Konsequenz im Hundetraining: Nicole Borowy und Sami El Ayachi
Wie konsequent muss ich im Hundetraining wirklich sein? Diese Frage kennen viele, wenn der Hund beim ersten Rufen lieber noch schnüffelt und man sich dabei erwischt, immer lauter zu werden. Es ist ein schleichender Prozess, der die eigene Souveränität untergräbt und für Frust sorgt. In der Episode #78 ihres Podcasts Sitz! Platz! Bleibt! nehmen die Hundetrainer:innen Nicole Borowy und Sami El Ayachi genau diese alltäglichen Momente unter die Lupe. Sie tauchen tief in die Themen Konsequenz, Verbindlichkeit und die Psychologie hinter unseren Reaktionen ein. Dabei geht es nicht um starre Härte, sondern um eine klare, nachvollziehbare und faire Kommunikation, die eine echte Partnerschaft zwischen Mensch und Hund erst möglich macht.
Das Wichtigste auf einen Blick
- Der doppelte Rückruf ist ein Alarmsignal: Wenn du deinen Hund regelmäßig mehrfach rufen musst, ist das ein Zeichen dafür, dass sich Nachlässigkeiten eingeschlichen haben. Es ist eine Einladung, die Grundlagen eurer Kommunikation zu überprüfen.
- Günther und Helga im Kopf: Sami beschreibt den inneren Konflikt zwischen dem strengen Günther, der sofortigen Gehorsam fordert, und der nachsichtigen Helga, die alles entschuldigt. Ein souveräner Umgang erfordert eine Balance, die authentisch und der Situation angemessen ist.
- Nähe schlägt Lautstärke: Statt aus der Ferne lauter zu werden, solltest du die Distanz zu deinem Hund verringern. Samis 3-Sekunden-Regel hilft dabei, souverän zu handeln, statt nur zu reagieren.
- Der erste Impuls zählt: Oft liegt der Kern des Problems im allerersten Moment einer Handlung, etwa beim Losgehen. Ein Hund, der sofort vorprescht, hat den gemeinsamen Start verpasst - hier muss das Training ansetzen.
- Das Mitarbeitergespräch auf dem Sofa: Betrachte unerwünschtes Verhalten deines Hundes nicht als persönlichen Angriff, sondern als Feedback. Es ist eine Einladung, in einer ruhigen Umgebung die Beziehungsqualität und die gegenseitige Abstimmung zu reflektieren.
Der doppelte Rückruf: Warum kleine Nachlässigkeiten große Folgen haben
Den Anstoß zur Diskussion gibt Nicole, die bei ihrem jungen Rüden Jaxon eine Veränderung bemerkt. Früher kam er auf den ersten Ruf, doch plötzlich muss sie ihn immer öfter ein zweites Mal rufen. Sami El Ayachi erklärt, dass dies ein typischer schleichender Prozess ist. Solche kleinen Nachlässigkeiten etablieren sich unbemerkt im Alltag und führen dazu, dass der Hund lernt, erst auf die zweite oder dritte, oft lautere Aufforderung zu reagieren. Es geht dabei nicht zwangsläufig um bewussten Ungehorsam, besonders bei einem jungen Hund in der Pubertät. Vielmehr testet der Hund Grenzen aus und prüft die Reaktion seines Menschen: Was passiert, wenn ich das Signal überhöre? Die Gefahr liegt darin, dass wir als Menschen darauf oft mit wachsender Frustration und Lautstärke reagieren, was die Souveränität untergräbt und die Beziehung belastet.
Günther und Helga im Kopf: Der innere Konflikt zwischen Strenge und Nachsicht
Wenn der Hund nicht sofort hört, beginnt im Kopf vieler Besitzer ein innerer Dialog. Sami personifiziert diesen Konflikt mit zwei Figuren: Günther und Helga. Günther ist die strenge, autoritäre Stimme, die fordert, dass der Hund jetzt aber mal parieren muss. Er steht für den Wunsch, sich durchzusetzen und die Kontrolle zu behalten. Helga hingegen ist die verständnisvolle, sanfte Stimme, die den Hund in Schutz nimmt (Er ist doch noch so jung) und dazu rät, ihn mit noch tolleren Belohnungen zu locken. Zwischen diesen beiden Extremen verlieren viele Hundebesitzer:innen ihre Authentizität. Sami betont, wie wichtig es ist, eine Reaktion zu finden, die weder von übertriebener Härte noch von einem schlechten Gewissen geprägt ist. Man darf durchaus konsequent sein und eine klare Erwartungshaltung zeigen, ohne dabei in willkürliche Strenge zu verfallen.
Warum ist räumliche Nähe wichtiger als Lautstärke?
Was also tun, wenn der Hund in 20 Metern Entfernung schnüffelt und nicht reagiert? Statt das Kommando zu wiederholen und immer lauter zu rufen, empfiehlt Sami eine einfache, aber wirkungsvolle Strategie: die 3-Sekunden-Regel. Sobald du merkst, dass dein Hund nicht reagiert, zählst du innerlich bis drei und nutzt diese Zeit, um die Distanz zu ihm aktiv zu verringern. Anstatt aus der Ferne zu rufen, gehst du ruhig auf ihn zu und setzt deine Ansprache aus der Nähe neu an, vielleicht sogar mit einer leichten Berührung. Dieses Vorgehen hat einen entscheidenden psychologischen Effekt: Der Hund lernt, dass du jederzeit in der Lage bist, die Distanz zwischen euch auf null zu reduzieren. Das schafft eine ganz andere Form von Präsenz und Verbindlichkeit als ein lauter Ruf, der aus der Ferne verhallt. Du agierst souverän, anstatt hilflos zu reagieren.
Die Tücke des ersten Schritts: Feinheiten im Training erkennen
Konsequenz zeigt sich oft im Kleinen. Ein perfektes Beispiel ist das Fuß-Gehen. Nicole beschreibt, dass sie oft akzeptiert, wenn Jaxon ein paar Zentimeter vor ihrem Knie läuft. Sami analysiert, dass das Problem hier oft schon im allerersten Impuls liegt. Ein Hund wie Jaxon hat von Natur aus ein höheres Grundtempo - seinen Trab. Wenn er im Schritttempo des Menschen gehen soll, muss er sich permanent selbst hemmen. Oft schießt sein erster Impuls nach vorne, bevor er sich wieder anpasst. Anstatt diesen ersten, falschen Impuls immer wieder zu korrigieren, plädiert Sami dafür, genau diesen Moment zu gestalten. Es geht darum, dem Hund beizubringen, den ersten Schritt gemeinsam und im richtigen Tempo zu machen. Das erfordert vom Menschen höchste Präsenz und eine feine Kommunikation, die schon vor der eigentlichen Bewegung beginnt. Man erklärt dem Hund die gemeinsame Position, anstatt ihn nur darin festzuhalten.
Das Mitarbeitergespräch auf dem Sofa
Eine der zentralen Botschaften von Sami ist ein radikaler Perspektivwechsel: Anstatt problematisches Verhalten als Störung oder Angriff zu werten, sollten wir es als Einladung des Hundes verstehen. Wenn der Hund nicht mehr zuverlässig kommt oder an der Leine zieht, sagt er uns damit im Grunde: Unsere Abstimmung funktioniert gerade nicht optimal, lass uns mal darüber reden. Dieses Gespräch findet aber nicht im Konfliktmoment auf der Hundewiese statt, sondern im übertragenen Sinne als Mitarbeitergespräch auf dem heimischen Sofa. Hier, im ruhigen, haushaltsnahen Bereich, kann man die Grundlagen der Beziehung überprüfen: Wie reagiert der Hund auf eine leise Ansprache? Ist er im Nahbereich aufmerksam und kooperativ? Indem man die Basis stärkt, löst man oft die Probleme, die sich im Außen zeigen. Es geht darum, Verbindlichkeit im Kleinen zu schaffen, damit sie auch im Großen funktioniert.
Praktische Schritte für mehr Verbindlichkeit
- Achte auf deine eigenen Muster: Beobachte dich selbst. Wirst du lauter, wenn dein Hund nicht sofort reagiert? Das ist dein Signal, nicht die Energie zu erhöhen, sondern die Strategie zu ändern. Reduziere in solchen Phasen den Freiraum deines Hundes vorübergehend, um wieder eine verlässliche Basis zu schaffen.
- Nutze die 3-Sekunden-Regel: Wenn dein Hund auf Distanz nicht reagiert, rufe nicht erneut. Verringere stattdessen ruhig die Distanz, stelle den Kontakt wieder her und gib dein Signal erneut. Zeige Präsenz statt Lautstärke.
- Überprüfe die Grundlagen im Nahbereich: Übe grundlegende Dinge wie die Reaktion auf den Namen oder kleine Richtungswechsel immer wieder auf kurze Distanz. Nur wenn die Kommunikation im Nahbereich einwandfrei funktioniert, kannst du sie auch auf Entfernung erwarten.
- Fokus auf den Start: Achte bei Übungen wie dem Leinenführen auf den allerersten Moment. Das Ziel ist ein gemeinsamer, abgestimmter Start, nicht ein Vorpreschen, das du nachträglich korrigieren musst.
- Ändere deine Perspektive: Sieh Ungehorsam nicht als Provokation, sondern als Feedback deines Hundes. Nutze diese Momente als Anlass, eure Kommunikation und Beziehung zu reflektieren und gezielt zu verbessern.
Themen
Hinweis: Diese Zusammenfassung wurde mit Hilfe von KI aus dem Transkript der Podcast-Episode generiert.
Alle Inhalte auf Petcaster beruhen auf öffentlich zugänglichen Podcasts aus der Hunde- und Haustierwelt. Wir fassen die Episoden nach bestem Wissen zusammen, übernehmen jedoch keine Gewähr für Vollständigkeit, Aktualität oder Richtigkeit der Inhalte. Die Rechte an den Original-Podcasts und -Inhalten liegen ausschließlich bei den jeweiligen Urheber:innen.
Shownotes
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„Beim ersten Mal wird gehört!“ – Ein Satz, den wir wohl alle im Hundetraining schon einmal gehört oder gesagt haben. Aber Hand aufs Herz: Wie oft rufen wir im Alltag eigentlich ein zweites oder drittes Mal, weil der Hund beim ersten Signal noch kurz schnüffelt oder zögert?
In dieser Folge sprechen Nicole und Sami ganz offen über das Thema Konsequenz, Verbindlichkeit und schleichende Alltagsprozesse. Warum verlangen wir im Biergarten oft Dinge, die wir zu Hause nie erklärt haben? Was hat es mit der „Günther-Stimme“ im Kopf auf sich? Und wie schaffen wir es, ohne starr zu werden, eine echte, verlässliche Struktur für unseren Hund zu etablieren?
In dieser Folge erfährst du:🔹 Der doppelte Rückruf: Warum wir unbewusst zulassen, dass der Hund erst verzögert reagiert.🔹 Günther & Helga im Kopf: Wie wir zwischen harter Durchsetzung und schlechtem Gewissen die Balance finden.🔹 Die 3-Sekunden-Regel: Wie du souverän die Distanz verringerst, statt aus der Ferne immer lauter zu werden.🔹 Fuß gehen & der erste Impuls: Warum die Feinheiten schon beim ersten gemeinsamen Schritt beginnen.🔹 Das Mitarbeitergespräch auf dem Sofa: Warum echte Führung im häuslichen Nahbereich anfängt.
Erfahre mehr über uns:
Hundeplatz: https://www.hunde-platz.de
Sami El Ayachi: https://www.longieren-mit-hund.de/
Videokurs von Sami: https://www.kosmos.de/de/korpersprachlich-arbeiten-video-kurs-mit-sami-el-ayachi_1900308_900308
Instagram Hundeplatz: https://www.instagram.com/hundeplatz.de/
Tickets zum Live-Podcast am 09.12.2026 in Kiel: https://jaxies.de/products/podcast-live-am-mittwoch-09-12-2026-sitz-platz-bleibt
Tickets zu Samis Livetour 2027: https://www.ticketmaster.de/artist/sami-el-ayachi-tickets/1484843
📌 Kapitelmarken / Zeitstempel für Folge #78:
00:00 – Servus aus Bayern & Moin aus dem Norden ☀️
01:45 – Richtigstellung: Der Parson Russell Terrier & Fehlfarben 🐶
03:38 – Einstieg: Wie konsequent muss man im Alltag wirklich sein?
04:44 – Jaxon im Rückruf-Test: Wenn sich der zweite Aufruf einschleicht 🙈
06:07 – Die Stimmen im Kopf: „Günther“ (Regeln!) vs. „Helga“ (Verständnis) 🧠
07:12 – Ausbrechen vs. Nicht-Können: Reiz-Absicherung & Urheber-Frage
09:42 – Struktur im Alltag: Lotties Wandel vom Jagdhund zum Zinssoldaten 🐾
11:00 – Druck rausnehmen: Spielfelder & Räume individuell gestalten
12:14 – Die 3-Sekunden-Regel: Souveräne Reaktion statt Dauer-Rufen ⏱️
13:32 – Zurückkommen annehmen: Was ist echte, authentische Konsequenz?
16:31 – Im Nahbereich anfangen: Reagiert mein Hund auf die erste Ansprache?
19:28 – Hunde als Gradmesser: Wie steht es eigentlich um unsere Beziehung?
22:05 – Beispiel Fußgehen: Die gefürchteten 10–20 cm Drübergehen 📏
23:39 – Die 15 km/h-Falle: Wenn die Impulskontrolle Sekunden zu spät kommt 🏃💨
26:41 – Belohnungsaufschub vs. echter Erstimpuls: Vorverschiedene Motivation
28:43 – Die Kraft des ersten Schrittes: Feinabstimmung vor dem Losgehen
30:20 – Einladung annehmen: Warum wir wieder kleinschrittiger gucken dürfen 🧐
31:25 – Zeit für das Mitarbeitergespräch auf dem Sofa & Verabschiedung 💬❤️