Zusammengefasst von Anja Schirwinski
Seit meine Hündin Frida mit fünf Monaten aus einem rumänischen Shelter zu mir kam, beschäftige ich mich intensiv mit Hundethemen - von Alltagstraining bis Verhaltensbesonderheiten. Viele der Fragen, die in Podcasts besprochen werden, kenne ich aus unserer gemeinsamen Erfahrung nur zu gut. Deshalb fasse ich hier die für mich interessantesten Podcastfolgen zusammen und ergänze sie mit meinen eigenen Erlebnissen mit Frida.
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In dieser Episode des Podcasts The Pet Food Family spricht Gastgeber Jan Dießner mit Anita Balser, einer der prägendsten Figuren der deutschen Hundetrainerszene und Gründerin der hundeTEAMschule (HTS). Bekannt für ihre Vorgehensweise, die mehr Lebenseinstellung als starre Methode ist, gibt sie tiefe Einblicke in ihre jahrzehntelange Erfahrung und ihren eigenen Werdegang, den sie auch in ihrem Podcast Hunde mit dem Herzen führen detailliert schildert.
Die zentralen Themen des Gesprächs sind die unübersichtliche und oft überfordernde Landschaft des modernen Hundetrainings, die entscheidende Rolle des Menschen in der Mensch-Hund-Beziehung und die Erkenntnis, dass Hunde uns als Spiegel für unsere eigenen Lebensthemen dienen. Die Episode richtet sich an alle Hundehalter:innen, die Orientierung suchen und verstehen möchten, warum der Schlüssel zu einem harmonischen Zusammenleben weniger in der perfekten Methode als in der eigenen Persönlichkeitsentwicklung liegt.
Das Wichtigste auf einen Blick
- Moderne Hundewelt ist überfordernd: Anita Balser beschreibt die heutige Angebotsvielfalt im Hundetraining als „too much“. Für Halter:innen, die alles richtig machen wollen, sei es fast unmöglich, den richtigen Weg durch den Dschungel an Meinungen und Methoden zu finden.
- Der Mensch ist der Schlüssel, nicht der Hund: Der Erfolg im Hundetraining hängt primär vom Menschen ab. Anita Balser betont, dass ein guter Hundetrainer den Menschen mehr lieben müsse als den Hund, da der Mensch derjenige ist, der die Veränderung bewirken muss.
- Hunde spiegeln unser Leben: Das Verhalten eines Hundes ist oft eine direkte Reflexion der Persönlichkeit, der Emotionen und der unbewussten Muster seines Menschen. Diese Spiegelung betrifft nicht nur Defizite, sondern das gesamte Sein und bietet eine Chance für persönliches Wachstum.
- Innerer Frieden durch Akzeptanz: Anstatt negative Ereignisse gedanklich oder im Gespräch immer wieder zu durchleben, führt die Akzeptanz einer Situation viel schneller zu innerem Frieden. Dieser Ansatz ist direkt auf den Umgang mit Problemen im Hundetraining übertragbar.
- Entwicklung statt Dogma: Anita Balser teilt offen ihre eigene Reise - vom strengen Schutzdienst über das Training mit Leckerlis bis zu ihrem heutigen, ganzheitlichen Ansatz. Sie sieht ständigen Wandel als Zeichen von Lebendigkeit und ermutigt dazu, den eigenen Weg zu gehen.
- Fehlende Zusammenarbeit der Experten: Ein großes Problem in der Szene ist der Mangel an Kooperation. Ein Versuch, die führenden Trainer:innen Deutschlands an einen Tisch zu bringen, um gemeinsam Wege für Hundehalter aufzuzeigen, scheiterte laut Anita an Konkurrenzdenken.
Hunde-Deutschland 2024: Eine Überforderung für Halter
Anita Balser zeichnet ein kritisches Bild der aktuellen Hundetrainingslandschaft. Sie erklärt, dass sie im Jahr 2024 kein Hundehalter sein möchte, der neu anfängt und versucht, alles richtig zu machen. Die schiere Masse an Trainern, Methoden und Informationen sei für den normalen Halter nicht mehr zu bewältigen. Dies führe zu Verunsicherung, da man von Trainer A, B und C oft widersprüchliche Ratschläge erhalte. Ihre Hoffnung, dass die Einführung des §11-Sachkundenachweises im Jahr 2014 den Markt bereinigen würde, habe sich nicht erfüllt. Stattdessen sei die Situation für Suchende heute unübersichtlicher denn je.
Der Mensch als Schlüssel zum Erfolg: Mehr als nur Methode
Im Zentrum von Anitas Philosophie steht der Mensch. Sie vertritt die klare Haltung: „Wenn du den Menschen nicht mehr liebst als den Hund, bist du in diesem Beruf falsch.“ Die Methode - ob mit Leckerlis oder nach HTS-Prinzipien - sei am Ende zweitrangig. Entscheidend sei, dem Menschen das zu geben, was er individuell braucht, um seinem Hund wiederum das geben zu können, was dieser benötigt. Es gehe darum, den Halter aus starren „Kochrezepten“ zu lösen und ihn ins Fühlen und in die Intuition zu bringen. Viele Probleme, so Anita, lägen nicht beim Hund, sondern beim Menschen. Sobald der Mensch an sich arbeite und seine eigene Haltung verändere, reagiere der Hund oft innerhalb kürzester Zeit positiv darauf.
Der Hund als Spiegel: Eine Reflexion des gesamten Lebens
Ein wiederkehrendes Thema ist die Idee, dass Hunde das Verhalten und die innere Verfassung ihrer Menschen spiegeln. Dies sei, so erklärt Jan Köppen in einem früheren Gespräch, auf das gesamte Leben des Menschen projizierbar. Anita Balser bestätigt dies nachdrücklich. Sie nutzt dieses Prinzip in ihrer Arbeit, indem sie fragt: „Wo in deinem Leben sonst - mit deinem Partner, deinen Kindern, deinen Freunden - findest du dieses Muster wieder?“
Sie illustriert dies an ihren eigenen Hunden: Ihr älterer Border Collie Rudi spiegle ihre aktuelle innere Ausgeglichenheit wider - es gebe nichts zu spiegeln. Ihr neuer, junger Hund Mika hingegen habe eine neue, weichere und emotionalere Seite in ihr zum Vorschein gebracht. Anita betont, dass Hunde nicht nur unsere Defizite, sondern unser gesamtes Wesen reflektieren und uns so wertvolle Impulse für unsere eigene Entwicklung geben.
Anitas persönlicher Weg: Von Härte zu Herz und stetiger Wandel
Anita Balser spricht in ihrem eigenen Podcast offen über ihren langen und kurvenreichen Weg. Sie begann im Schutzhundesport, wo sie nach eigener Aussage „schlimme Sachen gemacht“ habe, ohne mit der Wimper zu zucken. Ein entscheidender Wendepunkt war der Moment, als sie symbolisch ihre Hundebücher verbrannte und beschloss, nur noch durch die Beobachtung von Hunden zu lernen. Dieser Schritt war der „absolute Gamechanger“.
Ihre Entwicklung ist nicht abgeschlossen. Aktuell experimentiert sie damit, Stimmungen gezielt über Worte und Geschichten auf ihre Hunde zu übertragen - eine Erkenntnis, die sie aber noch nicht an Kunden weitergibt, da die Gefahr des „Zutextens“ groß sei. Indem sie ihren Weg mit allen Fehlern und Veränderungen teilt, möchte sie sich von einem Podest heben und anderen Menschen auf Augenhöhe begegnen. Sie will zeigen, dass jeder Weg aus verschiedenen Stationen besteht und keine davon „falsch“ war, sondern notwendig, um zum heutigen Punkt zu gelangen.
Die fehlende Einheit: Ein Appell zur Zusammenarbeit in der Trainerszene
Um die Überforderung der Hundehalter zu lösen, sieht Anita Balser zwei mögliche Wege: strengere gesetzliche Regelungen oder eine konzertierte Aktion der führenden Trainer:innen in Deutschland. Sie berichtet von einem Versuch im Jahr 2014, namhafte Trainer wie Thomas Baumann und Gerd Leder für ein gemeinsames Projekt zu gewinnen, um unterschiedliche Lösungswege aufzuzeigen. Die Idee war, eine DVD-Reihe zu produzieren, in der verschiedene Experten ihre Ansätze zu ähnlichen Problemstellungen demonstrieren. Dieser Versuch scheiterte jedoch, da die Befürchtung, es gehe am Ende um die „bessere Methode“, zu groß gewesen sei.
Anita ist überzeugt, dass die Szene einander braucht, um wirklich etwas zu bewegen. Der Markt sei groß genug für alle, und Konkurrenzdenken stehe dem Wohl der Hunde und ihrer Halter im Weg. Sie sieht derzeit keine „neue Riege“ junger, innovativer Trainer, die wirklich eigene Wege entwickeln, sondern primär eine Wiederholung bereits bekannter Konzepte.
Praktische Schritte für ein besseres Miteinander
- Finde deinen individuellen Weg: Akzeptiere, dass es keine universelle Methode gibt. Finde heraus, was sich für dich und deinen Hund stimmig anfühlt, anstatt einem starren Konzept zu folgen.
- Arbeite an dir selbst: Erkenne an, dass das Verhalten deines Hundes oft deine eigenen Emotionen, Ängste und Muster spiegelt. Selbstreflexion ist der effektivste Weg zur Veränderung der Mensch-Hund-Beziehung.
- Vermeide die Negativ-Spirale: Anstatt Probleme und Fehler ständig im Kopf oder im Gespräch mit anderen zu wiederholen, konzentriere dich auf das, was du erreichen möchtest. Das stärkt positive neuronale Bahnen und führt schneller zu einer Lösung.
- Kommuniziere bewusst, statt deinen Hund „zuzutexten“: Nutze Sprache gezielt für positive Interaktionen, aber vermeide es, deinen Hund permanent zuzureden, um seine Aufmerksamkeit zu erzwingen oder jeden deiner Schritte anzukündigen. Das führt dazu, dass der Hund lernt, deine Stimme zu ignorieren.
- Gib einem Ansatz eine faire Chance: Wenn du dich für einen Weg oder einen Trainer entscheidest, bleibe für eine angemessene Zeit dabei. Ständiges Wechseln zwischen verschiedenen Philosophien verwirrt dich und deinen Hund und verhindert nachhaltigen Fortschritt.