
Kleiner Faktencheck zu einer Aussage aus der Folge: In Hamburg waren 2012 rund 59.500 Hunde registriert, 2025 bereits 105.642. Das entspricht einem Anstieg von knapp 78 % innerhalb von 13 Jahren. Kein Wunder also, dass sich viele Spaziergebiete heute deutlich voller anfühlen als noch vor einigen Jahren.
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