Zusammengefasst von Anja Schirwinski
Seit meine Hündin Frida mit fünf Monaten aus einem rumänischen Shelter zu mir kam, beschäftige ich mich intensiv mit Hundethemen - von Alltagstraining bis Verhaltensbesonderheiten. Viele der Fragen, die in Podcasts besprochen werden, kenne ich aus unserer gemeinsamen Erfahrung nur zu gut. Deshalb fasse ich hier die für mich interessantesten Podcastfolgen zusammen und ergänze sie mit meinen eigenen Erlebnissen mit Frida.
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In dieser Episode des Podcasts HUNDESTUNDE gehen die Moderatorin und Hundetrainerin Conny Sporrer und ihr Co-Host Marc Eichstedt einer der am häufigsten gestellten Fragen von Hundehalter:innen auf den Grund: Wie viel Kontakt zu Artgenossen braucht ein Hund wirklich, um glücklich zu sein? Die Episode hinterfragt den weitverbreiteten Glauben, dass Hunde ständig mit anderen, insbesondere fremden Hunden interagieren müssen.
Diese Diskussion ist besonders relevant für alle, die sich unter Druck gesetzt fühlen, ihren Hund permanent zu „sozialisieren“, oder die einen Hund haben, der wenig Interesse an Artgenossen zeigt. Es wird geklärt, welche Art von Kontakt wirklich wertvoll ist und warum der Mensch oft der wichtigere Sozialpartner ist.
Das Wichtigste auf einen Blick
- Der Mensch ist der wichtigste Sozialpartner: Durch die Domestikation hat sich der Hund stark an den Menschen gebunden. Für die meisten Hunde ist die Beziehung zu ihrer Bezugsperson wichtiger als der Kontakt zu Artgenossen.
- Qualität schlägt Quantität: Stabile und positive Beziehungen zu einigen wenigen, bekannten Hunden sind für das Wohlbefinden eines Hundes wertvoller als unzählige, flüchtige Begegnungen mit fremden Hunden.
- Die Sozialisierungsphase ist entscheidend, aber begrenzt: In den ersten Lebensmonaten sind kontrollierte und positive Hundekontakte für Welpen unerlässlich, um soziales Verhalten zu lernen. Diese intensive Phase ist jedoch zeitlich begrenzt.
- Weniger ist oft mehr: Studien an freilebenden Hunden, den sogenannten „Pizza-Hunden“, zeigen, dass diese oft einzelgängerisch oder in kleinen Zweckgemeinschaften leben und nicht in permanenten, großen sozialen Gruppen.
- Kontakt nicht erzwingen: Einen Hund in unerwünschte Interaktionen zu drängen, kann zu Stress und negativen Verknüpfungen führen. Es ist wichtiger, die individuellen Bedürfnisse und die Körpersprache des eigenen Hundes zu respektieren.
- Strukturierte Begegnungen sind wertvoller: Gemeinsame Spaziergänge (Social Walks), bei denen Hunde zunächst parallel an der Leine gehen, sind oft sinnvoller als unkontrollierte Treffen auf einer Hundewiese.
Der Mythos vom hyper-sozialen Hund
Conny eröffnet die Diskussion mit einer Frage, die viele Hundebesitzer:innen umtreibt: Ist es wirklich notwendig, dass ein Hund ständig Kontakt zu fremden Artgenossen hat, um sozial kompetent und glücklich zu sein? Oft wird Halter:innen geraten, ihren Hund mit möglichst vielen anderen Hunden zusammenzubringen, damit er „es lernt“.
Beide Hosts teilen persönliche Erfahrungen, die diese Annahme infrage stellen. Marc erzählt, dass keiner seiner bisherigen Hunde ein tiefes Bedürfnis nach anderen Hunden zeigte. Oft war er selbst der deutlich wichtigere Sozialpartner. Conny ergänzt, dass selbst in Mehrhundehaushalten die Bindung zwischen den Hunden nicht immer so tief ist, wie Menschen es oft vermuten. Der Begriff „Kontakt“ wird dabei oft falsch verstanden: Viele glauben, er bedeute zwangsläufig Interaktion und Spiel, obwohl für viele Hunde die reine, ruhige Anwesenheit eines anderen Hundes bereits ausreicht.
Mit Frida bin ich auch in diese Falle getappt - als sie auf dem Hundeplatz der Hundeschule neben den anderen Hunden anfangs gar nicht zur Ruhe kam und die ganze Stunde durchfiepte, schlug unsere Hundetrainerin vor, dass sie mehr Spielkontakte zu anderen Hunden bräuchte. Wir haben sie dann regelmäßig in fremde Begegnungen geschmissen, ohne zu wissen, wie Spiel aussieht und was eher Hetzen ist. Sogar in den Hundewald sind wir mit ihr gefahren, wo große fremde Hunde sie durch den Wald gejagt haben. Ich dachte, es wäre vor allem Spaß für sie und habe oft übersehen, dass sie sich selbst verteidigen musste. Das alles hat dazu geführt, dass sie eine hohe Erwartungshaltung gelernt hat und bei Begegnungen mit fremden Hunden häufig vor Aufregung und Frust bellt und in die Leine springt. Das wieder aus ihr rauszukriegen, ist ein langer Prozess. Im Nachhinein betrachtet würde ich sie nur noch mit ausgewählten ruhigen Hunden spielen lassen.
Was die Forschung sagt: Von den „Pizza-Hunden“ zu Wolfswelpen
Um die Frage wissenschaftlich zu beleuchten, führt Marc zwei interessante Beobachtungen an. Zuerst erwähnt er die Studien von Günther Bloch über die „Pizza-Hunde“ in Italien. Dabei handelt es sich um eine Gruppe verwilderter Haushunde, die ohne direkten menschlichen Einfluss lebten. Die Beobachtungen zeigten, dass diese Hunde keineswegs ständig in großen, festen Rudeln unterwegs waren. Stattdessen waren sie oft allein oder zu zweit anzutreffen und bildeten nur lose Zweckgemeinschaften, beispielsweise an Futterstellen oder Schattenplätzen. Intensive soziale Interaktionen wie gemeinsames Spielen oder Fellpflege waren selten; stattdessen war ihr Verhalten stark von Deeskalation und dem Vermeiden von Konflikten geprägt.
Als zweites Beispiel nennt Marc eine Studie aus dem Jahr 2021, die das Verhalten von Hundewelpen (Labrador, Golden Retriever und Mischlinge) mit dem von handaufgezogenen Wolfswelpen verglich. Bei einem unlösbaren Problem - Futter unter einem fixierten Becher - suchten die Hundewelpen signifikant häufiger Blick- und Körperkontakt zum Menschen, um Hilfe zu erbitten. Die Wolfswelpen versuchten hingegen, das Problem eigenständig zu lösen. Dies deutet laut Marc stark darauf hin, dass die Domestikation Hunde genetisch darauf geprägt hat, den Menschen als primären Ansprechpartner und Helfer zu sehen.
Individuelle Bedürfnisse: Nicht jeder Hund ist gleich
Conny und Marc sind sich einig, dass die Bedürfnisse eines Hundes stark von mehreren Faktoren abhängen:
- Alter: Welpen und Junghunde haben ein biologisch verankertes Bedürfnis nach Kontakt, um soziale Regeln zu lernen und körperliche Fähigkeiten zu trainieren. Conny betont jedoch, dass diese Phase endet. Ein erwachsener Hund braucht nicht mehr dieselbe Art und Menge an Interaktion wie ein Welpe.
- Rasse: Hunde, die ursprünglich für die Jagd in der Meute gezüchtet wurden (z. B. Beagle), könnten eine höhere soziale Veranlagung haben als Rassen, die für eigenständige Aufgaben gezüchtet wurden (z. B. Terrier).
- Persönlichkeit: Genau wie Menschen gibt es auch unter Hunden introvertierte und extrovertierte Charaktere. Manche Hunde genießen den Austausch mehr, andere bevorzugen ihre Ruhe und die Gesellschaft ihres Menschen.
Der Einfluss des Menschen: Zwischen Förderung und Fehlinterpretation
Ein zentraler Punkt der Diskussion ist der Einfluss des Menschen. Conny warnt davor, menschliche Konzepte eins zu eins auf Hunde zu übertragen, wie etwa die Vorstellung, eine Hundewiese sei das Äquivalent zu einem Kinderspielplatz. Die Entwicklungsphasen sind völlig unterschiedlich, und was bei einem Welpen noch als spielerisches Lernen durchgeht, kann bei einem erwachsenen Hund ganz andere Motivationen haben. Oft interpretieren Halter:innen sexuell oder territorial motiviertes Verhalten fälschlicherweise als „Spiel“. Ein Hund, der einen anderen jagt, spielt nicht zwangsläufig, sondern versucht vielleicht, ihn zu kontrollieren oder zu stoppen.
Die ständige Anwesenheit des Menschen verändert zudem das Verhalten der Hunde. In Konfliktsituationen verlassen sich viele Hunde darauf, dass ihr Mensch eingreift, was sie möglicherweise risikofreudiger macht als die deeskalierenden „Pizza-Hunde“, die jeden Konflikt vermeiden mussten.
Praktische Tipps für kontrollierte Hundekontakte
Basierend auf der Diskussion geben Conny und Marc konkrete Empfehlungen für einen gesunden Umgang mit Hundekontakten:
- Beobachte deinen Hund genau: Lerne, die Körpersprache deines Hundes zu lesen. Zeigt er echtes Interesse oder eher Stress und Meideverhalten? Zwinge ihn niemals zu einem Kontakt, den er nicht möchte.
- Setze auf feste Hundefreundschaften: Suche für deinen Hund eine kleine, stabile Gruppe von verträglichen Artgenossen, mit denen er sich regelmäßig trifft. Das schafft Vorhersehbarkeit und Vertrauen.
- Nutze die Welpenzeit sinnvoll: Biete deinem Welpen in einer gut geführten Welpengruppe die Möglichkeit, positive Erfahrungen mit unterschiedlichen, aber passenden Hunden zu sammeln.
- Beginne mit parallelen Spaziergängen: Statt frontaler Konfrontationen sind gemeinsame Spaziergänge an der Leine (Social Walks) ideal. Die Hunde können sich aus der Bewegung heraus und mit sicherem Abstand aneinander gewöhnen.
- Bevorzuge 1-zu-1-Kontakte: Für unsichere oder leicht erregbare Hunde ist die Begegnung mit nur einem anderen Hund wesentlich einfacher zu verarbeiten als die Konfrontation mit einer ganzen Gruppe.
- Sei der Fels in der Brandung: Übernimm die Verantwortung. Schirme deinen Hund vor aufdringlichen Artgenossen ab und unterbrich Interaktionen, bevor sie kippen. Das stärkt das Vertrauen deines Hundes in dich enorm.
- Suche professionelle Unterstützung: Eine gute Hundeschule bietet strukturierte Angebote wie Social Walks oder moderierte Freilaufgruppen an, in denen du und dein Hund unter fachkundiger Anleitung lernen können.