Zusammengefasst von Anja Schirwinski
Seit meine Hündin Frida mit fünf Monaten aus einem rumänischen Shelter zu mir kam, beschäftige ich mich intensiv mit Hundethemen - von Alltagstraining bis Verhaltensbesonderheiten. Viele der Fragen, die in Podcasts besprochen werden, kenne ich aus unserer gemeinsamen Erfahrung nur zu gut. Deshalb fasse ich hier die für mich interessantesten Podcastfolgen zusammen und ergänze sie mit meinen eigenen Erlebnissen mit Frida.
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In dieser Episode des Podcasts Hundsfa(e)lle sprechen die Hosts Yvonne Nawrat und Mustafa Irmak mit der renommierten Hundetrainerin und Autorin Sarah Fink. Anlass ist ihr neues Buch „Die geheime Welt der Straßenhunde“, das auf einer mehrjährigen Reise durch Europa basiert, bei der sie das Verhalten von Straßenhunden mittels GPS- und Aktivitätstrackern untersuchte. Die Diskussion beleuchtet überraschende Erkenntnisse über das Leben, die Aktivität und die sozialen Strukturen dieser Hunde.
Die Episode ist besonders relevant für Halter:innen von Hunden aus dem Tierschutz sowie für alle, die ein tieferes, von Ideologien befreites Verständnis für das Wesen von Hunden entwickeln möchten. Sie beantwortet die zentrale Frage: Was können wir von der natürlichen Lebensweise von Straßenhunden lernen, um unsere eigenen Hunde besser zu verstehen und artgerechter zu halten?
Das Wichtigste auf einen Blick
- Der Mythos des „Straßenhundes“: Sarah Fink erklärt, dass die meisten sogenannten Straßenhunde keine wilden, besitzerlosen Tiere sind. Viele haben feste Bezugspersonen, werden von der Gemeinschaft versorgt oder sind freilaufende Besitzerhunde.
- Welpen sind aktiver als gedacht: Entgegen der gängigen Lehrmeinung, Welpen extrem zu schonen, zeigen Sarahs Daten, dass Straßenwelpen bis zu zehn Stunden am Tag hochaktiv sein können (spielen, rennen, erkunden), ohne dass ihre Gelenke Schaden nehmen.
- Es gibt keinen „typischen“ Hund: Die Studie zeigt eine immense Bandbreite im Verhalten und Aktivitätslevel - von sehr ruhigen Hunden, die kaum 15 Minuten am Tag aktiv sind, bis zu Hunden, die acht Stunden lang mit Wanderern mitlaufen. Pauschalaussagen über die Bedürfnisse von Hunden sind daher irreführend.
- Resilienz durch Umweltreize: Straßenhunde sind oft extrem stressresistent und können mitten im städtischen Trubel entspannt schlafen, weil sie von klein auf an diese Reize gewöhnt sind. Dies zeigt, wie wichtig es ist, auch Haushunde kontrolliert an verschiedene Umgebungen zu gewöhnen, anstatt sie vor Stress zu behüten.
- Gegen ideologische Grabenkämpfe: Sarah wünscht sich mehr Offenheit und weniger ideologische Verbissenheit im Hundetraining. Statt starr an einer Methode festzuhalten, sei es entscheidend, flexibel auf den individuellen Charakter und die Bedürfnisse des Hundes einzugehen.
- Die richtige Wahl des Hundes ist entscheidend: Das größte Potenzial, Probleme zu vermeiden, liegt laut Sarah in der Auswahl eines Hundes, dessen Wesen und Energielevel zum eigenen Lebensstil passen - nicht nur das Aussehen.
Das GPS-Projekt: Hinter den Kulissen der Forschung
Sarah Fink beschreibt die Entstehung ihres Projekts, das aus ihrem langjährigen Interesse an frei lebenden Hunden und den Einschränkungen während der Corona-Pandemie entstand. Um das Verhalten der Hunde lückenlos zu verstehen, stattete sie 27 Hunde in Ländern wie Rumänien, Bulgarien, Griechenland und der Türkei mit GPS- und Aktivitätstrackern aus. Die größten Herausforderungen waren dabei logistischer und sozialer Natur. Oft wurden die Halsbänder von Einheimischen entfernt - sei es aus Angst vor Hundefängern, wie Sarah in Rumänien erlebte, oder weil die Batterien der Tracker begehrt waren. Um die Halsbänder zu sichern, musste sie kreativ werden und nutzte schließlich Lederhalsbänder mit kleinen Schlössern. Eine weitere Hürde war es, das Vertrauen der teils sehr scheuen Hunde zu gewinnen, um ihnen die Tracker überhaupt anlegen zu können, was manchmal mehrere Tage intensiver Annäherung mit Futter erforderte.
Was ist ein „echter“ Straßenhund?
Ein zentrales Thema der Diskussion ist die Definition des Begriffs „Straßenhund“. Sarah stellt klar, dass die romantische Vorstellung vom autarken, wilden Hund, der sich selbst versorgt, selten der Realität entspricht. Sie unterscheidet verschiedene Typen:
- Echte Straßenhunde: Tiere, die über Generationen auf der Straße geboren und aufgewachsen sind.
- Ausgesetzte Haushunde: Ehemals in einem Zuhause lebende Hunde, die nun auf der Straße überleben müssen.
- Frei lebende Besitzerhunde: Hunde, die zwar feste Besitzer haben, aber tagsüber frei umherstreifen dürfen.
Mustafa und Yvonne heben hervor, wie wichtig diese Differenzierung ist. Sarah betont, dass fast alle dieser Hunde in irgendeiner Form vom Menschen abhängig sind. Sie jagen selten selbst, sondern ernähren sich von Abfällen oder werden gezielt von Anwohnern gefüttert. Sarah beobachtete einen Hund in Griechenland, der tagsüber von den Arbeitern einer Holzfabrik versorgt wurde und abends zu einem befreundeten Tankwart wechselte - ein Beispiel für die engen sozialen Bindungen, die diese Hunde zu Menschen aufbauen.
Überraschende Erkenntnisse zu Aktivität und Verhalten
Die durch die Tracker gewonnenen Daten widerlegen viele gängige Annahmen der Hundehaltung. Besonders eindrücklich ist die Erkenntnis über die Aktivität von Welpen. Während Hundebesitzer oft die Regel „fünf Minuten Spaziergang pro Lebensmonat“ befolgen, zeigte ein von Sarah in der Türkei getrackter Welpe bis zu zehn Stunden hohe Aktivität pro Tag. Für die Haltung von Haushunden leitet sie daraus ab, dass man Welpen nicht übermäßig schonen muss, aber ihre Aktivität an den späteren Lebensstil anpassen sollte. Ein Hund, der später im Büro ruhig sein soll, muss dies von Anfang an lernen. Die Aktivität erwachsener Straßenhunde variierte extrem: Einige ruhige Kangal-Mischlinge bewegten sich nur wenige hundert Meter am Tag, während jagdhundartige Typen in Bulgarien bis zu acht Stunden täglich aktiv waren, indem sie Wandergruppen folgten. Diese enorme Varianz zeigt, dass es keine pauschale Antwort auf die Frage gibt, wie viel Bewegung „ein Hund“ braucht.
Regionale Unterschiede und der Wert der Anpassungsfähigkeit
Sarah beobachtete deutliche regionale Unterschiede im Verhalten der Hunde, die oft auf die vorherrschenden Hundetypen und den Umgang der Menschen mit ihnen zurückzuführen sind. In Rumänien traf sie tendenziell auf sehr scheue Hunde, was sie auf die brutalen Tötungsaktionen zwischen 2014 und 2017 zurückführt, bei denen vermutlich nur die misstrauischsten Tiere überlebten. Im Gegensatz dazu erlebte sie die Hunde in der Türkei als deutlich offener und menschenbezogener. Diese Hunde, oft vom Typ Kangal, zeigten eine bemerkenswerte Gelassenheit im städtischen Trubel. Sarah schildert, wie diese Hunde mitten in belebten Fußgängerzonen tief und fest schlafen - ein Verhalten, das von einer hohen Resilienz und Gewöhnung an ihre Umwelt zeugt. Dies stehe im Kontrast zu vielen Haushunden, die vor solchen Reizen oft abgeschirmt werden und dadurch eine geringere Stresstoleranz entwickeln.
Praktische Tipps für (zukünftige) Hundehalter
Aus ihren Beobachtungen leitet Sarah konkrete, handlungsorientierte Ratschläge für Hundebesitzer ab:
- Wähle den Hund mit Verstand, nicht nur mit dem Herzen: Der wichtigste Schritt zur Vermeidung von Problemen ist die Auswahl eines Hundes, dessen Charakter, Genetik und Energielevel zu deinem Lebensstil passen. Kontaktiere Tierheime mit einer Beschreibung deiner Lebensumstände, anstatt nur nach Fotos auszuwählen.
- Investiere Zeit in die Kennenlernphase: Wenn du einen Hund aus dem Ausland adoptieren möchtest, empfiehlt Sarah dringend, ihn vor Ort zu besuchen. Ein Kurztrip ist eine kleine Investition im Vergleich zu 15 potenziellen gemeinsamen Jahren. Ist das nicht möglich, bitte um aussagekräftige Videos, die den Hund in verschiedenen Alltagssituationen zeigen (z. B. an der Leine, bei Futtergabe, in der Stadt).
- Integriere den Hund von Anfang an in dein Leben: Übe von Tag eins an die Verhaltensweisen, die du dir später wünschst. Soll der Hund mit ins Büro, nimm ihn früh mit. Soll er entspannt im Café liegen, übe genau das. Sarah verankerte bei ihrem Welpen gezielt Hektik und Lärm mit Ruhe und Schlaf, indem sie ihn an belebte Orte mitnahm, wenn er müde war.
- Fördere Resilienz statt Stressvermeidung: Schirme deinen Hund nicht vor allen potenziell stressigen Reizen ab. Eine schrittweise und positive Gewöhnung an verschiedene Umgebungen (Stadt, Menschenmengen, Verkehr) baut seine Widerstandsfähigkeit auf und erweitert seine Komfortzone.
- Verteile die Aktivität über den Tag: Anstatt den Hund nach stundenlanger Ruhe in einem kurzen, hochintensiven Spaziergang „auszupowern“, ist es oft hilfreicher, ihn in den normalen Alltag zu integrieren. Ruhige, beobachtende Aktivitäten sind genauso wichtig wie Bewegung und fördern die Ausgeglichenheit.