Grenzen setzen beim Hund: Warum faire Hundeerziehung mit Selbstreflexion beginnt

125: Wir reden über Hunde – und meinen unsere eigene Geschichte. Maren Grote über Grenzen in der Hundeerziehung

125: Wir reden über Hunde – und meinen unsere eigene Geschichte. Maren Grote über Grenzen in der Hundeerziehung

16. Juni 2026 · The Petfood Family - der Hunde-Podcast

Wann ist ein Verbot fair? Wann ist eine Grenze nötig? Und warum explodieren Diskussionen über dieses Thema in der Hundewelt regelmäßig? Es fühlt sich oft so an, als gäbe es nur zwei Lager: die einen, die klare Kante fordern, und die anderen, die jegliche Form von Strafe ablehnen. In der neuesten Folge des Podcasts The Petfood Family trifft Moderator Jan Dießner auf die Hundetrainerin und Autorin Maren Grote. Anlass ist ihr neues Buch Grenzen in der Hundeerziehung, doch das Gespräch entwickelt sich schnell zu einer tiefgreifenden Analyse, die weit über Hundetraining hinausgeht.

Gemeinsam entwirren sie, warum uns dieses Thema so persönlich berührt und kommen zu einer verblüffenden Erkenntnis: Vielleicht streiten wir gar nicht über unsere Hunde. Vielleicht streiten wir über die Summe unserer eigenen Lebenserfahrungen, unsere Erziehung und die Werte, die uns geprägt haben. Diese Episode ist ein Muss für alle, die verstehen wollen, was wirklich hinter den Kulissen der hitzigen Debatten steckt und wie wir einen konstruktiveren, faireren Weg im Umgang mit unseren Hunden - und miteinander - finden können.

Das Wichtigste auf einen Blick

Die Diskussion über Grenzen und Strafen ist selten eine rein fachliche. Sie ist ein Spiegel unserer eigenen Biografie. Unsere Haltung dazu ist nicht angeboren, sondern das Ergebnis unserer persönlichen Erfahrungen mit Autorität, Konflikten und Beziehungen.

  • Konflikte sind Beziehungspflege: Konflikte zu vermeiden, ist keine nachhaltige Strategie. Ein fair und konstruktiv ausgetragener Konflikt, in dem beide Seiten ihre Bedürfnisse äußern können, stärkt das Vertrauen und die Bindung - zwischen Menschen genauso wie zwischen Mensch und Hund.
  • Trenne Verhalten von Persönlichkeit: Einer der wichtigsten Schritte ist, das Verhalten deines Hundes von seiner Persönlichkeit zu trennen. Du bist nicht gegen deinen Hund, sondern gegen ein bestimmtes Verhalten in einer bestimmten Situation. Dieser gedankliche Wechsel von "Du bist nervig" zu "Dieses Verhalten stört mich gerade" verändert alles.
  • Grenzen setzen braucht keine Wut: Wirkungs- und sinnvolle Grenzen werden nicht aus der Emotion heraus gesetzt, sondern mit einem klaren Plan. Wut und Ärger sind schlechte Ratgeber. Ein ruhiger, überlegter und fairer Umgang ist für den Hund verständlicher und für die Beziehung wertvoller.
  • Ein "Nein" ist immer auch ein "Ja": Jede Grenze, die du setzt, schafft neue Möglichkeiten. Ein "Nein" zum Jagen von Wild kann ein "Ja" zu mehr Freilauf bedeuten. Ein "Nein" zum Anspringen von Besuchern ist ein "Ja" zu entspannteren Begegnungen. Diesen positiven Zweck zu sehen, gibt dem Setzen von Grenzen einen tieferen Sinn.
  • Dein Bauchgefühl ist nicht angeboren: Maren Grote erklärt einen faszinierenden Punkt: Menschen haben kein angeborenes Konzept dafür, wie Erziehung funktioniert. Unser sogenanntes Bauchgefühl ist in Wahrheit eine Sammlung unserer erlernten Erfahrungen. Das bedeutet, wir müssen unsere Intuition immer wieder kritisch hinterfragen.

Warum ein "Streite nicht!" der schlechteste Ratschlag ist

Schon im Kindergarten lernen wir, dass Streiten schlecht ist. "Vertragt euch!", heißt es dann. Aber was, wenn das genau der falsche Ansatz ist? Maren Grote argumentiert, dass Konflikte ein unvermeidbarer und sogar notwendiger Teil jeder Beziehung sind. Sie zu meiden bedeutet, wichtige Themen unter den Teppich zu kehren, bis sie irgendwann zu einem unüberwindbaren Berg anwachsen. Die eigentliche Frage ist nicht, *ob* wir streiten, sondern *wie* wir es tun.

Übertragen auf den Hund bedeutet das: Anstatt Situationen zu meiden, in denen es zu Konflikten kommen könnte (z. B. Spaziergänge an Orten mit vielen Reizen), sollten wir lernen, diese Konflikte fair und verständlich zu managen. Ein Hund, der lernt, dass sein Mensch auch in Meinungsverschiedenheiten - etwa über das Jagen von Nutrias - ein verlässlicher und fairer Partner bleibt, entwickelt ein viel tieferes Vertrauen. Die Erfahrung, einen Konflikt gemeinsam zu meistern, festigt die Bindung. Ich selbst kenne das aus dem Zusammenleben mit meinem sturen Terrier-Mix: Die Momente, in denen wir beide unterschiedliche Ziele hatten und einen Kompromiss aushandeln mussten, waren am Ende die, die uns am meisten zusammengeschweißt haben. Wir haben gelernt, dass unsere Beziehung stark genug ist, um auch mal unterschiedlicher Meinung zu sein.

Der Aha-Moment: Es geht nicht um Hundetraining

Im Laufe des Gesprächs kommt es zu einem Moment, der die gesamte Diskussion in ein neues Licht rückt. Maren Grote erklärt, dass Menschen, anders als viele Tierarten, kein angeborenes "Erziehungsprogramm" besitzen. Alles, was wir über den Umgang mit Kindern - oder eben Hundewelpen - zu wissen glauben, unser sogenanntes Bauchgefühl, ist das Ergebnis unserer eigenen Sozialisation und Erziehung. Unsere Eltern, Lehrer und die Gesellschaft haben uns geprägt und ein inneres Bild davon geformt, was richtig und was falsch ist.

Für Jan Dießner ist das eine Offenbarung, die er live im Podcast teilt: Wir streiten in der Hundeszene nicht über Trainingsmethoden. Wir verteidigen unsere eigene Lebensgeschichte. Wenn jemand das Setzen von Grenzen kategorisch ablehnt, dann vielleicht, weil er selbst negative, verletzende Erfahrungen mit Autorität gemacht hat. Umgekehrt hat jemand, der auf klare Regeln pocht, möglicherweise gelernt, dass diese Sicherheit und Orientierung geben. Jede dieser Perspektiven ist aus der individuellen Erfahrung heraus absolut valide. Das erklärt, warum die Debatten so schnell persönlich und emotional werden. Es geht nicht um einen Leinenruck, es geht um die Infragestellung tief verankerter Überzeugungen und Gefühle. Diese Erkenntnis ist ein Wendepunkt, denn sie fordert uns auf, mit mehr Empathie auf Andersdenkende zu blicken und zu verstehen, dass hinter einer vermeintlich "falschen" Trainingsmethode oft eine komplexe persönliche Geschichte steckt.

Die Kunst, Verhalten und Persönlichkeit zu trennen

Ein wiederkehrender und zentraler Punkt im Gespräch ist die Notwendigkeit, das Verhalten eines Hundes von seiner Identität als Lebewesen zu trennen. Anstatt zu denken "Mein Hund ist dominant/dumm/stur", hilft die Haltung "Das Verhalten, das er *gerade zeigt*, ist unerwünscht". Jan erzählt aus seinen Seminaren, wie dieser kleine sprachliche Dreh die Dynamik zwischen Mensch und Hund komplett verändern kann. Plötzlich steht man nicht mehr einem Gegner gegenüber, den man besiegen muss, sondern einem Partner, dessen aktuelles Handeln man in eine andere, für das Zusammenleben passendere Richtung lenken möchte.

Diese Trennung ermöglicht es, klar und konsequent zu sein, ohne dabei abwertend oder wütend zu werden. Man kann die Kreativität seines Hundes bewundern, mit der er versucht, an das Nutria zu kommen, und ihm gleichzeitig mit ruhiger Entschlossenheit vermitteln, dass dieses Verhalten tabu ist. Es geht darum, eine Haltung zu entwickeln, die sagt: "Ich liebe und respektiere dich als Lebewesen, aber dieses eine Verhalten werde ich nicht tolerieren." Das schafft eine Atmosphäre, in der der Hund lernen kann, ohne Angst vor persönlicher Zurückweisung haben zu müssen.

Die Verantwortung zur Selbstreflexion

Wenn unser Bauchgefühl also ein unzuverlässiger Ratgeber ist, der von unseren eigenen, oft unbewussten Erfahrungen geprägt ist, was tritt an seine Stelle? Jan und Maren sind sich einig: die Verantwortung zur Selbstreflexion und zum bewussten Lernen. Anstatt uns von unseren Emotionen leiten zu lassen, müssen wir uns hinsetzen und unseren eigenen Rucksack auspacken. Warum triggert mich ein bestimmtes Verhalten meines Hundes so sehr? Welche Erwartungen habe ich, und woher kommen sie? Was habe ich in meiner eigenen Kindheit über Grenzen und Konflikte gelernt?

Maren Grote hat deshalb in ihr Buch zahlreiche Selbstreflexionsbögen integriert, die den Leser anleiten, genau diese Fragen für sich zu beantworten. Es ist der anstrengendere Weg, denn er verlangt, dass wir uns mit uns selbst auseinandersetzen, anstatt eine schnelle Lösung im Außen zu suchen. Doch nur so können wir aus den festgefahrenen Mustern ausbrechen und Entscheidungen treffen, die wirklich zum Wohl des Hundes und der Beziehung sind - und nicht nur eine unbewusste Wiederholung unserer eigenen Geschichte.

Praktische Schritte für einen faireren Umgang mit Grenzen

Wie kannst du dieses Wissen nun in deinen Alltag mit Hund integrieren? Das Gespräch liefert einige konkrete, handlungsorientierte Ansätze, die über reine Trainingstechniken hinausgehen.

  1. Entwickle einen Plan statt emotional zu reagieren: Dein Hund zieht an der Leine und du wirst wütend? Stopp. Anstatt in der Situation emotional zu eskalieren, geh nach Hause und mach dir in Ruhe Gedanken. Warum stört dich das Verhalten? Was ist das Ziel (z. B. entspanntes Laufen)? Wie kannst du das in einer ruhigen Trainingssituation üben? Du gehst dann mit einem klaren Plan in den nächsten Spaziergang, nicht mit aufgestautem Frust.
  2. Ändere deine innere Sprache: Achte bewusst darauf, wie du über deinen Hund denkst und sprichst. Ersetze Sätze wie "Er ist so ein sturer Bock" durch "Er findet das Schnüffeln gerade extrem wichtig". Das allein nimmt schon enorm viel Druck und negative Emotionen aus der Situation.
  3. Finde dein positives "Warum": Jede Grenze braucht einen Sinn. Wenn du deinem Hund verbietest, auf dem Sofa zu liegen, frage dich, warum. Ist es, weil "man das so macht", oder gibt es einen guten Grund, wie z. B. dass der Hund dort zur Ruhe kommen soll und nicht jeden Besucher anbellt? Wenn du das positive Ziel kennst (Ruhe, Entspannung), kannst du die Grenze viel überzeugter und fairer vermitteln.
  4. Fordere dein Bauchgefühl heraus: Wenn du das nächste Mal das starke Gefühl hast, auf eine bestimmte Art reagieren zu *müssen*, halte kurz inne. Frage dich: Ist das gerade wirklich die beste Lösung für meinen Hund, oder ist es eine alte Gewohnheit von mir? Sei neugierig und probiere bewusst einen anderen, vielleicht sogar kontraintuitiven Weg aus. Du könntest überrascht sein, was passiert.

Petcaster
Zusammengefasst von Anja Schirwinski

Seit meine Hündin Frida mit fünf Monaten aus einem rumänischen Shelter zu mir kam, beschäftige ich mich intensiv mit Hundethemen - von Alltagstraining bis Verhaltensbesonderheiten. Viele der Fragen, die in Podcasts besprochen werden, kenne ich aus unserer gemeinsamen Erfahrung nur zu gut. Deshalb fasse ich hier die für mich interessantesten Podcastfolgen zusammen und ergänze sie mit meinen eigenen Erlebnissen mit Frida.

Mehr über das Projekt Petcaster

Hinweis: Diese Zusammenfassung wurde mit Hilfe von KI aus dem Transkript der Podcast-Episode generiert.

Alle Inhalte auf Petcaster beruhen auf öffentlich zugänglichen Podcasts aus der Hunde- und Haustierwelt. Wir fassen die Episoden nach bestem Wissen zusammen, übernehmen jedoch keine Gewähr für Vollständigkeit, Aktualität oder Richtigkeit der Inhalte. Die Rechte an den Original-Podcasts und -Inhalten liegen ausschließlich bei den jeweiligen Urheber:innen.

Shownotes

Darf man seinem Hund Grenzen setzen – und wenn ja, wie? In dieser Folge spricht Jan mit Maren Grote über ein Thema, das die Hundewelt seit Jahren beschäftigt und gleichzeitig polarisiert: Grenzen, Verbote und Strafen in der Hundeerziehung. Ausgangspunkt des Gesprächs ist Marens neues Buch, in dem sie sich genau dieser Frage widmet. Doch schnell wird deutlich, dass es dabei um weit mehr geht als um Trainingstechniken oder Erziehungsmethoden. Gemeinsam gehen Jan und Maren der Frage nach, warum Diskussionen über Grenzen oft so emotional werden, weshalb viele Konflikte gar nichts mit Hunden zu tun haben und warum unsere eigenen Erfahrungen einen viel größeren Einfluss auf unsere Sichtweise haben, als uns häufig bewusst ist.

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