Notfall oder Kleinigkeit? Tierärzte erklären, wann du sofort handeln musst

132 - Notfälle beim Hund richtig einschätzen - Interview mit Dr. Christine & Dr. Christian Nees

132 - Notfälle beim Hund richtig einschätzen - Interview mit Dr. Christine & Dr. Christian Nees

22. Februar 2026 · Hundsfaelle - der Hundepodcast für Ersthundebesitzer bis Profis

Stell dir vor, dein Hund humpelt plötzlich nach dem Toben im Park. Dein erster Impuls? Google. Innerhalb von Sekunden landest du in einem Labyrinth aus Forenbeiträgen, Social-Media-Gruppen und selbsternannten Experten. Die Diagnosen reichen von einer harmlosen Zerrung bis hin zu einem Knochentumor. Diese Flut an Informationen, oft widersprüchlich und alarmierend, lässt viele Hundebesitzer ratlos und verängstigt zurück. Genau hier setzt die neue Folge des Podcasts Hundsf(a)elle an.

Die Moderatoren Yvonne Nawrat und Mustafa Irmak haben sich zwei besondere Gäste eingeladen, die Licht ins Dunkel des medizinischen Halbwissens bringen: Das Tierärzte-Ehepaar Dr. Christine Nees und Dr. Christian Nees. Mit jahrzehntelanger Erfahrung aus ihrer eigenen Tierklinik und als Autoren des neuen Buches Hunde Sprechstunde, bieten sie eine fundierte und beruhigende Perspektive. In diesem Gespräch geht es um die zentrale Frage, die uns alle umtreibt: Wie unterscheiden wir eine Kleinigkeit von einem echten Notfall? Die Episode ist ein unverzichtbarer Leitfaden für alle, die sich eine sichere und kompetente Orientierung für die Gesundheit ihres Hundes wünschen, anstatt sich im digitalen Rauschen zu verlieren.

Das Wichtigste auf einen Blick

  • Prophylaxe statt Panik: Christine plädiert für einen Wandel von der reinen "Krankmedizin" hin zur "Gesundmedizin". Das bedeutet, durch vorausschauende Pflege, richtige Ernährung und Bewegung Krankheiten vorzubeugen, anstatt nur Symptome zu behandeln.
  • Die Wahrheit über Wachstumsschmerzen: Lahmheit bei Junghunden wird oft als harmlose Wachstumsstörung abgetan. Christian warnt jedoch, dass dahinter ernste, genetisch bedingte Erkrankungen wie Ellenbogen- oder Hüftdysplasie (ED/HD) stecken können, die frühzeitig erkannt werden müssen.
  • Finger weg von der Frühkastration: Eine zu frühe Kastration, insbesondere bei Rüden, kann den Verschluss der Wachstumsfugen verzögern. Dies stört das Knochenwachstum und kann zu langfristigen orthopädischen Problemen führen.
  • Stress ist nicht gleich Stress: Das Thema Stress wird oft von Menschen auf ihre Hunde projiziert. Während chronischer Stress tatsächlich krank machen kann (z. B. Magen-Darm-Probleme auslösen), ist es kontraproduktiv, einen Hund aus übertriebener Sorge permanent zu schonen. Ein artgerecht ausgelasteter Hund ist ein gesunder Hund.
  • Wann du sofort zum Tierarzt musst: Es gibt klare Warnsignale, bei denen du nicht zögern solltest. Dazu gehören einseitige, schmerzhafte Augenprobleme, ein plötzlich aufblähender Bauch (Verdacht auf Magendrehung), schwere Verletzungen und plötzliche Apathie.
  • Kritischer Umgang mit Informationen: Ob Google, Social Media oder KI-Tools wie ChatGPT - nutze digitale Quellen als Anregung, aber niemals als finale Diagnose. Ein Gespräch mit einem echten Fachexperten, der deinen Hund individuell betrachtet, ist unersetzlich.

Die Wunschfee für die Hundewelt: Einblicke in die Sorgen von Tierärzten

Zu Beginn der Folge geben Christine und Christian einen tiefen Einblick in die systemischen Herausforderungen, mit denen sie als Tierärzte täglich konfrontiert sind. Ihre Wünsche an eine "Wunschfee" sind weniger fantastisch als vielmehr ein dringender Appell an die Politik und die Gesellschaft. Christian wünscht sich eine drastische Verbesserung der tierärztlichen Notdienstversorgung, die aktuell unter dem strengen Arbeitszeitengesetz und dem Kliniksterben leidet. Für Hundebesitzer ist das eine greifbare Sorge: Wer schon einmal nachts oder am Wochenende verzweifelt eine offene Praxis gesucht hat, weiß, wie ernst die Lage ist. Sein zweiter Wunsch, eine höhere Quote an krankenversicherten Hunden, zielt darauf ab, dass notwendige Behandlungen nicht an finanziellen Hürden scheitern - ein Problem, das in Deutschland mit unter 20 % versicherten Hunden weitaus größer ist als in Skandinavien, wo es teilweise 80 % sind.

Christine ergänzt diese Perspektive mit Wünschen, die direkt beim Hundehalter ansetzen. Sie plädiert für mehr Verantwortung vor der Anschaffung eines Hundes: Passt das Tier wirklich zum eigenen Leben, und sind die finanziellen Mittel für den Ernstfall vorhanden? Ihr wichtigster Punkt ist jedoch der Wandel von einer reaktiven "Krankmedizin" zu einer proaktiven "Gesundmedizin". Anstatt nur zu behandeln, was bereits kaputt ist, sollten Tierärzte Halter anleiten, ihre Tiere durch Prävention gesund zu erhalten. Das ist ein fundamentaler Perspektivwechsel, der den Fokus auf Ernährung, artgerechte Bewegung und mentale Auslastung legt.

Hilfe zur Selbsthilfe: Wann ist der Tierarztbesuch wirklich nötig?

Die Kernbotschaft des Buches Die Hunde-Sprechstunde und des Gesprächs ist die Ermächtigung der Hundehalter. Christine stellt klar, dass etwa 90 % der Anrufe im Notdienst keine echten Notfälle sind. Viele Sorgen entstehen aus Unsicherheit. Das Buch soll hier als verlässlicher Kompass dienen. Anstatt bei jedem kleinen Symptom in Panik zu verfallen, lernen Leser, Situationen besser einzuschätzen. Ein klassisches Beispiel: Ein Hund kommt vom Spaziergang durchs Feld zurück und hat zwei gerötete Augen. Das ist höchstwahrscheinlich eine Reizung oder Allergie und kann bis zur nächsten regulären Sprechstunde warten. Kneift er jedoch ein Auge stark zu und zeigt Schmerzen, könnte es sich um eine Hornhautverletzung handeln - ein absoluter Notfall.

Diese Fähigkeit zur Differenzierung entlastet nicht nur die überfüllten Notdienste, sondern auch den Hundehalter selbst. Statt sich von Dr. Google verrückt machen zu lassen, bietet das Buch eine strukturierte, von Experten geprüfte Informationsquelle. Es geht darum, eine gesunde Balance zu finden: kritische Symptome nicht zu übersehen, aber auch nicht wegen jeder Kleinigkeit unnötigen Stress für sich und den Hund zu erzeugen.

Wachstum, Bewegung, Kastration: Die häufigsten Mythen rund um den Junghund

Gerade bei Welpen und Junghunden sind Besitzer oft besonders unsicher. Einer der hartnäckigsten Mythen ist die pauschale Bewegungsregel, etwa fünf Minuten pro Lebensmonat. Christine rät hier zu gesundem Menschenverstand. Es geht nicht um die gestoppte Zeit, sondern um die Art der Belastung. Ein junger Hund muss nicht stundenlang am Fahrrad laufen, aber er muss auch nicht in Watte gepackt werden. Wichtiger ist, Überstimulation durch ständiges Bespielen zu vermeiden und die Ruhephasen des Hundes zu respektieren.

Ein weiteres kritisches Thema ist Lahmheit im Wachstum. Christian warnt davor, dies vorschnell als harmlose Wachstumsschmerzen abzutun. Oft stecken dahinter genetische Prädispositionen wie die Ellenbogen- oder Hüftdysplasie (ED/HD). Werden diese nicht frühzeitig durch eine genaue Diagnostik erkannt, kann dies zu lebenslanger Arthrose führen. Hier spielt auch die Ernährung eine entscheidende Rolle: Ein zu schnelles Wachstum durch übermäßig energiereiches Futter kann diese Probleme verschlimmern.

Besonders eindringlich warnen beide Tierärzte vor der Frühkastration. Der Eingriff in den Hormonhaushalt vor Abschluss des Wachstums kann katastrophale Folgen haben. Die für den Verschluss der Wachstumsfugen zuständigen Hormone fehlen, was zu unproportional langen Knochen und einem erhöhten Risiko für Gelenkerkrankungen und sogar bestimmte Krebsarten führt. Dem Druck von Hundeschulen oder aus dem Umfeld sollte man hier widerstehen und stattdessen an den Verhaltensweisen arbeiten, die zur Kastrationsempfehlung geführt haben.

Stress, Allergien und chronische Leiden: Wenn die Ursache tiefer liegt

Das Thema Stress ist in der Hundewelt allgegenwärtig. Christine erklärt, dass Menschen oft ihre eigene Vorstellung von Stress auf den Hund übertragen. Einen Hund aus Sorge vor Überforderung zu schonen, kann paradoxerweise zu noch mehr Stress führen, weil seine artgerechten Bedürfnisse nach Bewegung und mentaler Beschäftigung nicht erfüllt werden. Chronischer Stress (Distress) kann jedoch tatsächlich körperliche Symptome wie Magen-Darm-Probleme oder wiederkehrende Blasenentzündungen auslösen. Hier ist es wichtig zu unterscheiden: Was ist gesunde Aufregung (Eustress), die zum Lernen notwendig ist, und was ist eine dauerhafte Belastung?

Oft liegen die Ursachen für wiederkehrende Probleme tiefer, als es auf den ersten Blick scheint. Als Paradebeispiel nennt Christian chronische Ohrenentzündungen. Häufig wird nur das Ohr behandelt, obwohl die eigentliche Ursache eine unentdeckte Futtermittelallergie ist, die sich über die Haut und eben auch die Ohren äußert. Ähnliches gilt für immer wiederkehrende Magen-Darm-Beschwerden oder Lahmheiten. Anstatt nur die Symptome zu bekämpfen, ist eine ganzheitliche Diagnostik erforderlich, die den Hund als Gesamtsystem betrachtet.

Umgang mit der Informationsflut: Von Dr. Google bis ChatGPT

Die digitale Welt bietet Segen und Fluch zugleich. Einerseits sind informierte Tierhalter, die mit Vorwissen in die Praxis kommen, oft gute Gesprächspartner. Andererseits kann die Informationsflut zu festgefahrenen Meinungen und Selbstdiagnosen führen, die eine offene Beratung erschweren. Yvonne teilt eine persönliche Anekdote über ihren GPS-Tracker, der ihr anzeigt, ihre Schäferhündin bewege sich unter dem Rassendurchschnitt. Dies erzeugte bei ihr ein schlechtes Gewissen, obwohl die Bewegung für ihren individuellen, eher ruhigen Hund genau passend ist. Dieses Beispiel zeigt perfekt die Gefahr von pauschalen Daten und Trackern: Sie ignorieren die Individualität des Tieres.

Christine warnt davor, sich blind auf Technologie wie KI oder Telemedizin zu verlassen, insbesondere wenn diese von unerfahrenen Anbietern stammt. Diese Werkzeuge können unterstützend wirken, aber sie ersetzen niemals die klinische Erfahrung und die Fähigkeit eines Tierarztes, den Hund live zu sehen, zu tasten und die Gesamtsituation einzuschätzen. Der Appell ist klar: Nutze die digitalen Möglichkeiten zur Vorbereitung, aber überlasse die Diagnose den Profis.

Praktische Schritte für den Notfall und die Vorsorge

Um im Ernstfall handlungsfähig zu sein und Krankheiten bestmöglich vorzubeugen, kannst du einige konkrete Schritte umsetzen. Diese basieren auf den Empfehlungen der Experten aus dem Gespräch.

  1. Bereite dich auf den Notfall vor: Lege dir eine kleine Hausapotheke für deinen Hund an. Dazu gehören ein Fieberthermometer, Desinfektionsmittel (das nicht brennt) und Verbandsmaterial. Speichere die Telefonnummer deiner Tierarztpraxis und der nächstgelegenen 24/7-Tierklinik in deinem Handy. So verlierst du im entscheidenden Moment keine wertvolle Zeit.
  2. Beginne früh mit dem Medical Training: Übe mit deinem Hund von klein auf, sich überall anfassen zu lassen. Schau ihm spielerisch in die Ohren und ins Maul, hebe seine Pfoten an. Dies baut Vertrauen auf und reduziert den Stress bei Untersuchungen oder im Notfall enorm. Das Training eines gut sitzenden Maulkorbs ist ebenfalls eine wertvolle Fähigkeit, die im Schmerzfall dich, deinen Hund und das Praxisteam schützt.
  3. Triff eine bewusste Entscheidung für einen Hund: Bevor du dir einen Hund anschaffst, analysiere ehrlich deine Lebensumstände. Passt die Rasse zu deinem Alltag? Hast du die Zeit und die finanziellen Mittel, auch für unvorhergesehene Tierarztkosten? Eine frühzeitig abgeschlossene Tierkrankenversicherung kann hier eine große finanzielle und emotionale Entlastung sein.
  4. Lerne, die roten Flaggen zu erkennen: Es gibt Symptome, bei denen du sofort handeln musst. Dazu gehören vor allem:
    • Ein plötzlich aufblähender, harter Bauch.
    • Starkes Zukneifen eines Auges, begleitet von Schmerzen.
    • Apathie, also wenn dein Hund plötzlich teilnahmslos in der Ecke liegt und nicht mehr aufsteht.
    • Tiefe Bissverletzungen.
    • Anhaltendes, unproduktives Würgen.

Petcaster
Zusammengefasst von Anja Schirwinski

Seit meine Hündin Frida mit fünf Monaten aus einem rumänischen Shelter zu mir kam, beschäftige ich mich intensiv mit Hundethemen - von Alltagstraining bis Verhaltensbesonderheiten. Viele der Fragen, die in Podcasts besprochen werden, kenne ich aus unserer gemeinsamen Erfahrung nur zu gut. Deshalb fasse ich hier die für mich interessantesten Podcastfolgen zusammen und ergänze sie mit meinen eigenen Erlebnissen mit Frida.

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Hinweis: Diese Zusammenfassung wurde mit Hilfe von KI aus dem Transkript der Podcast-Episode generiert.

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