Hund rastet bei Begegnungen aus? Was Raufergruppen wirklich bringen (mit Expertin Nadin Matthews)
Stell dir vor, jeder Spaziergang wird zum Spießrutenlauf. Du scannst unentwegt den Horizont nach anderen Hunden, die Leine ist schweißnass in deiner Hand, und dein Puls schnellt in die Höhe, sobald ein Artgenosse in Sicht kommt. Wenn du einen Hund hast, der bei Begegnungen aus dem Fell fährt, kennst du dieses Gefühl nur zu gut. Doch was, wenn es einen geschützten Raum gäbe, in dem dein Hund - und auch du - lernen könnte, Konflikte sicher und souverän zu meistern? Genau um diesen Raum geht es in der neuen Folge des Podcasts Hundsf(a)elle.
Die Moderatoren Yvonne Nawrat und Mustafa Irmak haben sich dafür eine der renommiertesten Expertinnen für Aggressionsverhalten bei Hunden eingeladen: Nadin Matthews. Als Gründerin der Hundetrainer-Ausbildung Dogument und Spezialistin für Angst- und Aggressionsthemen hat sie das Konzept der sogenannten Raufergruppen in Deutschland entscheidend mitgeprägt. Gemeinsam räumen sie mit Mythen auf und erklären, warum diese Gruppen weniger mit Kämpfen und mehr mit sozialer Heilung zu tun haben - ein Hoffnungsschimmer für alle, die sich mit ihrem sozial unverträglichen Hund alleingelassen fühlen.
Das Wichtigste auf einen Blick
- Keine Kampfarena, sondern ein Lernfeld: Eine Raufergruppe ist kein Ort, an dem Hunde das Raufen lernen oder Aggression gefördert wird. Nadin beschreibt sie als ein hochgradig reguliertes und professionell begleitetes soziales Lernfeld, in dem Hunde soziale Kompetenzen nachreifen können, die sie nie gelernt haben.
- Regulation statt Eskalation: Das Kernziel ist nicht, Aggression zu unterbinden, sondern dem Hund beizubringen, sich auch unter starker Erregung selbst zu regulieren. Er lernt, feiner und differenzierter zu kommunizieren, statt unkontrolliert loszuschießen.
- Konfliktkompetenz ist essenziell: Die Expertin betont, dass unsere gesellschaftliche Konfliktscheu auf die Hundeerziehung abfärbt. Hunde, die nie lernen durften, Auseinandersetzungen zu führen, werden sozial "dumm und laut" - sie reagieren entweder mit panischer Angst oder extremer Grobheit.
- Der Mensch im Mittelpunkt: Raufergruppen sind auch eine Art Selbsthilfegruppe für die Halter. Es geht darum, eigene Ängste zu überwinden, den Hund besser lesen zu lernen und Sicherheit im Umgang zu gewinnen. Die emotionale Unterstützung und der Austausch mit Gleichgesinnten sind ein entscheidender Teil des Erfolgs.
- Vorbereitung ist alles: Ein Hund-Mensch-Team platzt nicht einfach so in eine Raufergruppe. Eine gute Hundeschule besteht auf einer sorgfältigen Vorbereitung durch Einzeltraining, in dem an der Beziehung, dem Management und der grundlegenden Kommunikation gearbeitet wird.
- Nicht jeder Hund ist geeignet: Eine professionelle Einschätzung ist unerlässlich. Hunde, die ernsthaft beschädigen wollen oder psychisch so instabil sind, dass sie in einer Gruppe überfordert wären, gehören laut Nadin nicht in dieses Setting.
Was sind Raufergruppen wirklich? Entmystifizierung eines brisanten Themas
Der Begriff "Raufergruppe" löst bei vielen sofort Bilder von knurrenden, kämpfenden Hunden aus. Nadin Matthews stellt von Anfang an klar, dass dies ein großes Missverständnis ist. Sie vergleicht den Prozess mit einer Art pädagogischer Nachreifung. Viele Hunde, die als "Raufer" gelten, hatten nie die Chance, in einem sicheren Rahmen zu lernen, wie man Grenzen setzt, Signale richtig deutet und einen Streit beendet, bevor er eskaliert. Ihnen fehlt schlicht die Erfahrung. Eine gut geführte Raufergruppe ist das Gegenteil einer chaotischen Hundewiese: Sie ist ein hochgradig strukturierter und begleiteter Raum, in dem Fehler passieren dürfen, ohne dass es zu Anzeigen oder Verletzungen kommt.
Yvonne und Mustafa bestätigen aus ihrer eigenen Praxis, dass es vor allem darum geht, den Hunden mehr Handlungsoptionen als nur den "Hammer" der Aggression zu geben. Nadin erklärt, dass am Ende einer erfolgreichen Raufergruppen-Zeit oft eine Spielgruppe steht. Die Hunde haben gelernt, dass es auch andere, schönere Wege der Interaktion gibt - vom gemeinsamen Spiel bis hin zu sexuellen Verhaltensweisen wie dem Aufreiten, das in diesem Kontext oft eine deeskalierende Funktion hat. Die Gruppe wird dann liebevoll zur "Softy-Gruppe".
Warum Streiten für Hunde (und uns) so wichtig ist
Einer der spannendsten Punkte, den Nadin anspricht, ist unsere eigene menschliche Angst vor Konflikten. In einer Welt des "Ghostens" und Blockierens, so ihre Analyse, haben wir verlernt, Auseinandersetzungen konstruktiv zu führen. Diese Haltung übertragen wir oft auf unsere Hunde. Wir erschrecken bei jedem Knurren und wollen jede Form von Aggression im Keim ersticken. Dabei, so Nadin, ist Aggressionsverhalten ein normaler und wichtiger Teil der hündischen Kommunikation. Es dient der Distanzregulierung und dem Klären von Verhältnissen.
Was passiert mit Hunden, die das nie lernen dürfen? Nadins Antwort ist ebenso prägnant wie einleuchtend: Sie werden sozial "dumm und laut". Ihnen fehlt der soziale Werkzeugkasten, um mit Meinungsverschiedenheiten umzugehen. Entweder reagieren sie mit extremer Angst und Unsicherheit oder sie schießen sofort und undifferenziert los, weil sie nie feinere Abstufungen der Kommunikation gelernt haben. Ich muss dabei an die vielen Begegnungen denken, bei denen Halter ihre Hunde sofort wegziehen, wenn diese auch nur die Lefzen hochziehen. Man meint es gut, verhindert aber einen wichtigen Lernprozess. Hunde, so Nadin, sind oft viel besser im Streiten und Vertragen als wir - sie klären die Fronten und danach ist die Sache oft wieder erledigt.
Wer gehört in eine Raufergruppe - und wer nicht?
Die Entscheidung für eine Raufergruppe sollte niemals leichtfertig getroffen werden. Mustafa und Yvonne betonen, wie wichtig ein Vorgespräch und meist mehrere Einzelstunden sind. Nadin erklärt, dass der typische Kandidat ein Hund ist, dessen Eskalationen aus Unsicherheit und mangelnder Erfahrung resultieren. Er ist oft ansprechbar, aber schnell überfordert.
Gleichzeitig gibt es klare Ausschlusskriterien. Ein Hund, der ohne Hemmung und mit der klaren Absicht, ernsthaft zu verletzen, angreift, ist hier fehl am Platz. Auch Hunde, die psychisch so instabil sind, dass sie die Gruppendynamik nicht verarbeiten können, benötigen zunächst eine andere Form der Therapie, die sich auf die Stabilisierung der Mensch-Hund-Beziehung konzentriert. Die Zusammenstellung der Gruppe ist eine Kunst für sich. Manchmal besteht eine Raufergruppe, so Nadin, aus zehn souveränen, sozial kompetenten Hunden und nur einem einzigen Raufer, der von der Gelassenheit der anderen lernen kann.
Ein ebenso wichtiger Faktor ist der Mensch. Die Halter müssen bereit sein, an sich selbst zu arbeiten, ihre Emotionen zu regulieren und ihrem Hund Sicherheit zu vermitteln. Die Gruppe wirkt hier oft wie eine Therapie, weil man merkt: Ich bin nicht allein. Das Gefühl, verstanden zu werden und sich nicht für den eigenen Hund schämen zu müssen, ist für viele eine enorme Erleichterung.
Der Rahmen macht den Erfolg: So sieht eine gute Raufergruppe aus
Wie verhindert man, dass eine solche Gruppe ins Chaos abgleitet? Nadin beschreibt einen sehr durchdachten Ablauf, der wenig mit dem Bild einer wilden Rauferei zu tun hat. Eine Stunde beginnt oft nicht mit dem Ableinen der Hunde, sondern mit den Menschen. Es gibt eine Anfangsrunde, in der über die vergangene Woche gesprochen wird. Manchmal werden sogar Atemübungen oder meditative Techniken eingesetzt, um die Halter zu beruhigen - denn ihre Anspannung überträgt sich direkt auf die Hunde.
Erst wenn eine entspannte und konzentrierte Atmosphäre herrscht, beginnt die Arbeit mit den Hunden. Die Trainer haben die Aufgabe, das Tempo zu drosseln, für Klarheit zu sorgen und zu verhindern, dass die Erregung sich hochschaukelt. Ihre Souveränität und ihr Humor sind ansteckend und schaffen einen Raum, in dem Lernen möglich wird. Der Prozess ist eine Persönlichkeitsentwicklung für beide Seiten des Leinenendes und zeigt, dass hinter aggressivem Verhalten oft nur ein Hund steckt, der Hilfe braucht, um die Welt besser zu verstehen.
Themen
Hinweis: Diese Zusammenfassung wurde mit Hilfe von KI aus dem Transkript der Podcast-Episode generiert.
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Shownotes
Raufergruppe beim Hund – Warum Konflikte wichtig sind
Aggression beim Hund? Für viele ein absolutes Tabuthema.
Doch was passiert, wenn dein Hund nie gelernt hat, Konflikte zu lösen?
In dieser Folge sprechen wir mit Nadin Matthews über Raufergruppen und darüber, warum Konflikte kein Problem sind, sondern eine wichtige Fähigkeit. Du erfährst, warum viele Hunde „laut und unsicher“ werden, wenn ihnen diese Erfahrung fehlt sich vernünftig zu streiten und wie ein sicher geführter Rahmen deinem Hund helfen kann, endlich sozial kompetent zu werden.
- Was Raufergruppen wirklich sind
- Warum Konflikte wichtig für Hunde sind
- Was passiert, wenn Hunde das nie lernen
- Für welche Hunde das sinnvoll ist
DOGUMENT
Webinare & Bücher
Yvonne
http://www.hundetraining-paradogs.de/
https://www.instagram.com/hundetraining_paradogs
Mustafa
https://www.instagram.com/positivedogacademy
Podcast
https://www.instagram.com/hundsfaelle_podcast
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