Wenn der Frühling ruft: Warum die Brut- und Setzzeit uns alle betrifft
Die ersten warmen Sonnenstrahlen locken uns nach draußen, die Spaziergänge werden länger, und die Natur erwacht zu neuem Leben. Doch genau diese idyllische Zeit stellt uns als Hundebesitzer vor eine besondere Verantwortung. In der neuesten Episode ihres Podcasts Sitz! Platz! Bleibt! nehmen sich die erfahrenen Hundetrainer Nicole Borowy und Sami El Ayachi eines Themas an, das jedes Jahr für hitzige Diskussionen sorgt: die Brut- und Setzzeit. Gemeinsam beleuchten sie, warum die Leinenpflicht in dieser Zeit weit mehr als eine lästige Vorschrift ist. Es geht um den Schutz von Wildtieren, das Verständnis für die tief verwurzelten Instinkte unserer Hunde und die Frage, wie wir ein rücksichtsvolles Miteinander von Mensch, Hund und Natur gestalten können. Diese Folge ist ein unverzichtbarer Leitfaden für jeden, der die Natur liebt und seinen Hund als Teil davon versteht.
Das Wichtigste auf einen Blick
- Was ist die Brut- und Setzzeit? Es ist die Zeit, in der Vögel ihre Eier ausbrüten (Brutzeit) und Säugetiere wie Rehe ihre Jungen zur Welt bringen (Setzzeit). In dieser Phase sind die Wildtiere und ihr Nachwuchs besonders störungsempfindlich und schutzbedürftig.
- Die unsichtbare Gefahr des Hundegeruchs: Sami erklärt eindrücklich, dass selbst ein neugieriger Hund, der einem Rehkitz nichts tut, eine tödliche Gefahr darstellen kann. Der Geruch eines Beutegreifers kann dazu führen, dass die Ricke ihr Kitz verstößt und es verhungert.
- Jagdverhalten ist selbstbelohnend: Das Jagen, vom Aufspüren bis zum Hetzen, löst im Hundekörper einen Cocktail aus Glückshormonen aus. Selbst wenn der Hund die Beute nie fängt, ist die Handlung an sich für ihn ein großer Erfolg und verstärkt sich selbst.
- Jeder Hund hat Jagdinstinkt: Auch wenn es Rasseunterschiede gibt, ist die Jagdverhaltenskette - oder zumindest Teile davon - in jedem Hund genetisch verankert. Die Annahme, ein Hütehund oder Familienhund jage nicht, ist ein weit verbreiteter Irrglaube.
- Frühzeitiges Management ist der Schlüssel: Jagdverhalten beginnt oft im Kleinen, etwa beim Jagen von Blättern, Insekten oder Vögeln. Nicole und Sami betonen, wie wichtig es ist, diese ersten Anzeichen zu erkennen und zu managen, bevor sie sich zu einem ernsthaften Problem entwickeln.
Brut- und Setzzeit: Mehr als nur eine Vorschrift
Zu Beginn der Episode klärt Sami die grundlegenden Begriffe: Die Brutzeit betrifft die Vögel, die Setzzeit die Säugetiere. Beides dient dem Schutz des Nachwuchses in seiner verletzlichsten Lebensphase. Doch die Diskussion geht schnell tiefer. Sami wirft eine provokante, aber wichtige Frage auf: Halten sich andere Beutegreifer wie der Fuchs an diese Schonzeit? Natürlich nicht. Doch genau hier liegt unsere Verantwortung als Menschen. Ein freilaufender Hund, der eine brütende Ente aus dem Schilf aufscheucht, macht es dem Fuchs erst leicht, das verlassene Nest zu plündern. Wir greifen durch unsere Anwesenheit in ein empfindliches ökologisches Gleichgewicht ein.
Besonders eindrücklich ist Samis Beispiel des Rehkitzes. Frisch geborene Kitze haben noch kaum Eigengeruch, um sich vor Fressfeinden zu tarnen. Wenn nun ein Hund über einem solchen Kitz steht - selbst wenn er ihm kein Haar krümmt -, hinterlässt er seinen Geruch. Dieser Beutegreifergeruch kann dazu führen, dass die Mutter ihr Junges nicht mehr annimmt. Dieser Punkt ist für viele Hundebesitzer neu und macht schlagartig klar, dass die Gefahr nicht nur im direkten Angriff liegt. Es geht um eine unsichtbare, aber oft tödliche Störung. Nicole ergänzt, dass diese Problematik auch bei der Kitzrettung vor der Mahd bekannt ist, wo Helfer penibel darauf achten, keinen menschlichen Geruch zu hinterlassen. Die Rücksichtnahme ist also keine willkürliche Regelung, sondern eine biologische Notwendigkeit, um das Überleben der Jungtiere zu sichern.
Die Jagd im Kopf: Was im Hund wirklich vorgeht
Um zu verstehen, warum die Leinenpflicht so wichtig ist, müssen wir verstehen, was im Kopf unseres Hundes passiert. Sami erläutert detailliert die klassische Jagdverhaltenskette, die aus mehreren Schritten besteht: Orten (die Beute aufspüren), Fixieren, Anschleichen, Hetzen, Packen, Töten und schließlich Fressen. Bei unseren heutigen Haushunden, so erklärt er, ist diese Kette oft unvollständig oder in ihren Sequenzen verändert. Kaum ein Hund durchläuft noch alle Stufen. Doch die einzelnen Elemente sind nach wie vor stark ausgeprägt und vor allem: sie sind selbstbelohnend.
Das ist der entscheidende Punkt. Allein das Sichten und Hetzen einer potenziellen Beute schüttet im Hundehirn Dopamin und andere Endorphine aus. Es fühlt sich für den Hund einfach fantastisch an. Dieses körpereigene Belohnungssystem sorgt dafür, dass das Verhalten immer wieder gezeigt wird - ganz ohne, dass der Hund jemals erfolgreich sein muss. Der Stress, den er dabei bei einem Wildtier auslöst, ist für den Hund selbst reiner Nervenkitzel. Diese Erkenntnis hilft zu verstehen, warum ein einfaches "Der tut ja nix" oder "Der kriegt die eh nicht" die Situation völlig verkennt. Für das gehetzte Tier ist es purer Überlebenskampf, für den Hund ein Rausch der Sinne.
Vom Hütehund bis zum Terrier: Jagdsequenzen in jeder Rasse
Ein weit verbreiteter Mythos ist, dass nur bestimmte Rassen wie Jagdhunde wirklich jagen. Sami und Nicole stellen klar: Das ist falsch. Durch gezielte Zucht wurden bei unterschiedlichen Rassen lediglich bestimmte Teile der Jagdkette verstärkt und andere abgeschwächt. Ein Border Collie, so Sami, nutzt die ersten Sequenzen der Jagd - Orten, Fixieren, Anschleichen -, um Schafe zu kontrollieren. Er ist ein Meister darin, Beute zu managen, ohne sie zu töten. Ein Terrier hingegen wurde darauf gezüchtet, die Kette schnell zu durchlaufen und direkt ins Packen und Töten überzugehen. Ein Vorstehhund wie ein Weimaraner wiederum ist darauf spezialisiert, die Beute anzuzeigen (Vorstehen) und in dieser Position zu verharren.
Diese genetische Veranlagung bedeutet, dass Jagdverhalten in jedem Hund schlummert, nur in unterschiedlicher Ausprägung. Es ist unsere Aufgabe als Halter, diese Veranlagung zu kennen und verantwortungsvoll damit umzugehen. Die Entscheidung für einen "familientauglichen" Hütehund entbindet uns nicht von der Pflicht, dessen Verhalten in der Natur zu kontrollieren.
Die ersten Anzeichen erkennen: Wenn aus Spiel Ernst wird
Wie fängt Jagdverhalten an? Selten mit einem ausgewachsenen Reh. Nicole teilt eine persönliche Anekdote über ihren Hund Jaxon, der zum ersten Mal Jagdinteresse zeigte, als eine Hummel um ihn herumflog. Er saß auf seiner Decke, fixierte das Insekt und war kurz davor, loszuspringen. Sami bestätigt, dass genau hier die Wurzel des Verhaltens liegt: beim Jagen von Fliegen, fallenden Blättern oder Mäusen. Viele Halter finden das anfangs niedlich oder amüsant. Doch im Gehirn des Hundes werden bereits die neuronalen Bahnen für das Jagen gefestigt.
Die beiden Trainer raten dringend davon ab, solches Verhalten zu ignorieren oder gar zu bestärken. Stattdessen sollte man es frühzeitig und ruhig unterbrechen. Es geht nicht darum, in Panik zu verfallen, wenn ein Welpe einem Schmetterling nachjagt, sondern darum, ein Bewusstsein dafür zu entwickeln, dass dies der Anfang einer Verhaltenskette sein kann. Ein klares Management von Anfang an verhindert, dass aus dem Spiel mit Blättern irgendwann der ernste Sprint hinter einem Kaninchen wird.
Praktische Schritte für einen entspannten Spaziergang
Die Brut- und Setzzeit muss keine Zeit des Frustes sein. Stattdessen kann sie eine hervorragende Gelegenheit sein, die Beziehung zu deinem Hund zu vertiefen und an der Leinenführigkeit zu arbeiten. Nicole und Sami geben konkrete, umsetzbare Tipps:
- Arbeite an der Ansprechbarkeit: Das oberste Ziel ist ein Hund, der auch ohne Leine jederzeit ansprechbar und abrufbar ist. Wenn das noch nicht zuverlässig klappt, ist die Leine - insbesondere eine Schleppleine, die kontrollierten Freiraum ermöglicht - die beste und fairste Lösung für alle.
- Etabliere ein "Weg-Kommando": Nicole teilt eine ihrer bewährten Trainingsmethoden. Sie hat mit ihren Hunden das Kommando "Raus da" aufgebaut. Dies ist kein klassischer Rückruf, sondern eine Anweisung, das Unterholz zu verlassen und sofort wieder auf den Weg zurückzukehren. So lernt der Hund, dass die Wege die erlaubte Zone sind und das Dickicht tabu ist.
- Unterbrich die Kette frühzeitig: Beobachte deinen Hund genau. Greife nicht erst ein, wenn er schon hetzt, sondern bereits, wenn er etwas fixiert oder sich anschleicht. In diesem frühen Stadium ist er noch viel empfänglicher für deine Signale. Ein ruhiges Ansprechen oder eine sanfte Kurskorrektur reicht oft schon aus.
- Sieh die Leine als Chance: Nutze die Zeit an der Leine, um die Bindung zu stärken. Übe lockeres Gehen, gemeinsame Richtungswechsel und schaffe positive Erlebnisse in deiner Nähe. So wird die Leine nicht zum Symbol der Einschränkung, sondern zum Werkzeug für eine intensivere Zusammenarbeit.
Themen
Hinweis: Diese Zusammenfassung wurde mit Hilfe von KI aus dem Transkript der Podcast-Episode generiert.
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Shownotes
Warum dein Hund jetzt zum Jäger wird
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