Erlernte Hilflosigkeit: Warum wir uns manchmal machtlos fühlen

014: Gebrauchsanweisung fürs Gehirn

014: Gebrauchsanweisung fürs Gehirn

27. Mai 2026 · Tierisch Menschlich

Hast du dich jemals in einer Situation befunden, in der du das Gefühl hattest, völlig die Kontrolle verloren zu haben? Ein Gefühl der Ohnmacht, das lähmt und jede Initiative im Keim erstickt? Genau diesem universellen menschlichen Erleben widmen sich Martin Rütter und Katharina Adick in einer neuen Folge ihres Podcasts Tierisch Menschlich. Gemeinsam mit ihrem Gast, dem Neuropsychologen Dr. Jens Foell, tauchen sie tief in die Psychologie der erlernten Hilflosigkeit ein. Ausgehend von einem traurigen Wal an der Ostseeküste spannen sie einen faszinierenden Bogen von den Ursprüngen der Verhaltensforschung über die Hundeerziehung bis hin zu den aktuellen politischen Verwerfungen in unserer Gesellschaft. Diese Folge ist ein Muss für jeden, der verstehen will, warum unser Gehirn manchmal aufgibt, wie wir Resilienz bei unseren Hunden und Kindern fördern können und was all das mit unserem Vertrauen in die Demokratie zu tun hat.

Das Wichtigste auf einen Blick

  • Erlernte Hilflosigkeit ist ein universelles Phänomen: Das Konzept stammt aus umstrittenen Tierversuchen der 60er-Jahre und beschreibt den Zustand, in dem ein Lebewesen aufgibt, weil es gelernt hat, dass sein Handeln keine Konsequenzen hat. Dr. Jens Foell erklärt, wie dieser Mechanismus nicht nur bei Hunden, sondern auch bei uns Menschen wirkt.
  • Unser Gehirn tendiert zur Hoffnungslosigkeit: Neuere Forschungen zeigen, dass unser Gehirn in Krisensituationen standardmäßig davon ausgeht, dass ein schlechter Zustand dauerhaft und unkontrollierbar ist. Resilienz bedeutet, aktiv gegen diesen Impuls anzukämpfen und zu lernen, dass wir doch handlungsfähig sind.
  • Selbstwirksamkeit als Schutzschild: Martin Rütter berichtet aus seiner Praxis, wie er gezielt Welpen vor lösbare Herausforderungen stellt, damit sie früh lernen, Probleme eigenständig zu bewältigen. Dies stärkt ihr Selbstbewusstsein und schützt sie später vor Hilflosigkeit - ein Prinzip, das sich laut Jens eins zu eins auf die Kindererziehung übertragen lässt.
  • Der Wal Timmy als Spiegel unserer Gesellschaft: Die emotionale Welle rund um den gestrandeten Wal war laut den Gesprächspartnern auch ein Ausdruck kollektiver Ohnmacht. Der Drang, irgendetwas zu tun - selbst wenn es unsinnig erscheint -, entspringt dem Bedürfnis, der passiven Rolle des Zuschauers zu entkommen.
  • Politische Überzeugungen und Lernfähigkeit: Jens stellt eine Studie vor, die nahelegt, dass Menschen mit rechtsautoritären Einstellungen nicht nur weniger Faktenwissen besitzen, sondern auch eine geringere Bereitschaft zeigen, ihre falschen Überzeugungen zu korrigieren. Sie sind sich ihrer Sache oft sicherer, obwohl sie falsch liegen.

Was ist erlernte Hilflosigkeit? Von Hunden im Labor zu uns Menschen

Am Anfang steht eine grausame, aber erkenntnisreiche Beobachtung aus den 1960er-Jahren, wie Jens berichtet. Forscher wie Martin Seligman setzten Hunde in Experimenten unkontrollierbaren Elektroschocks aus. Das schockierende Ergebnis: Die Hunde, die gelernt hatten, dass sie den Schmerz nicht vermeiden konnten, versuchten es später nicht einmal mehr, als eine Fluchtmöglichkeit bestand. Sie hatten Hilflosigkeit gelernt und ertrugen das Leid passiv. Dieses Prinzip, erklärt Jens, wurde auch am Menschen nachgewiesen, etwa mit unangenehmen Geräuschen statt Stromschlägen. Menschen, die zunächst keine Kontrolle über den Lärm hatten, gaben später auf, Rätsel zu lösen, die den Lärm hätten stoppen können.

Für Martin ist das keine trockene Theorie, sondern gelebte Praxis im Hundetraining. Er sieht die Folgen dieses Prinzips bei Hunden, die mit aversiven Methoden wie Stromhalsbändern "trainiert" werden. Manche Hunde stumpfen ab und zucken nur noch mit den Schultern, andere brechen innerlich zusammen. Diese Hunde wirken für Laien oft unauffällig und pflegeleicht, leiden aber still und intensiv. Es sind die Fälle, die Martin emotional am stärksten mitnehmen, weil es extrem schwer ist, einem solchen Hund seine Handlungsfähigkeit und Lebensfreude zurückzugeben.

Selbstwirksamkeit als Schutzschild: Wie du Hunde und Kinder stärkst

Doch wie kann man diesem Zustand vorbeugen? Hier wird es für dich als Hundehalter:in oder Elternteil besonders spannend. Martin erzählt, dass er schon vor Jahrzehnten belächelt wurde, als er in seinen Welpengruppen kleine, aber lösbare Aufgaben einführte. Er ließ die Welpen bewusst auf kleine Hindernisse stoßen, die sie nach kurzem Zögern selbst überwinden konnten. Die Beobachtung war eindeutig: Die Körpersprache der Hunde veränderte sich. Sie richteten sich auf, wurden sichtlich stolzer und selbstbewusster. Sie erlebten Selbstwirksamkeit - die Überzeugung, durch eigenes Handeln etwas bewirken zu können.

Das ist ein entscheidender Perspektivwechsel: Statt deinen Hund oder dein Kind vor jeder Herausforderung zu bewahren, geht es darum, ihnen die Werkzeuge und das Vertrauen zu geben, sie selbst zu meistern. Jens bestätigt, dass dieser Ansatz aus neuropsychologischer Sicht absolut sinnvoll ist. Erfahrungen von Kontrolle und erfolgreicher Problemlösung in jungen Jahren schaffen eine Art Puffer gegen spätere Gefühle der Hoffnungslosigkeit. Dabei, so sind sich Martin und Jens einig, muss man den Charakter des Individuums berücksichtigen. Ein von Natur aus forscher Jack Russell Terrier braucht vielleicht weniger Erfolgserlebnisse als ein schüchterner Welpe einer zurückhaltenden Rasse.

Der Wal Timmy und die Psychologie der Ohnmacht

Die Diskussion kehrt immer wieder zum Fall des gestrandeten Wals zurück, der die Nation wochenlang beschäftigte. Für Katharina, Martin und Jens ist die enorme Anteilnahme mehr als nur Tierliebe. Sie sehen darin ein Paradebeispiel dafür, wie schwer wir es als Menschen aushalten, einem Leid zuzusehen, ohne eingreifen zu können. Martin zieht einen sehr persönlichen Vergleich: Den Schmerz seines Sohnes nach einem gebrochenen Finger konnte er gut ertragen, denn es gab einen klaren Handlungsplan (Krankenhaus, Gips). Den emotionalen Schmerz bei Liebeskummer oder seelischen Krisen hingegen empfindet er als fast unerträglich, weil er sich machtlos fühlt, das Problem für sein Kind zu lösen.

Genau dieser Mechanismus, so analysiert die Runde, trieb auch die teils absurden Rettungsvorschläge für den Wal an. Die KI-generierten Videos von Helikoptern und Sandsäcken waren nicht nur unterhaltsam, sondern bedienten auch das tiefe menschliche Bedürfnis, eine Lösung zu finden und der quälenden Ohnmacht zu entkommen. In einer Welt voller komplexer, unlösbar scheinender Krisen wie Klimawandel oder Kriege bot der Wal ein greifbares Problem, für das man sich eine einfache Lösung herbeisehnte. Er wurde zu einem gemeinsamen Fokuspunkt in einer zunehmend fragmentierten Medienlandschaft, ein Lagerfeuer, um das sich alle versammeln konnten.

Wenn das Gehirn stur bleibt: Politik, Vertrauen und die Unfähigkeit umzulernen

Vom gestrandeten Wal zur politischen Landschaft - der Sprung scheint groß, ist aber psychologisch nur konsequent. Jens berichtet von einer faszinierenden Studie, die im Rahmen seiner Buchrecherche eine zentrale Rolle spielte. Proband:innen wurden mit Fakten konfrontiert und sollten deren Richtigkeit bewerten. Später klärte man sie über Fehler auf. Das Ergebnis: Die politische Einstellung (links oder konservativ) spielte für die Lernfähigkeit kaum eine Rolle. Eine Gruppe stach jedoch heraus: Menschen mit einer stark rechtsautoritären Einstellung, die sich einen "starken Führer" wünschen, lernten signifikant schlechter aus ihren Fehlern. Sie hielten hartnäckiger an falschen Informationen fest und waren sich ihrer falschen Antworten gleichzeitig überdurchschnittlich sicher.

Für die Runde ist das eine wissenschaftliche Bestätigung für eine beunruhigende Beobachtung. Die Diskussion entfaltet sich um die Frage, warum gerade in Regionen mit wenig multikultureller Erfahrung die Angst vor dem Fremden und die Anfälligkeit für rechtsextreme Narrative am größten ist. Es geht um fehlendes Vertrauen in Institutionen, um das Gefühl, nicht gehört zu werden, und um die Sehnsucht nach einfachen Antworten. Martin kritisiert scharf, dass die demokratischen Parteien diesen Nährboden durch interne Grabenkämpfe und das Übernehmen rechter Narrative selbst düngen, anstatt einen gemeinsamen, vertrauenswürdigen Gegenpol zu bilden.

Praktische Schritte gegen die Hoffnungslosigkeit: Das H.O.P.E.-Modell

Was aber kannst du konkret tun, wenn dich das Gefühl der Hoffnungslosigkeit überkommt - sei es im Angesicht persönlicher Krisen oder der Weltlage? Jens stellt ein einfaches, aber wirkungsvolles Modell vor, das er in seinem Buch beschreibt und das sich am Akronym H.O.P.E. orientiert:

  1. H - Hilfe holen: Der erste und oft schwerste Schritt. Wir sind darauf trainiert, Probleme allein lösen zu wollen. Zu erkennen und zu akzeptieren, dass man Unterstützung braucht, ist ein Akt der Stärke, nicht der Schwäche.
  2. O - Optimismus bewahren: Das bedeutet nicht, die Realität zu ignorieren, sondern die grundsätzliche Überzeugung zu kultivieren, dass sich Dinge zum Besseren wenden können. Dieser Glaube an eine positive Zukunft ist ein wichtiger Motor für Resilienz.
  3. P - Perspektive einordnen: Stelle dir gezielte Fragen, um dein Gehirn aus dem Tunnelblick zu befreien. Ist die Situation wirklich so ausweglos, wie sie sich anfühlt? Betrifft sie wirklich alle Lebensbereiche? Ist sie wirklich von Dauer? Oft stellt sich heraus, dass der empfundene Weltuntergang ein zeitlich und räumlich begrenztes Problem ist.
  4. E - Emotionen erkennen: Lerne, deine eigenen Gefühle wahrzunehmen und zu benennen. Wenn du merkst, dass du gerade von Angst oder Wut überwältigt wirst, kannst du bewusst einen Schritt zurücktreten und dir sagen: "Okay, das ist gerade mein emotionaler Impuls, aber er diktiert nicht zwangsläufig die Realität." Manchmal reicht es schon, eine Nacht darüber zu schlafen, um wieder klarer zu sehen.

Petcaster
Zusammengefasst von Anja Schirwinski

Seit meine Hündin Frida mit fünf Monaten aus einem rumänischen Shelter zu mir kam, beschäftige ich mich intensiv mit Hundethemen - von Alltagstraining bis Verhaltensbesonderheiten. Viele der Fragen, die in Podcasts besprochen werden, kenne ich aus unserer gemeinsamen Erfahrung nur zu gut. Deshalb fasse ich hier die für mich interessantesten Podcastfolgen zusammen und ergänze sie mit meinen eigenen Erlebnissen mit Frida.

Mehr über das Projekt Petcaster

Hinweis: Diese Zusammenfassung wurde mit Hilfe von KI aus dem Transkript der Podcast-Episode generiert.

Alle Inhalte auf Petcaster beruhen auf öffentlich zugänglichen Podcasts aus der Hunde- und Haustierwelt. Wir fassen die Episoden nach bestem Wissen zusammen, übernehmen jedoch keine Gewähr für Vollständigkeit, Aktualität oder Richtigkeit der Inhalte. Die Rechte an den Original-Podcasts und -Inhalten liegen ausschließlich bei den jeweiligen Urheber:innen.

Shownotes

In dieser Folge ist Katharinas Kollege Dr. Jens Foell zu Gast. Der Neuropsychologe hat eine Art Bedienungsanleitung für das Gehirn geschrieben und spannende Parallelen zwischen Mensch und Hund entdeckt. Über verstörende Experimente in den 1960er Jahren, Angst, die Macht der Selbstwirksamkeit bei Welpen und Kindern und wie man Hoffnung lernen kann! Mit Jens Foell gehen die spannenden Themen niemals aus. 


 

Das neue Buch von Dr. Jens Foell: „Mein Gehirn, das Denken & Ich“: https://www.droemer-knaur.de/buch/jens-foell-mein-gehirn-das-denken-und-ich-9783426568446?srsltid=AfmBOop2jiBja3TkC7ckuQBd0DKDjR59sjHAF4Jt2m6_qLMr0xh9xsQ5


 

Podcast: „Nerds at work“: https://open.spotify.com/show/3Tm0ku3B45Gy4bof01pASv


 

Neue Staffel „Last one Laughing - LOL“: https://www.primevideo.com/-/de/detail/0T95E4JDS01YBSJEKTAH97YIZK


 

Mai Think X: „Schmerzfalle Gesundheitssystem“: https://www.zdf.de/video/shows/mai-think-x-die-show-102/maithink-x-schmerzfalle-100


 

Christiane Rösinger: „The Joy of Ageing“: https://www.rowohlt.de/buch/christiane-roesinger-the-joy-of-ageing-9783498007539?srsltid=AfmBOoq_MIWgL9QuH69gr32QLKvOOIRG5nwvdJI5rDWFRpjXWIIVGFZQ

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Weitere Links rund um den Podcast: https://linktr.ee/podcasttierischmenschlich