Wenn der eigene Hund plötzlich Menschen schwierig findet

#45 Wenn Hunde auf Menschen reagieren - angemessen oder schon problematisch?

#45 Wenn Hunde auf Menschen reagieren - angemessen oder schon problematisch?

19. Februar 2026 · Sitz! Platz! Bleibt! - der Hundepodcast mit Nicole Borowy und Sami El Ayachi

Kennst du das Gefühl der Hilflosigkeit, wenn dein Hund plötzlich auf eine Weise reagiert, die du nicht verstehst? Im einen Moment ist er noch der unkomplizierte Begleiter, im nächsten knurrt er einen Fremden an. In der neuen Folge ihres Podcasts Sitz! Platz! Bleibt! tauchen die Hundetrainer Nicole Borowy und Sami El Ayachi tief in diese Verunsicherung ein. Anhand einer sehr persönlichen Geschichte von Nicole und ihrem Hund Sherlock gehen sie der Frage nach, ob man die Anzeichen für ein Problem mit Menschen früher hätte erkennen können. Diese Episode ist ein Muss für alle, die verstehen wollen, wie subtile Unsicherheiten zu manifesten Verhaltensweisen werden und wie wir als Menschen unsere Hunde dabei unterstützen können, anstatt die Situation unbewusst zu verschlimmern.

Das Wichtigste auf einen Blick

  • Frühe Anzeichen sind oft unscheinbar: Leichte Unsicherheiten in der Pubertät, wie Skepsis im Dunkeln, werden oft als normale Phase abgetan, können aber erste Hinweise auf eine tiefere Veranlagung sein.
  • Ein Schlüsselerlebnis kann prägen: Eine einzige, stark negativ empfundene Situation kann ausreichen, um eine generelle Skepsis gegenüber Menschen zu festigen - sowohl beim Hund als auch beim Halter.
  • Die Persönlichkeit zählt: Jeder Hund ist anders. Ob er von Natur aus eher kooperativ, stabil, neugierig oder zurückhaltend ist, entscheidet maßgeblich darüber, wie er mit Stress umgeht. Eine frühe Einschätzung hilft, gezielt zu fördern.
  • Deine Reaktion ist entscheidend: In einer angespannten Begegnung braucht dein Hund deine souveräne Unterstützung, nicht deine Panik. Deine Ruhe signalisiert ihm, dass du die Lage im Griff hast.
  • Normales Hundeverhalten ist nicht immer gesellschaftskonform: Ein Hund, der Abstand hält oder Fremde ignoriert, ist nicht unsozial oder verhaltensgestört. Er kommuniziert lediglich sein Bedürfnis nach Raum - eine Fähigkeit, die wir respektieren sollten.
  • Akzeptanz vor radikaler Veränderung: Das Ziel ist nicht, die Persönlichkeit deines Hundes komplett umzukrempeln, sondern zu lernen, seine Veranlagung zu verstehen, zu managen und ihm zu mehr Gelassenheit zu verhelfen.

Der schleichende Beginn: Wenn Unsicherheit übersehen wird

Nicole Borowy eröffnet die Folge mit einer ehrlichen und für viele Hundebesitzer nachvollziehbaren Anekdote. Ihr Hund Sherlock war im ersten Jahr ein völlig unkomplizierter Begleiter, aufgeschlossen gegenüber Menschen und Hunden. Erste kleine Risse in diesem Bild zeigten sich erst später. Morgens im Dunkeln reagierte er plötzlich unsicher auf Fahrradfahrer oder Menschen in auffälliger Kleidung. Nicole, so erzählt sie, tat dies zunächst als typisches Pubertätsverhalten ab - eine Phase, die eben dazugehört. Ich glaube, genau hier erkennen sich viele wieder. Man neigt dazu, solche kleinen Momente nicht überzubewerten, um den Hund nicht in Watte zu packen. Doch wie Sami El Ayachi später ausführt, sind genau das die Momente, in denen ein Hund lernt, wie er und sein Mensch als Team mit Unsicherheit umgehen.

Das Schlüsselerlebnis: Wie ein Moment alles verändert

Der Wendepunkt für Nicole und Sherlock war eine einzige Begegnung, die Nicole als traumatisierend beschreibt. Während sie für ihren Jagdschein lernte, stand sie mit dem damals neun Monate alten Sherlock abends vor einem Restaurant. Plötzlich trat ein Mann aus der Tür - groß, breit, mit Hut und Bart. Sherlock reagierte sofort mit Abwehrverhalten, knurrte und bellte. Die Reaktion des Mannes goss zusätzlich Öl ins Feuer: Mit so einem Hund könne man ja nicht zur Jagd gehen. Von diesem Kommentar war Nicole total erschüttert.

Sami analysiert diese Situation messerscharf. Sherlocks Verhalten - eine Mischung aus Vorwärtsverteidigung und Rückzug - war aus seiner Sicht eine logische Strategie, um die bedrohliche Situation zu beenden. Da der Mann wegging, war die Strategie erfolgreich und hat sich selbst verstärkt. Gleichzeitig wurde Nicole durch den abfälligen Kommentar des Mannes in ihrer Handlungsfähigkeit gelähmt. Anstatt ihren Hund unterstützen zu können, war sie mit Scham und dem Gefühl des Versagens beschäftigt. Dieses Beispiel zeigt eindrücklich, wie externer sozialer Druck uns daran hindern kann, in kritischen Momenten für unseren Hund da zu sein.

Die Persönlichkeit des Hundes: Ein Blick unter die Oberfläche

Hätte man es also früher wissen können? Ja, erklärt Sami, indem man die Persönlichkeit eines Hundes frühzeitig einschätzt. Er skizziert ein Modell, das sich an den "Big Five" der Psychologie orientiert und auf Hunde angepasst ist. Dabei stellt er zentrale Fragen, die man sich als Halter stellen kann:

  • Kooperationsbereitschaft: Sucht mein Hund in Stresssituationen den Kontakt zu mir oder versucht er, das Problem allein zu lösen?
  • Emotionale Stabilität: Ist er von Grund auf ein stabiler Typ, den wenig erschüttert, oder eher labil und schnell aus dem Konzept gebracht?
  • Extraversion vs. Introversion: Ist er ein Hund, der präsent und neugierig auf die Welt zugeht, oder eher ein zurückhaltender, schüchterner Charakter?
  • Beharrlichkeit: Bleibt er an einem Problem dran oder gibt er schnell auf?
  • Kreativität: Probiert er verschiedene Lösungsstrategien aus oder verfällt er in ein einziges, sich steigerndes Verhaltensmuster?

Diese Eigenschaften zu kennen, ist kein Label, sondern ein Werkzeug. Ein Hund, der von Natur aus unsicher und wenig kooperativ ist, braucht gezielte Förderung im Miteinander und mehr Halt durch seinen Menschen. Diese Perspektive verschiebt den Fokus von der reinen Symptombekämpfung - dem Abstellen des Bellens - hin zur Ursachenforschung und individuellen Unterstützung.

Zwischen Normalverhalten und gesellschaftlichem Druck

Ein zentraler Punkt, den Sami anspricht, ist unsere verzerrte Wahrnehmung von "normalem" Hundeverhalten. Die Gesellschaft, so seine Beobachtung, erwartet oft Hunde, die entweder jeden Menschen euphorisch begrüßen oder sich unterwürfig verhalten. Ein Hund, der einem aufdringlichen Fremden ausweicht oder ihn schlicht ignoriert, wird schnell als ängstlich, aggressiv oder schlecht sozialisiert abgestempelt. Dabei ist das Zeigen von Distanz ein völlig legitimes und gesundes Kommunikationsmittel.

Sami bringt das Beispiel eines Anwalts, der stolz erzählte, sein Berner Sennenhund würde jeden Besucher verbellen - was er super fände, weil er so abgelegen wohnt. Sein einziges Problem: Der Hund sollte aufhören, sobald er die Situation übernimmt. Sami erklärte ihm, dass dies von der Persönlichkeit des Hundes abhängt. Ein Hund, der in solchen Momenten hochgradig gestresst ist, kann nicht einfach auf Knopfdruck abschalten. Diese Einsicht macht deutlich: Wir müssen das Verhalten unserer Hunde im Kontext ihrer Persönlichkeit und ihres emotionalen Zustands bewerten, nicht nur anhand unserer Wünsche oder gesellschaftlicher Normen.

Praktische Schritte: Was Du tun kannst

Aus dem Gespräch zwischen Nicole und Sami lassen sich konkrete Handlungsempfehlungen ableiten, die dir helfen können, die Beziehung zu deinem Hund zu stärken und souveräner mit schwierigen Situationen umzugehen.

  1. Beobachte und analysiere frühzeitig: Nimm dir Zeit, die Persönlichkeit deines Hundes wirklich kennenzulernen. Anstatt kleine Unsicherheiten als Phase abzutun, sieh sie als Einladung, deinen Hund besser zu verstehen und ihn gezielt zu unterstützen. Frage dich, was er in diesen Momenten von dir braucht.
  2. Sei der Fels in der Brandung: In einer beängstigenden Situation ist deine Ruhe das Wichtigste. Anstatt mitzuschimpfen oder hektisch zu werden, was die Angst deines Hundes nur bestätigt, bleibe gelassen. Positioniere dich physisch zwischen deinem Hund und dem Auslöser. Deine Körpersprache sollte sagen: "Ich habe das im Griff."
  3. Akzeptiere die Persönlichkeit deines Hundes: Nicht jeder Hund muss ein Everybody's Darling sein. Es ist vollkommen in Ordnung, wenn dein Hund eine gewisse Skepsis gegenüber Fremden behält. Das Ziel ist nicht die totale Wesensveränderung, sondern ein gutes Management und das Vermitteln von Sicherheit, damit er lernt, dass er sich auf dich verlassen kann.
  4. Schaffe positive Lernerfahrungen: Anstatt deinen Hund ins kalte Wasser zu werfen, gestalte Trainingssituationen, die er bewältigen kann. Übe Begegnungen auf eine Distanz, in der er noch entspannt bleiben kann, und belohne ruhiges Verhalten. So baust du schrittweise Vertrauen und Gelassenheit auf.
  5. Setze klare Grenzen - auch bei Menschen: Du bist der Anwalt deines Hundes. Wenn Fremde übergriffig werden, ist es deine Aufgabe, sie freundlich, aber bestimmt auf Abstand zu halten. Ein einfaches "Bitte fassen Sie ihn nicht an, er ist unsicher" schützt deinen Hund und gibt dir die Kontrolle über die Situation zurück.

Petcaster
Zusammengefasst von Anja Schirwinski

Seit meine Hündin Frida mit fünf Monaten aus einem rumänischen Shelter zu mir kam, beschäftige ich mich intensiv mit Hundethemen - von Alltagstraining bis Verhaltensbesonderheiten. Viele der Fragen, die in Podcasts besprochen werden, kenne ich aus unserer gemeinsamen Erfahrung nur zu gut. Deshalb fasse ich hier die für mich interessantesten Podcastfolgen zusammen und ergänze sie mit meinen eigenen Erlebnissen mit Frida.

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Hinweis: Diese Zusammenfassung wurde mit Hilfe von KI aus dem Transkript der Podcast-Episode generiert.

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