Wenn gutes Training scheitert: Die Tücken der Gegenkonditionierung
Stell dir vor, du scrollst durch Social Media und stößt auf ein Video, das eine einfache Lösung für das Pöbeln an der Leine verspricht. Ein junger, energiegeladener Labrador, ein Coach, der mit Futter wirft, und die Behauptung, man würde hier die Unsicherheit des Hundes behandeln. Doch was, wenn die grundlegende Annahme falsch ist und das Training den Hund aufgeregter statt ruhiger macht? Genau diesem Szenario widmen sich Johanna Spahr und Alex Schillack in der neuesten Episode ihres Podcasts Furminant.
Auf der Basis eines online gefundenen Trainingsvideos nehmen sie eine populäre Methode unter die Lupe: die Gegenkonditionierung. Die zentrale Frage, die dabei im Raum steht, ist nicht nur, ob die Methode richtig angewendet wird, sondern ob sie überhaupt für das Problem dieses Hundes geeignet ist. Diese Analyse ist für jeden Hundebesitzer relevant, der mit Leinenreaktivität zu kämpfen hat, denn sie zeigt eindrücklich, wie eine falsche Diagnose zu einem Training führen kann, das am eigentlichen Problem vorbeigeht und es im schlimmsten Fall sogar verschlimmert.
Das Wichtigste auf einen Blick
- Fehldiagnose als Kernproblem: Johanna und Alex argumentieren überzeugend, dass der im Video gezeigte Labrador nicht unsicher, sondern primär frustriert ist. Seine Körpersprache - hohe Rute, Anspringen, Aufreiten - deutet auf hohe Erregung und den ungestillten Wunsch nach Kontakt hin, nicht auf Angst.
- Gegenkonditionierung ist hier das falsche Werkzeug: Diese Methode zielt darauf ab, eine negative Emotion (wie Angst) in eine positive umzuwandeln. Da der Hund aber nicht ängstlich, sondern frustriert ist, wird die Methode zweckentfremdet und führt nicht zum gewünschten Ergebnis.
- Das Training steigert die Erregung, statt sie zu senken: Durch das Werfen von Futter wird der Hund zwischen zwei hochinteressanten Reizen hin- und hergerissen - dem anderen Hund und dem Futter. Anstatt zu lernen, ruhig zu bleiben, pendelt er zwischen zwei Zuständen hoher Aufregung.
- Fehlende Konsequenzen für unerwünschtes Verhalten: Der Hund lernt, dass er auch nach dem Pöbeln Futter bekommt. Es gibt keinen spürbaren Nachteil, weshalb das unerwünschte Verhalten nicht abnimmt, sondern sich im schlimmsten Fall verfestigt.
- Mangelnde Übertragbarkeit in den Alltag: Das Training findet in einer sterilen, reizarmen Umgebung mit großem Abstand statt. Im echten Leben, auf einem belebten Gehweg, sind diese Bedingungen nicht reproduzierbar, was den Trainingserfolg im Alltag unwahrscheinlich macht.
Fehldiagnose mit Folgen: Unsicherheit oder doch Frustration?
Der Dreh- und Angelpunkt der gesamten Diskussion ist die Interpretation des Hundeverhaltens. Während die Trainerin im Video von einem unsicheren Hund ausgeht, sehen Johanna und Alex ein völlig anderes Bild. Alex beschreibt einen Hund, der mit gespannter Leine, fixierendem Blick und Muskelzittern vor Aufregung dasteht. Sobald er die Anspannung nicht mehr halten kann, explodiert er in einem frustrierten Bellen. Seine Freude, wenn er sich umdreht, um das geworfene Futter zu jagen - mit einem weichen, propellerartig wedelnden Schwanz -, ist für beide Hosts ein klares Zeichen für eine positive, wenn auch hoch erregte Grundstimmung. Das ist ein entscheidender Punkt, denn die gesamte Trainingsstrategie baut auf dieser ersten Annahme auf. Liegt man hier falsch, ist der Rest des Plans bestenfalls ineffektiv, schlimmstenfalls kontraproduktiv.
Johanna ergänzt, dass Verhaltensweisen wie das Anspringen und das Aufreiten am Menschen ebenfalls typische Übersprungshandlungen bei Frust und Übererregung sind, jedoch selten aus Unsicherheit resultieren. Ein wirklich unsicherer Hund, so erklärt sie, würde eher Schutz suchen, vielleicht versuchen, auf den Arm zu klettern, und dabei eine defensive, zurückhaltende Körperhaltung zeigen. Die Fehldiagnose führt dazu, dass man versucht, ein Problem zu lösen, das der Hund gar nicht hat, während die eigentliche Ursache - die mangelnde Frustrationstoleranz - unbehandelt bleibt.
Gegenkonditionierung auf dem Prüfstand: Die falsche Methode für das falsche Problem
Die im Video gezeigte Methode ist die Gegenkonditionierung. Das Ziel ist es, die emotionale Reaktion eines Hundes auf einen bestimmten Reiz (hier der andere Hund) zu verändern. Normalerweise wird sie eingesetzt, um Angst oder Furcht in eine neutrale oder positive Erwartungshaltung umzuwandeln. Der Anblick eines anderen Hundes soll nicht mehr "Oh nein, Gefahr!" bedeuten, sondern "Oh super, gleich gibt es Futter!".
Da der Labrador aber gar keine Angst hat, sondern hinwill, wird hier keine negative Emotion umgekehrt. Stattdessen wird eine bereits hohe, positive Erwartungshaltung (Kontaktwunsch) durch eine andere hohe, positive Erwartungshaltung (Futter) überlagert. Alex bringt es auf den Punkt: Das Training zielt nicht darauf ab, Ruhe zu etablieren. Stattdessen wird ein aufgeregtes Verhalten (zum Hund ziehen) durch ein anderes aufgeregtes Verhalten (Futter jagen) ersetzt. Es wird keine Impulskontrolle oder ruhiges Aushalten trainiert, sondern lediglich die Aufmerksamkeit des Hundes umgelenkt.
Ein Teufelskreis der Erregung: Warum der Hund nicht ruhiger wird
Ein besonders kritischer Punkt, den die Podcaster herausarbeiten, ist die stetig hohe Erregungslage des Hundes. Die Trainerin im Video stellt selbst fest, dass der Hund im Laufe des Trainings aufgeregter wird, schiebt dies aber auf die positive Verknüpfung mit dem Futter. Für Johanna und Alex ist genau das das Problem. Anstatt den Hund in einen Zustand zu bringen, in dem er lernen kann, eine Situation ruhig zu bewältigen, wird er in einem Zustand der Hektik gehalten. Er lernt nicht, seine Impulse zu kontrollieren, sondern nur, sie in eine andere Richtung zu kanalisieren.
Ich kenne das aus eigener Erfahrung: Ein Hund, der ohnehin schon zu hoher Erregung neigt, kann durch schnell geworfenes Futter noch weiter hochfahren. Es entsteht ein Verhalten, das zwar vom ursprünglichen Problem ablenkt, aber keine nachhaltige Lösung darstellt. Der Hund lernt nicht, die Anwesenheit eines anderen Hundes zu ertragen, sondern erwartet eine Party, sobald ein Artgenosse auftaucht. Die Idee der Trainerin, das Futter später auszuschleichen, halten beide für unrealistisch, da das Futter das einzige ist, was den Hund in diesem Moment davon abhält, in die Leine zu springen.
Fairness im Hundetraining: Warum das Leben auch Enttäuschungen bereithält
Johanna führt einen Gedanken ein, der über die reine Trainingstechnik hinausgeht: Fairness. Sie argumentiert, dass ein Ansatz, bei dem der Hund quasi nur gewinnen kann und nie lernt, mit einer Enttäuschung umzugehen, dem Hund gegenüber unfair ist. Das Leben, besonders für einen Stadthund, besteht aus unzähligen Momenten, in denen Wünsche unerfüllt bleiben. Er kann nicht zu jedem Hund hin, nicht jeden Geruch verfolgen und nicht jede Taube jagen. Ein Training, das den Hund nicht darauf vorbereitet, Frust auszuhalten und ruhig zu bleiben, wenn sich eine Erwartung nicht erfüllt, macht ihn für den Alltag ungeeignet.
Statt den Hund in Watte zu packen, wäre es fairer, ihm beizubringen, dass es okay ist, wenn mal etwas nicht geht, und dass er sich auf seinen Menschen verlassen kann, der ihn sicher durch solche Situationen führt. Dieser Ansatz fehlt im gezeigten Video komplett, da jeder potenziell frustrierende Moment sofort mit einem Futter-Highlight überspielt wird.
Was Du aus dieser Analyse lernen kannst
Auch wenn die Episode eine spezifische Methode kritisiert, liefert sie wertvolle Denkanstöße für dein eigenes Training. Hier sind die wichtigsten Lehren, die du aus der Analyse von Johanna und Alex ziehen kannst:
- Analysiere die Ursache, nicht nur das Symptom: Bevor du mit dem Training beginnst, frage dich ehrlich, *warum* dein Hund ein bestimmtes Verhalten zeigt. Ist es Angst, Unsicherheit, Frustration, Langeweile oder territoriale Aggression? Die Antwort bestimmt die richtige Strategie. Eine falsche Diagnose führt unweigerlich zu falschem Training.
- Definiere ein klares, ruhiges Zielverhalten: Anstatt den Hund nur irgendwie vom Pöbeln abzuhalten, überlege dir, was er stattdessen tun soll. Soll er ruhig neben dir sitzen? Soll er dich anschauen? Soll er entspannt im "Fuß" an anderen Hunden vorbeigehen? Trainiere aktiv auf dieses ruhige Verhalten hin, anstatt nur ein unerwünschtes durch ein anderes aufgeregtes zu ersetzen.
- Achte auf die Erregungslage: Ein gutes Training sollte die Erregung deines Hundes senken und ihn in einen lernfähigen Zustand versetzen. Wenn deine Methode deinen Hund hektischer und aufgeregter macht, ist sie wahrscheinlich nicht die richtige für das Problem oder den Hundetyp.
- Bereite deinen Hund auf das echte Leben vor: Training im Labor-Setting ist ein guter Anfang, aber es muss auf den Alltag übertragbar sein. Lehre deinen Hund, mit kleinen Enttäuschungen umzugehen und Frustration zu ertragen. Das macht ihn zu einem souveränen und verlässlichen Begleiter in allen Lebenslagen.
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Hinweis: Diese Zusammenfassung wurde mit Hilfe von KI aus dem Transkript der Podcast-Episode generiert.
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Shownotes
Johanna und Alex waren mal wieder im Internet unterwegs und haben da was gefunden. Ein Video, in dem die Gegenkonditionierung als Trainingsweg beim Pöbeln an der Leine gewählt wird.
Johanna und Alex besprechen nicht nur die Sinn- oder Unsinnhaftigkeit dieser Methode. Sie sprechen über die Ursachen von Pöbeln, die unterschiedlichen Sichtweisen auf Hunde und ihr Verhalten und wieso manche Meinungen einfach falsch sind.
Das besprochene Reel findet ihr hier:
https://www.instagram.com/reel/DTCtV5vjd32/?igsh=MXc4ZnpsMzY5ZTczcA==
Viel Freude mit dieser Episode
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