Auslandstierschutz auf dem Prüfstand: Was die Wissenschaft sagt

Zusammengefasst von Anja Schirwinski
Seit meine Hündin Frida mit fünf Monaten aus einem rumänischen Shelter zu mir kam, beschäftige ich mich intensiv mit Hundethemen - von Alltagstraining bis Verhaltensbesonderheiten. Viele der Fragen, die in Podcasts besprochen werden, kenne ich aus unserer gemeinsamen Erfahrung nur zu gut. Deshalb fasse ich hier die für mich interessantesten Podcastfolgen zusammen und ergänze sie mit meinen eigenen Erlebnissen mit Frida. 
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In dieser Episode des Podcasts HUNDESTUNDE spricht Hundetrainerin Conny Sporrer mit der Tierärztin Dr. Jessica Graf über ihre wegweisende Promotionsarbeit zum Thema Auslandstierschutz. Dr. Graf hat in zwei umfassenden Studien die Realität der Hundevermittlung aus Süd- und Osteuropa nach Deutschland wissenschaftlich untersucht. Dabei beleuchtet sie die Motivation der Adoptant:innen, die Arbeitsweise von Tierschutzorganisationen und die gesundheitlichen sowie verhaltensbiologischen Herausforderungen der Hunde.

Das Gespräch liefert eine dringend benötigte, datenbasierte Grundlage für eine oft emotional geführte Debatte. Es richtet sich an alle, die einen Hund aus dem Tierschutz adoptieren möchten, bereits adoptiert haben oder sich für eine professionalisierte und transparente Tierschutzarbeit einsetzen. Die zentrale Frage lautet: Wie kann der Auslandstierschutz verbessert werden, um sowohl den Hunden als auch den Menschen gerecht zu werden und sich klar von illegalem Welpenhandel abzugrenzen?

Das Wichtigste auf einen Blick

  • Motivation & Realität: Der Hauptantrieb für die Adoption eines Auslandshundes ist der Wunsch zu helfen. Dies kann jedoch dazu führen, dass praktische Herausforderungen und die Bedürfnisse des Hundes unterschätzt werden.
  • Gesundheitliche Lücken: Ein Fünftel (20 %) der Hunde wird laut der Studie niemals auf relevante Mittelmeerkrankheiten oder andere vektorübertragene Krankheiten getestet, was ein Risiko für den Hund und potenziell für die heimische Hundepopulation darstellt.
  • Transparenz bei Vereinen: Viele Tierschutzorganisationen weisen auf ihren Webseiten erhebliche Informationslücken auf, etwa zu Transportmethoden, Gesundheitsvorsorge oder Verhaltensbeschreibungen.
  • Gefährliche Übergaben: Fast ein Drittel der Hunde wird an Autobahnraststätten übergeben - eine Praxis, die laut Dr. Graf aufgrund des hohen Fluchtrisikos extrem gefährlich ist.
  • Gesetzliche Grauzonen: Zahlreiche Vereine nutzen das gesetzlich vorgeschriebene europäische Kontrollsystem „Traces“ nicht, was die Grenze zwischen seriösem Tierschutz und illegalem Handel verschwimmen lässt.
  • Die Hunde selbst: Die meisten adoptierten Hunde sind junge Mischlinge (unter zwei Jahre), die sich trotz anfänglicher Schwierigkeiten oft gut in ihr neues Leben einfügen.
  • Kastrationspflicht: Die vertragliche Verpflichtung zur Kastration eines Hundes nach der Ankunft in Deutschland ist rechtlich problematisch und kann laut Tierschutzgesetz unter bestimmten Umständen sogar tierschutzwidrig sein.

Die wissenschaftliche Perspektive: Warum eine Studie zum Auslandstierschutz?

Die Motivation für Dr. Jessica Grafs Forschung war zutiefst persönlich. Als sie während ihres Studiums selbst eine Hündin aus Griechenland adoptierte, erlebte sie die damit verbundenen Herausforderungen hautnah. Ihre Hündin war anfangs extrem verängstigt und traumatisiert; es dauerte rund drei Jahre, bis sie wirklich in ihrem neuen Leben ankam. Diese Erfahrung und die Beobachtung, dass die Diskussion über Auslandstierschutz oft von Vorurteilen und Emotionen statt von Fakten geprägt ist, trieben Jessica an. Sie wollte eine wissenschaftliche, datenbasierte Grundlage schaffen, um Missstände aufzudecken, Vorurteile abzubauen und konkrete Wege für einen transparenteren und tiergerechteren Auslandstierschutz aufzuzeigen.

Wer sind die Hunde und ihre neuen Menschen? Einblicke aus der Halter-Studie

Für ihre Studie befragte Jessica fast 2.000 Halter:innen von Auslandshunden in Deutschland. Die Ergebnisse zeichnen ein klares Bild der Demografie:

  • Die Hunde: Knapp 90 % sind Mischlinge, wobei rund ein Drittel aus Rumänien stammt. Regional gibt es Unterschiede: Aus Osteuropa kommen vermehrt Schäferhund- oder Herdenschutzhund-Typen, während aus Südeuropa eher Jagdhundmischlinge vermittelt werden. Die meisten Hunde (über 62 %) sind bei ihrer Ankunft jünger als zwei Jahre.
  • Die Menschen: Die typischen Adoptant:innen sind weiblich, zwischen 50 und 59 Jahre alt und leben in einem Zwei-Personen-Haushalt in einer ländlichen Umgebung mit Garten. Knapp ein Viertel der Haushalte hat Kinder.

Diese Daten zeigen, dass die Adoption von Auslandshunden vor allem von einer erfahrenen und gesettelten Generation getragen wird, die bewusst etwas Gutes tun möchte. Der Tierschutzgedanke war für die Befragten rund doppelt so wichtig wie die Frage, ob der Hund perfekt zu den eigenen Bedürfnissen passt.

Der Adoptionsprozess unter der Lupe: Zwischen Wunsch und Wirklichkeit

Die Studie deckte erhebliche Schwachstellen im Vermittlungsprozess auf. Nur 65 % der Befragten fühlten sich von den Vereinen ausreichend über rassetypische Verhaltensweisen oder mögliche Krankheiten informiert. Conny merkt an, dass Adoptant:innen im Prozess emotional oft so involviert sind, dass wichtige Informationen möglicherweise nicht hängen bleiben.

Ein besonders kritischer Punkt ist die Übergabe: 32 % der Hunde werden an Autobahnraststätten an ihre neuen Besitzer übergeben. Jessica warnt eindringlich vor dieser Praxis. Die Hunde sind durch den langen Transport gestresst, die neuen Menschen emotional, und die Nähe zur Autobahn stellt ein enormes Risiko dar, sollte ein Hund in Panik flüchten. Eine deutlich sicherere Alternative wären eingezäunte Gelände wie Hundeschulen oder Tierheime.

Gesundheitliche Risiken und rechtliche Rahmenbedingungen

Ein zentrales Thema sind die gesundheitlichen Risiken. Die Studie zeigt, dass 20 % der Hunde nie auf sogenannte vektorübertragene Krankheiten (z. B. Leishmaniose, Herzwurm, Babesiose) getestet werden. Jessica betont, dass dies nicht nur für den adoptierten Hund gefährlich sein kann, sondern auch eine Bedrohung für die öffentliche Gesundheit darstellt. Durch den Klimawandel breiten sich die Überträger dieser Krankheiten (z. B. Sandmücken, bestimmte Zeckenarten) auch in Deutschland aus. Infizierte Hunde können so zu einem Reservoir für diese Erreger werden.

Rechtlich ist der Transport von Hunden innerhalb der EU klar geregelt. Gewerbliche Transporte, wozu auch Tierschutzvermittlungen zählen, müssen über das europäische System „Traces“ angemeldet werden. Dies soll Transparenz schaffen und die Einhaltung von Standards wie Mindestalter (15 Wochen), Tollwutimpfung und amtstierärztlicher Untersuchung sicherstellen. Jessicas Recherche zeigt jedoch, dass viele Organisationen dieses System umgehen, was die Tür für illegalen Handel öffnet und seriöse Arbeit untergräbt.

Die Rolle der Vereine: Transparenz als Schlüssel zur Professionalisierung

In einer zweiten Studie analysierte Jessica die Internetauftritte von 241 Tierschutzorganisationen. Das Ergebnis ist ernüchternd: Die Qualität und der Informationsgehalt variieren stark. Viele Webseiten sind veraltet, Verhaltensbeschreibungen sind oft vage (nur 68,5 % geben sie an) und Informationen zu legalen Transportwegen oder dem genauen Vermittlungsablauf fehlen häufig. Jessica kritisiert auch, dass rund 20 % der Vereine Hunde aus verschiedensten Ländern vermitteln, was bei kleineren Organisationen die Frage nach der Seriosität und der tatsächlichen Verbindung zu den Projekten vor Ort aufwirft.

Die zentrale Forderung, die sich aus beiden Studien ableitet, ist die nach mehr Transparenz und Professionalität. Seriöse Vereine müssen sich durch die strikte Einhaltung von Gesetzen und eine offene Kommunikation klar vom illegalen Hundehandel abgrenzen.

Praktische Tipps für angehende Adoptant:innen

Basierend auf den Studienergebnissen lassen sich konkrete Handlungsempfehlungen für dich ableiten, wenn du überlegst, einen Hund aus dem Ausland zu adoptieren:

  1. Hinterfrage den Verein: Prüfe die Webseite kritisch. Wirkt sie professionell und aktuell? Informiert der Verein transparent über den Vermittlungsablauf, die Transportmethode (Stichwort: Traces) und die Gesundheitsvorsorge?
  2. Fordere Gesundheitstests ein: Frage explizit nach den Ergebnissen eines umfassenden Tests auf vektorübertragene Krankheiten, die für das Herkunftsland relevant sind. Ein Test vor und einer nach der Ankunft in Deutschland bieten die größte Sicherheit.
  3. Achte auf eine sichere Übergabe: Sei skeptisch bei Übergaben an ungesicherten Orten wie Autobahnraststätten. Ein seriöser Verein wird die Sicherheit des Hundes an erste Stelle setzen und einen eingezäunten Ort wählen.
  4. Nimm Verhaltensbeschreibungen als Momentaufnahme: Das Verhalten eines Hundes im lauten, stressigen Tierheim sagt nur bedingt etwas darüber aus, wie er sich in einem ruhigen Zuhause entwickeln wird. Sei offen für Überraschungen und gib dem Hund Zeit.
  5. Kenne deine Verantwortung: Informiere dich über die Risiken und sei bereit, die Verantwortung für ein Lebewesen zu übernehmen, das vielleicht ein Leben lang spezielle Pflege oder Training benötigt. Dazu gehört auch ein lückenloser Parasitenschutz, um die Weiterverbreitung von Krankheiten zu verhindern.

📌 Themen und Herausforderungen

Hinweis: Diese Zusammenfassung wurde mit Hilfe von KI aus dem Transkript der Podcast-Episode generiert und anschließend sorgfältig geprüft und redaktionell überarbeitet.
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