Zusammengefasst von Anja Schirwinski
Seit meine Hündin Frida mit fünf Monaten aus einem rumänischen Shelter zu mir kam, beschäftige ich mich intensiv mit Hundethemen - von Alltagstraining bis Verhaltensbesonderheiten. Viele der Fragen, die in Podcasts besprochen werden, kenne ich aus unserer gemeinsamen Erfahrung nur zu gut. Deshalb fasse ich hier die für mich interessantesten Podcastfolgen zusammen und ergänze sie mit meinen eigenen Erlebnissen mit Frida.
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In einer besonderen, rein weiblich besetzten Folge des Podcasts HUNDESTUNDE nimmt Moderatorin Conny Sporrer ihre Hörerinnen und Hörer mit auf eine emotionale und augenöffnende Reise. Gemeinsam mit den Hundetrainerinnen Ellen Marques und Dolores Hofmann sowie ihrer Mitarbeiterin Denise Berger berichtet sie von einer Tierschutztour, die sie mit 35 Teilnehmern nach Ungarn und Rumänien führte. Die Episode zeichnet ein ungeschminktes Bild der Realität in ausländischen Tierheimen und dokumentiert die tiefgreifenden Eindrücke, die diese Erfahrung bei allen Beteiligten hinterlassen hat.
Im Zentrum der Diskussion steht die Frage, warum der Auslandstierschutz so essenziell ist und wie ein direkter Blick auf die Verhältnisse vor Ort Vorurteile abbauen und zu nachhaltigem Engagement motivieren kann. Die Folge richtet sich an alle Hundefreunde, insbesondere an jene, die skeptisch gegenüber Hunden aus dem Auslandstierschutz sind oder sich fragen, wie sie effektiv helfen können.
Das Wichtigste auf einen Blick
- Ein direkter Besuch in ausländischen Tierheimen verändert die Perspektive radikal und räumt mit dem Vorurteil auf, man solle sich nur um die vollen Tierheime im eigenen Land kümmern.
- Die Bedingungen in privat geführten Sheltern wie denen von Animal Care Austria und Free Amely sind oft von großem Engagement geprägt, aber nicht mit den Standards deutscher oder österreichischer Tierheime vergleichbar.
- Städtische Tierheime sind oft nur Verwahranstalten mit minimaler Versorgung, extremem Stress für die Tiere und ohne den Anspruch, ein echtes „Heim“ zu sein.
- Viele Hunde im Auslandstierschutz sind - entgegen gängiger Klischees - sozial, unkompliziert und sehnen sich nach menschlicher Nähe, oft mehr als nach Futter.
- Unterstützung muss nicht immer Adoption bedeuten: Auch Pflegestellen, Geld- und Sachspenden, ehrenamtliche Hilfe vor Ort (auch handwerklich) oder das Teilen von Informationen sind entscheidende Beiträge.
- Die emotionale Belastung eines Besuchs ist real, aber die Erfahrung in einer Gruppe schafft ein starkes Gemeinschaftsgefühl, das trägt, tröstet und zum Handeln motiviert.
- Der Leitsatz „Adoptieren statt Produzieren“ erhält durch die Konfrontation mit dem Leid und der schieren Masse an heimatlosen Hunden eine neue, unumstößliche Dringlichkeit.
Von Skepsis zu Engagement: Die persönlichen Wege zum Auslandstierschutz
Zu Beginn der Folge schildern die drei Gäste ihren persönlichen Weg zum Tierschutz. Ellen Marques, seit 2010 Hundetrainerin im Netzwerk von Martin Rütter, erklärt, dass der Tierschutz in ihrer Ausbildung kaum eine Rolle spielte. Lange Zeit war auch sie von Thesen geprägt, dass man bei Tierschutzhunden „nicht wisse, was man bekommt“. Erst durch gemeinsame Reisen mit Conny seit 2019 erkannte sie das wahre Ausmaß des Leids und die Notwendigkeit zu handeln. Dies habe ihre Einstellung fundamental verändert.
Auch Dolores, die seit zehn Jahren eine Hundeschule in Osnabrück betreibt, vertrat lange den Standpunkt, dass die Tierheime in Deutschland voll genug seien und man nicht noch Hunde aus dem Ausland holen müsse. Eine erste Reise zu einer Kastrationskampagne mit Conny im Oktober 2023 und ein nur 20-minütiger Besuch in einem Shelter waren für sie ein Wendepunkt. Sie beschreibt, wie selbst das schlechteste deutsche Tierheim ein „Fünf-Sterne-Bunker“ im Vergleich zu den Zuständen in Rumänien oder Ungarn sei. Diese Erfahrung hat sie so tief geprägt, dass ein Hund vom Züchter für sie keine Option mehr darstellt.
Denise, die Conny organisatorisch unterstützt und den Podcast schneidet, hatte vor der Tour kaum Berührungspunkte mit dem Tierschutz. Ihre einzige Erfahrung war ein Besuch in einem Wiener Tierheim, der sie bereits zu Tränen rührte. Für sie war die Reise eine Möglichkeit, die Realität im Ausland kennenzulernen und die Arbeit von Conny und den anderen besser zu verstehen.
Die Tierschutztour: Konzept, Teilnehmer und gemeinsames Ziel
Die Grundidee der Reise war, Menschen, die sich engagieren wollen, aber unsicher sind oder sich allein nicht trauen, eine begleitete und niederschwellige Möglichkeit zu bieten, sich selbst ein Bild zu machen. Conny betont, dass die Gruppe als emotionales Stütznetz fungieren sollte. Die Tour, die innerhalb von 24 Stunden ausgebucht war, bestand aus 35 Personen - 32 Frauen und 3 Männern - im Alter von 19 bis über 70 Jahren. Viele reisten allein an und hatten zuvor Hunde vom Züchter.
Ein zentrales Anliegen war es, den besuchten Tierheimen nicht nur Arbeit zu machen, sondern sie aktiv zu unterstützen. Dank einer Spende von 5.000 Euro des Futterherstellers Gutstuff sowie 1.000 Euro von Martin Rütters Initiative „adoptieren statt produzieren“ konnten an jedes der drei besuchten Heime 2.000 Euro übergeben werden. Durch spontane Spendenaktionen im Bus, bei denen die Trainerinnen Fragen der Teilnehmer gegen eine Spende beantworteten, kamen zusätzlich fast 2.000 Euro zusammen, sodass insgesamt 7.000 Euro gespendet wurden.
Erste Station Ungarn: Ein organisierter und hoffnungsvoller Auftakt
Die Tour startete in Wien und führte zunächst zur Care Station des Vereins Animal Care Austria in Ungarn. Die Gründerin, Carol Byers, eine über 70-jährige ehemalige Opernsängerin, empfing die Gruppe extrem herzlich. Dolores beschreibt den Empfang als beeindruckend organisiert: Es waren Pavillons als Sonnenschutz aufgestellt und es gab ein „Speed-Dating“ mit älteren, schwer vermittelbaren Hunden. Dieser sanfte Einstieg half den Teilnehmern, anzukommen.
Obwohl in diesem Tierheim rund 300 Hunde leben, wirkte das Areal gepflegt und die Tiere weniger gestresst als erwartet. Die Teilnehmer zeigten sich in ersten Reaktionen überwältigt, aber auch positiv überrascht von den verhältnismäßig guten Umständen. Dennoch wurde schnell klar, dass auch hier Ressourcen wie Zeit für Auslauf oder individuelle Beschäftigung fehlen - ein Luxus, den selbst schlechter gestellte deutsche Tierheime meist bieten können.
Herzliche Realität in Rumänien: Zu Besuch bei Familie Barbu und Free Amely
Nach der Weiterfahrt nach Rumänien besuchte die Gruppe am nächsten Tag das privat geführte Tierheim von Daniel Barbu und seiner Familie (unterstützt durch den Verein Free Amely). Schon die Ankunft war abenteuerlich und endete mit einer Polizeieskorte mit Blaulicht. Die Familie empfing die Gruppe mit überwältigender Herzlichkeit. Dolores beschreibt die Begrüßung als eine der wärmsten, die sie je erlebt hat - authentisch und von Herzen kommend.
In diesem Shelter mit über 200 Hunden verbrachte die Gruppe drei Stunden. Die Zwinger waren kleiner als in Ungarn, aber die Hunde machten einen freundlichen und aufgeschlossenen Eindruck. Denise Berger schildert eine prägende Beobachtung: Zwei große, sehr ängstliche Hunde wurden in ihrem Zwinger permanent von einem kleineren Hund gemobbt. Diese Situation verdeutlichte den Stress, dem die Tiere ausgesetzt sind, zeigte aber auch, dass die Helfer vor Ort solche Probleme erkennen und die Tiere nach Möglichkeit trennen. Dieser Besuch festigte den Eindruck, wie viel Liebe und Mühe die Familie in ihre Arbeit steckt, obwohl sie selbst unter einfachsten Bedingungen lebt.
Der Schockmoment: Konfrontation mit der Realität im städtischen Tierheim
Der dramaturgische und emotionale Höhepunkt der Reise war der Besuch eines städtischen Tierheims. Conny erklärt, dass solche Einrichtungen oft nicht dem Tierschutz, sondern der „Straßensäuberung“ dienen. Die Hunde werden eingefangen und verwahrt, eine Tötung nach einer bestimmten Frist ist je nach Stadtverwaltung legal. Obwohl dieses spezielle Heim als eines der „besseren“ gilt und keine Tötungsstation ist, war der Kontrast zu den privat geführten Heimen brutal.
Die Teilnehmer wurden mit engen, dunklen, nassen Beton-Zwingern von teils nur einem Quadratmeter konfrontiert. Es gab keinen Auslauf, der Geruch war beißend, der Lärm ohrenbetäubend. Besonders schockierend war ein Zwinger, in dem Welpen ungeschützt zwischen erwachsenen Hunden untergebracht waren. Dolores beschreibt, dass sie sofort in einen „Arbeitsmodus“ schalten musste, um die Fassung zu bewahren. Für Denise Berger und viele andere war dieser Anblick der Moment, an dem die Dämme brachen. Der Aufenthalt, der für eine Stunde geplant war, wurde von vielen vorzeitig abgebrochen, da die Eindrücke kaum zu ertragen waren.
Verarbeitung und Fazit: Wie die Reise die Sicht auf den Tierschutz nachhaltig verändert
Auf der Rückfahrt im Bus herrschte zunächst betretenes Schweigen. Die Erlebnisse, insbesondere aus dem städtischen Tierheim, mussten erst verarbeitet werden. Nach und nach teilten die Teilnehmer ihre Gedanken. Eine mitgereiste Tierärztin fasste unter Tränen zusammen, dass sie nun die Argumentation für den Auslandstierschutz voll und ganz verstehe, da es den Tieren in deutschen Heimen im Vergleich „einfach so gut“ gehe.
Denise Berger hielt eine emotionale Rede, in der sie ihre Fassungslosigkeit darüber ausdrückte, dass es immer noch Menschen gibt, die zum Züchter gehen, während unzählige liebenswerte Hunde unter solchen Bedingungen leiden. Sie betonte, wie viele der Hunde trotz allem nach Liebe und nicht nach Futter suchten.
Ellen schließt mit einem eindringlichen Appell: Das Argument, man wisse nicht, was ein Tierschutzhund erlebt hat, sei fadenscheinig. Man wisse auch bei einem neuen menschlichen Partner nicht alles über dessen Vergangenheit. Jeder, der über einen Hund nachdenkt, solle sich die Zeit nehmen, ein Tierheim zu besuchen und einem Hund eine Chance zu geben. Die Reise hat bei allen Teilnehmern eine nachhaltige Veränderung bewirkt und den Entschluss gefestigt, sich weiter zu engagieren. Die Organisatorinnen kündigen an, dass es aufgrund des großen Erfolgs definitiv eine weitere Tierschutztour geben wird.
Praktische Wege, um zu helfen
- Informiere dich und schaffe Bewusstsein: Teile die Realität des Auslandstierschutzes in deinem Umfeld. Erkläre, warum die Hilfe dort so dringend benötigt wird und räume mit Vorurteilen auf.
- Werde selbst zur Pflegestelle: Eine Pflegestelle ist für viele Hunde das Sprungbrett in ein endgültiges Zuhause. Du hilfst nicht nur einem Tier, sondern schaffst auch Platz im Shelter für den nächsten Notfall.
- Unterstütze seriöse Vereine finanziell: Regelmäßige kleine Spenden oder Patenschaften helfen den Organisationen, Futter-, Tierarzt- und Kastrationskosten zu decken und ihre Arbeit planbar zu machen.
- Leiste ehrenamtliche Hilfe vor Ort: Viele Tierheime freuen sich über helfende Hände, nicht nur für die Hundepflege. Auch handwerkliches Geschick für Reparaturen oder organisatorische Talente werden dringend gebraucht.
- Adoptiere, statt zu produzieren: Wenn du dich für einen Hund entscheidest, gib einem Tier aus dem Tierschutz eine Chance. Unzählige charakterlich einwandfreie und liebenswerte Hunde warten auf ein Zuhause.
- Fahre selbst hin (wenn möglich): Ein Besuch vor Ort, sei es auf einer organisierten Reise oder bei einer Städtereise, schafft ein tiefes Verständnis für die Situation und motiviert wie nichts anderes.