Pflegestelle sein: Ein ungeschönter Einblick in die Realität des Tierschutzes
In dieser Episode des Furminant-Podcasts sprechen die Hosts Johanna Spahr mit ihrer Gästin Antonia "Toni" von Wildnis auf Pfoten - über ein Thema, das ebenso erfüllend wie herausfordernd ist: das Dasein als Pflegestelle für Hunde aus dem Tierschutz. Basierend auf einem gemeinsamen Instagram-Livestream geben die beiden Hundetrainerinnen ehrliche und tiefe Einblicke in ihre persönlichen Erfahrungen, die Höhen und Tiefen und die knallharten Realitäten, die hinter der oft romantisierten Vorstellung stecken.
Die Episode beleuchtet die wichtigsten Aspekte des Pflegestellen-Daseins: von der persönlichen Motivation über die kritische Auswahl eines seriösen Tierschutzvereins bis hin zum Management der ersten Tage und dem emotional anstrengenden Prozess der Endvermittlung. Sie richtet sich an alle, die mit dem Gedanken spielen, einem Hund ein Zuhause auf Zeit zu schenken, aber auch an erfahrene Pflegestellen und Adoptanten, die die Hintergründe besser verstehen möchten. Die zentrale Frage lautet: Was bedeutet es wirklich, eine Pflegestelle zu sein, und was musst du wissen, bevor du dich auf dieses Abenteuer einlässt?
Das Wichtigste auf einen Blick
- Die Wahl des Vereins ist entscheidend: Deine wichtigste Aufgabe ist es, eine seriöse, transparente und nachhaltig arbeitende Tierschutzorganisation zu finden.
- Realität statt Romantik: Sei dir bewusst, dass du mit Kosten für Schäden, einem hohen Zeitaufwand für die Vermittlung und emotionalen Belastungen rechnen musst.
- Sozialkompetenz vor Tricks: Das Wertvollste, was ein Pflegehund bei dir lernt, ist nicht „Sitz“ oder „Platz“, sondern der sichere Umgang mit dem Alltag, Frustrationstoleranz und Ruhe.
- Die ersten Tage sind eine Ausnahmezeit: Ruhe, klare Strukturen und umsichtiges Management sind in der Ankunftsphase wichtiger als eine sofortige Integration oder Training.
- Der Vermittlungsprozess fordert Geduld: Die Suche nach dem perfekten Zuhause ist oft der anstrengendste Teil und erfordert viel Zeit für Gespräche und Treffen mit Interessenten.
- Mitspracherecht ist keine Selbstverständlichkeit: Kläre vorab, wie sehr deine Einschätzung des Hundes bei der finalen Vermittlungsentscheidung berücksichtigt wird, um Konflikte zu vermeiden.
- Sei auf alles vorbereitet: Schäden an Möbeln, Kleidung oder Technik gehören dazu. Eine Hundehaftpflichtversicherung über den Verein deckt keine Schäden in deinem eigenen Haushalt ab.
Motivation und persönliche Beweggründe: Mehr als nur Tierliebe
Zu Beginn des Gesprächs beleuchten Johanna und Toni, was sie persönlich dazu bewogen hat, Pflegestelle zu werden. Für Toni, die als Hundetrainerin arbeitet, war es eine Mischung aus professionellem Interesse und persönlicher Neugier. Sie erklärt, dass die Arbeit mit unterschiedlichen Hundetypen eine wertvolle Lernerfahrung darstellt und ihr einen praktischen Ausgleich zur anleitenden Tätigkeit im Training bietet. Augenzwinkernd fügt sie hinzu, dass ihr zu einem bestimmten Zeitpunkt auch einfach sehr langweilig war und sie etwas mehr "Spice" in ihrem Leben wollte.
Johanna hingegen hatte bereits zwei eigene Hunde und wollte durch die Aufnahme eines Pflegehundes herausfinden, ob sie sich ein Leben mit drei Hunden vorstellen kann. Ihre Erkenntnis war zunächst, dass drei Hunde deutlich anstrengender sind als zwei - was sie jedoch nicht davon abhielt, immer wieder Pflegehunde aufzunehmen und heute selbst fünf Hunde zu besitzen.
Die Wahl des richtigen Tierschutzvereins: Woran du seriöse Arbeit erkennst
Ein zentraler und ausführlich diskutierter Punkt ist die Auswahl der Tierschutzorganisation, mit der man zusammenarbeitet. Beide sind sich einig, dass dies eine der wichtigsten Entscheidungen ist, die den gesamten Prozess maßgeblich beeinflusst.
Toni berichtet von ihren persönlichen Lernerfahrungen, insbesondere durch eine negative Erfahrung mit einer Organisation, die kein eingetragener deutscher Verein war. Ihre Kriterien für eine Zusammenarbeit sind heute klar definiert:
- Ein in Deutschland eingetragener Verein: Dies stellt sicher, dass es Ansprechpartner und Verantwortliche im eigenen Land gibt.
- Nachhaltiger Tierschutz: Der Verein sollte nicht nur Hunde importieren, sondern auch vor Ort arbeiten, zum Beispiel durch Kastrationskampagnen und Aufklärungsarbeit.
- Fachliche Kompetenz: Die Verantwortlichen sollten nachweislich Ahnung von Hunden und Tierschutzarbeit haben (z.B. durch den §11-Schein).
Johanna ergänzt diese Punkte um konkrete Red Flags, die bei der Recherche nach einem Verein stutzig machen sollten:
- Unrealistische Beschreibungen: Wenn auf einer Website alle Hunde als welpentypisch verspielt, aufgeschlossen, kinder- und katzenlieb beschrieben werden und Vermittlungstexte vor Emojis strotzen, ist Vorsicht geboten.
- Vermittlung unter Zeitdruck: Aktionen wie "50 Hunde müssen vor dem Winter gerettet werden" deuten oft darauf hin, dass der Verein keine Kapazitäten hat, um Rückläufer aufzufangen.
- Fehlende Sicherheitsmaßnahmen: Ein seriöser Verein sorgt dafür, dass Hunde mit Sicherheitsgeschirr übergeben werden und klärt Adoptanten und Pflegestellen über sichere Übergabeprotokolle auf.
Sie betonen, wie wichtig es ist, im persönlichen Gespräch kritische Fragen zu stellen: Was passiert, wenn ein Hund zurückkommt? Wie wird mit Hunden umgegangen, die nach Jahren Verhaltensprobleme zeigen? Welche Kosten werden konkret übernommen? Eine transparente und ehrliche Kommunikation ist hier das A und O.
Der Alltag als Pflegestelle: Zwischen Kosten, Chaos und emotionalen Hürden
Johanna und Toni räumen mit der romantischen Vorstellung auf und schildern den ungeschönten Alltag. Ein wichtiger Aspekt sind die Kosten. Während Tierarztkosten und Versicherungen in der Regel vom Verein getragen werden, ist die Übernahme von Futterkosten nicht immer selbstverständlich. Was jedoch fast nie übernommen wird, sind Schäden, die der Pflegehund im Haushalt anrichtet. Beide teilen Anekdoten von zerbissenen AirPods, angekratzten Wänden, zerstörten Schuhen und einer bepinkelten Hundematratze, die nicht mehr zu retten war. Dies sei ein Teil der Aufgabe, mit dem man rechnen müsse.
Auch die Verweildauer eines Hundes ist unvorhersehbar. Während ein unkomplizierter, süßer Welpe manchmal nur wenige Wochen bleibt, können Hunde mit Verhaltensauffälligkeiten oder gesundheitlichen Problemen monatelang oder sogar länger ein Zuhause auf Zeit benötigen. Der Vermittlungsprozess selbst wird als einer der anstrengendsten Teile beschrieben. Er kostet enorm viel Zeit und Nerven - von unzähligen Telefonaten über Kennenlerntreffen bis hin zum Umgang mit unvorbereiteten Interessenten, die sich grundlegende Informationen nicht einmal durchgelesen haben.
Die ersten Tage: Ein neues Zuhause auf Zeit
Die Ankunft eines neuen Pflegehundes und die Zusammenführung mit den eigenen Hunden erfordert laut den Expertinnen vor allem Ruhe und Management. Es gehe nicht darum, dass sich die Hunde sofort lieben, sondern darum, eine sichere und stressfreie Umgebung zu schaffen. Toni bevorzugt es, den neuen Hund zunächst alleine abzuholen und die erste Begegnung mit ihrem eigenen Hund je nach Situation in der Wohnung oder draußen, aber immer kontrolliert, zu gestalten. Johanna, die ein größeres Rudel hat, lässt neue Hunde oft zunächst im Garten ankommen, wo ihre erfahrenen Hunde die Situation meist schnell und unaufgeregt klären.
Beide betonen, dass die Hunde in den ersten Tagen vor allem eines brauchen: Ruhe, um die anstrengende Reise und die neuen Eindrücke zu verarbeiten. Klare Regeln, feste Plätze und eine strukturierte Routine helfen dem Hund, sich zu orientieren und anzukommen.
Was Pflegehunde wirklich lernen: Eine Basis fürs Leben
Auf die Frage, was Hunde auf einer Pflegestelle lernen, ist die Antwort eindeutig: Es geht weniger um Kommandos wie „Sitz“ oder „Platz“, sondern um lebenspraktische Fähigkeiten. Johanna formuliert es so, dass sie Hunden Dinge beibringt, „die man ihnen nicht mehr wegnehmen kann“. Dazu gehören:
- Sozialverhalten: Lernen, sich in einer Gruppe zurechtzufinden, Grenzen zu respektieren und mit anderen Hunden angemessen zu interagieren.
- Frustrationstoleranz und Ruhe: Aushalten lernen, dass nicht jeder Wunsch sofort erfüllt wird, und lernen, in einem häuslichen Umfeld zu entspannen.
- Umweltgewöhnung (Habituation): Das Kennenlernen von Alltagsreizen wie Stadtgeräuschen, Autofahrten oder dem Besuch fremder Menschen.
Diese Erfahrungen schaffen eine solide Grundlage, die dem Hund den Start in seinem endgültigen Zuhause erheblich erleichtert und wertvoller ist als jede Dressurleistung.
Praktische Checkliste für angehende Pflegestellen
Basierend auf den Erfahrungen von Johanna und Toni lässt sich eine Checkliste für alle erstellen, die überlegen, eine Pflegestelle zu werden:
- Prüfe den Verein genau: Ist er in Deutschland als e.V. registriert? Zeigt er seine Arbeit transparent (z.B. Kastrationsprojekte)? Gibt es positive Erfahrungsberichte?
- Kläre die Finanzen: Frage explizit nach, welche Kosten (Tierarzt, Futter, Versicherung, Spezialfutter) übernommen werden und welche du selbst tragen musst. Denke daran, dass du für Schäden in deiner Wohnung selbst aufkommst.
- Besprich die Zusammenarbeit: Wie läuft die Vermittlung ab? Wie viel Mitspracherecht hast du bei der Auswahl der Adoptanten? Was ist der Notfallplan, wenn ein Hund sofort zurück muss?
- Bereite dein Zuhause vor: Mache deine Wohnung hundesicher. Räume Kabel, Schuhe, wertvolle Gegenstände und alles, was gefährlich sein könnte, außer Reichweite.
- Plane die Ankunft: Sorge für eine ruhige Übergabe. Die Zusammenführung mit eigenen Tieren sollte langsam und strukturiert erfolgen. In den ersten Tagen sind Ruhe und Management das Wichtigste.
- Setze die richtigen Prioritäten: Konzentriere dich darauf, dem Hund Sicherheit, Struktur und Alltagsroutinen zu vermitteln. Das ist wichtiger als das Training von Kommandos.
- Sei ehrlich zu dir selbst: Überlege genau, welche Art von Hund (Größe, Alter, mögliche Probleme) du dir zutraust und in deinen Alltag integrieren kannst. Kommuniziere deine Grenzen klar an den Verein.
Themen
Hinweis: Diese Zusammenfassung wurde mit Hilfe von KI aus dem Transkript der Podcast-Episode generiert.
Alle Inhalte auf Petcaster beruhen auf öffentlich zugänglichen Podcasts aus der Hunde- und Haustierwelt. Wir fassen die Episoden nach bestem Wissen zusammen, übernehmen jedoch keine Gewähr für Vollständigkeit, Aktualität oder Richtigkeit der Inhalte. Die Rechte an den Original-Podcasts und -Inhalten liegen ausschließlich bei den jeweiligen Urheber:innen.
Shownotes
In dieser Podcastfolge sprechen Toni (@wildnisaufpfoten) und ich in einem Instagram Livestream über unsere Erfahrungen als Pflegestelle für Hunde aus dem Tierschutz.
Toni findet ihr auf Instagram unter dem Namen: wildnisaufpfoten
und als Hundetrainerin in Alex' Team in Düsseldorf.
Wir wünschen euch viel Spaß beim Hören dieser Episode.
Cheers 🌰🚀
Johanna & Toni
Mehr zu:
👩🏻 Johanna Spahr
👱🏻♂️ Alexander Schillack
🖥 Website
Keywords
Orientierung am Menschen, Hundeverhalten, Hundetraining, Forschung, Hundetypen, Kommunikation, Genetik, Erziehung, Hundetraining, Hundeerziehung