Hundeerziehung ohne Machtkampf: Warum Grenzen setzen nichts mit Strafe zu tun hat
Diskussionen über Hundeerziehung fühlen sich oft an, als würde man über Politik oder Religion streiten. Die Fronten sind verhärtet, die Kommentare bissig, und am Ende fühlt sich jeder missverstanden. Aber warum ist das so? Warum wird ein Thema, das uns alle aus Liebe zum Tier verbinden sollte, so oft zu einem Schlachtfeld der Eitelkeiten? In der neuesten Folge von The Petfood Family taucht Moderator Jan Dießner genau in diese Frage ein. Sein Gast ist Dr. Janey May, eine Tierärztin mit dem Schwerpunkt Verhaltenstherapie, die sich auf die Arbeit mit sensiblen Hunden spezialisiert hat.
Eigentlich wollten die beiden über Janeys Buch Stur oder überfordert sprechen, doch das Gespräch nahm schnell eine andere, viel grundlegendere Wendung. Es entwickelte sich zu einer tiefen Analyse der menschlichen Psychologie hinter der Leine. Es geht um unsere Verantwortung, um die Fallstricke der Kommunikation in der Hundebubble und um ein Thema, das für mehr Zündstoff sorgt als kaum ein anderes: das Setzen von Grenzen. Diese Folge ist ein Muss für jeden, der sich schon einmal gefragt hat, warum wir uns so schwertun, einfach nur das Beste für unsere Hunde zu wollen, ohne uns dabei gegenseitig zu zerfleischen.
Das Wichtigste auf einen Blick
- Die Hundebubble ist ein Spiegel menschlicher Psychologie: Viele Debatten drehen sich weniger um den Hund als um die Emotionen, Unsicherheiten und Wertvorstellungen der Menschen. Laut Dr. Janey May ist der Wunsch, Recht zu haben, oft größer als das Interesse an einem echten Austausch.
- Sei im Team deines Hundes, nicht sein Gegner: Janey betont eine grundlegende Haltung: Hunde handeln für sich, nicht gegen uns. Sie sind nicht manipulativ. Diese Erkenntnis verändert die emotionale Basis der Beziehung und fördert ein wohlwollendes Miteinander, selbst in frustrierenden Momenten.
- Grenzen setzen beginnt mit Management, nicht mit Verboten: Anstatt den Hund ständig für unerwünschtes Verhalten zu korrigieren, liegt die Verantwortung beim Menschen, eine Umgebung zu schaffen, in der der Hund gar nicht erst scheitern kann. Dies nennt Janey eine "Ja-Umgebung".
- Einschüchterung ist keine Grenze, sondern Beziehungsabbruch: Ein Hund, der aufhört, das Sofa anzuknabbern, weil er angeschrien wird, hat keine Grenze verstanden. Er wurde emotional gehemmt. Solche Interaktionen schaden dem Vertrauen nachhaltig.
- Verantwortung bedeutet Voraussicht: Anstatt zu warten, bis der Hund einen Fehler macht, sollten wir proaktiv handeln. Eine Schleppleine sichert den Hund, solange der Rückruf nicht sitzt. Ein Türgitter schützt die Einrichtung, solange der Welpe noch alles erkunden muss. Das ist faires Training.
- Der Topfdeckel-Effekt: Verhalten nur zu unterdrücken, ohne die Ursache (Stress, Angst, Frust) zu bearbeiten, ist wie ein Deckel auf einem Topf mit kochendem Wasser. Der Druck staut sich an und entlädt sich irgendwann unkontrolliert - oft bei den neuen Besitzern, die dann fälschlicherweise dem positiven Training die Schuld geben.
Ein emotionales Minenfeld: Warum die Hundewelt so aufgeladen ist
Gleich zu Beginn gesteht Dr. Janey May eine gewisse Aufregung, und ihre Erklärung dafür trifft den Nagel auf den Kopf: Das Thema Hund ist extrem emotional und privat. Wer über seinen Hund spricht, macht sich verletzlich. Janey beschreibt die Hundebubble als einen Raum, in dem alle denkbaren Emotionen aufeinandertreffen und oft ungefiltert bei Trainerinnen und Experten wie ihr landen. In den sozialen Medien hat sich diese Dynamik ihrer Meinung nach verschärft. Ein echter, tiefgehender Austausch sei einer Kultur des schnellen Urteilens gewichen. Statt nachzufragen, werden Strohmänner aufgebaut und Scheindebatten geführt, bei denen es am Ende nur darum geht, für den eigenen kritischen Kommentar Likes zu ernten und als Sieger aus einer Konfrontation hervorzugehen.
Janey erklärt, dass sie ein Gespräch sofort verlässt, wenn sie merkt, dass ihr Gegenüber nur Recht haben will. Ein wahrer Dialog entsteht nur aus Neugier und der Bereitschaft, die eigene Perspektive zu hinterfragen. Das ist ein Punkt, den ich aus eigener Erfahrung nur bestätigen kann. Wie oft habe ich in Online-Foren oder auf dem Hundeplatz erlebt, dass Ratschläge nicht als Hilfe, sondern als Angriff formuliert werden. Janey bringt es auf den Punkt: Es geht um menschliche Psychologie, um das eigene Ego und oft auch um die Unfähigkeit, mit Andersartigkeit umzugehen.
Die Macht der Werte: Warum dein Training mehr über dich aussagt als über deinen Hund
Um die Dynamik zu verdeutlichen, zieht Janey einen brillanten Vergleich: Ihr bedürfnisorientiertes Hundetraining sei wie ihr veganer Lebensstil. Sie missioniert nicht aktiv, aber ihre bloße Anwesenheit und die Tatsache, dass ihr Hund "funktioniert", können bei anderen Unbehagen auslösen - einfach, weil es ein lebender Beweis dafür ist, dass es auch anders geht. Dieses Unbehagen, diese kognitive Dissonanz, wird dann oft in Form von Kritik oder Ablehnung nach außen getragen. Die eigentliche Ursache liegt aber nicht bei Janey, sondern bei der Person, die sich getriggert fühlt.
Sie überträgt dieses Prinzip auf die Hund-Mensch-Beziehung. Es geht nicht darum, perfekt zu sein, sondern authentisch im Team des Hundes zu agieren. Selbst wenn man genervt ist oder mal laut wird - was menschlich ist -, macht die Grundhaltung den Unterschied. Spürt der Hund, dass du grundsätzlich auf seiner Seite bist, oder fühlt er sich als dein Gegner? Janey erklärt, dass Hunde diese emotionale Haltung spüren. Wenn wir verstehen, dass ein Hund Dinge für sich tut (aus einem Bedürfnis heraus) und nicht gegen uns (aus Bosheit oder Dominanz), verändert das alles. Es ermöglicht uns, auch mal unsere eigenen Bedürfnisse über die des Hundes zu stellen, ohne die Beziehungsebene zu zerstören. Manchmal bedeutet das, eine Joggingrunde allein zu machen, weil man selbst überreizt ist und die Anwesenheit des Hundes als störend empfinden würde. Das ist keine Vernachlässigung, sondern faire Selbstfürsorge, die am Ende beiden zugutekommt.
Grenzen neu gedacht: Warum eine Ja-Umgebung mehr bewirkt als jedes Nein
Das wohl kontroverseste Thema der Episode ist das Setzen von Grenzen. Janey stellt die gängige Vorstellung komplett auf den Kopf. Sie argumentiert, dass unsere Hunde in unserer menschlichen Welt bereits extrem eingeschränkt sind: Wir bestimmen, wann sie fressen, wohin sie Gassi gehen und mit wem sie spielen dürfen. Es ist eine Zwangs-WG, in der wir die absolute Kontrolle haben. Vor diesem Hintergrund erscheint die ständige Forderung nach noch mehr Grenzen absurd.
Für Janey wird der Begriff Grenze oft mit Gehorsam verwechselt, der durch Einschüchterung erreicht wird. Ein Hund, der nach dem 15. Nein aufhört, das Sofakissen anzuknabbern, hat keine kognitive Grenze verstanden. Er hat gelernt, dass das Verhalten eine negative emotionale Reaktion beim Menschen auslöst, die er meiden möchte. Das schädigt die Beziehung. Janeys Ansatz ist radikal anders und, wie sie selbst sagt, faul und effizient: Sie schafft eine Ja-Umgebung. Anstatt einem Welpen 35-mal am Tag zu verbieten, an Kabeln zu kauen oder Pflanzen auszugraben, sorgt sie durch Management (Türgitter, Aufräumen, Pflanzen sichern) dafür, dass der Welpe diese Fehler gar nicht erst machen kann. Er darf seine Umwelt erkunden, ohne ständig korrigiert zu werden. Unerwünschtes Verhalten wird nicht bestraft, sondern durch das Training von Alternativen umgelenkt - zum Beispiel, indem man den Hund auf ein Target schickt oder ihm über eine Mach-Sitz-Dose beibringt, beim Geräusch einer klappernden Dose innezuhalten und sich zu setzen.
Der Topfdeckel-Effekt: Die Gefahr von unterdrücktem Verhalten
Was passiert, wenn man Verhalten nur unterdrückt, anstatt die Ursache zu adressieren? Janey nutzt dafür eine eindringliche Metapher: Stell dir einen Topf mit kochendem Wasser auf einer voll aufgedrehten Herdplatte vor. Das brodelnde Wasser ist das unerwünschte Verhalten des Hundes, angetrieben von Stress, Angst oder Frust (die heiße Herdplatte). Aversives Training oder ständiger Druck sind wie ein Deckel, den man auf den Topf presst. Von außen sieht es ruhig aus, das Verhalten ist unterdrückt. Aber im Inneren kocht es weiter.
Das Problem: Dieser Deckel muss konstant mit mentaler Stärke und Autorität festgehalten werden. Sobald diese Person - oder eine neue, weniger autoritäre Person wie ein Adoptant - den Druck lockert, fliegt der Deckel weg, und das angestaute Verhalten explodiert. Janey beobachtet dies oft bei Hunden aus dem Tierschutz. Wenn diese Hunde dann beißen, wird fälschlicherweise dem positiven Training der neuen Besitzer die Schuld gegeben. In Wahrheit wurde aber nur die fatale Folge einer monate- oder jahrelangen Unterdrückung sichtbar. Janeys Plädoyer ist klar: Anstatt den Deckel auf den Topf zu pressen, müssen wir lernen, die Herdplatte herunterzudrehen - also an den Ursachen für Stress und Frustration zu arbeiten. Das ist zwar anfangs aufwendiger, aber die einzige nachhaltige und faire Lösung.
Praktische Schritte für einen fairen Umgang
Aus Janeys Erklärungen lassen sich konkrete Handlungsanweisungen für den Alltag ableiten, die auf Management und Verständnis statt auf ständiger Korrektur basieren.
- Eine Ja-Umgebung gestalten: Richte dein Zuhause, besonders für einen Welpen oder einen neuen Hund, so ein, dass er möglichst wenig falsch machen kann. Räume wertvolle Gegenstände weg, sichere Kabel und nutze Babygitter, um Bereiche abzugrenzen. So ermöglichst du deinem Hund, seine Neugier ohne ständige Verbote auszuleben.
- Verantwortung durch Management übernehmen: Solange ein Verhalten wie der Rückruf nicht zu 100 % sitzt, liegt es an dir, durch Hilfsmittel wie eine Schleppleine für Sicherheit zu sorgen. Nicht der Hund "funktioniert nicht", sondern das Training ist noch nicht abgeschlossen. Faires Training bedeutet, den Hund vor Situationen zu schützen, denen er noch nicht gewachsen ist.
- Trainiere, was dein Hund tun SOLL: Anstatt dich darauf zu konzentrieren, was dein Hund nicht tun darf, bring ihm bei, was du stattdessen von ihm möchtest. Ein gut trainiertes Signal, um auf eine Decke oder ein Kissen zu gehen (Target), kann in vielen Situationen Gold wert sein, um unerwünschtes Verhalten freundlich umzulenken.
- Erkenne deine eigenen Grenzen: Du bist ein Mensch, und es ist okay, mal überreizt oder müde zu sein. Anstatt deinen Frust am Hund auszulassen, ist es fairer, für eine Pause zu sorgen. Ein kurzer Spaziergang ohne Hund oder eine bewusste räumliche Trennung kann die Situation für beide entschärfen und sorgt dafür, dass du danach wieder ein fairer Partner sein kannst.
- Arbeite an der Ursache, nicht am Symptom: Wenn dein Hund problematisches Verhalten zeigt, frage dich immer: Welches Bedürfnis steckt dahinter? Kaut er aus Langeweile? Bellt er aus Unsicherheit? Indem du die Ursache angehst - zum Beispiel durch mehr geistige Auslastung oder Sicherheitstraining -, löst du das Problem nachhaltig, anstatt es nur zu unterdrücken.
Themen
Hinweis: Diese Zusammenfassung wurde mit Hilfe von KI aus dem Transkript der Podcast-Episode generiert.
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Shownotes
Hundetraining ist nie nur Technik, sondern immer auch Emotion. Aber was passiert, wenn unsere eigenen Gefühle die Grenze überschreiten? Wie viel Verantwortung tragen wir als Menschen – und besonders als Influencer – für das, was wir zeigen, sagen und weitergeben? Jan hat in dieser Folge die Hundetrainerin und Tierärztin Dr. Janey May zu Gast. Gemeinsam sprechen sie über emotionale Grenzen, Machtpositionen im Training und darüber, warum „im Team Hund sein“ mehr bedeutet als gute Absichten.
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