Zusammengefasst von Anja Schirwinski
Seit meine Hündin Frida mit fünf Monaten aus einem rumänischen Shelter zu mir kam, beschäftige ich mich intensiv mit Hundethemen - von Alltagstraining bis Verhaltensbesonderheiten. Viele der Fragen, die in Podcasts besprochen werden, kenne ich aus unserer gemeinsamen Erfahrung nur zu gut. Deshalb fasse ich hier die für mich interessantesten Podcastfolgen zusammen und ergänze sie mit meinen eigenen Erlebnissen mit Frida.
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In dieser Sonderfolge des Podcasts HUNDESTUNDE widmet sich Moderatorin Conny Sporrer gemeinsam mit ihrem Gast, der Hundetrainerin und Vermittlerin bei Pfotenherz e. V., Katja Staud, einem besonders wichtigen Thema: der Ankunft eines Hundes aus dem Tierschutz. Die Episode bietet einen umfassenden Leitfaden für die herausfordernde, aber lohnende Anfangszeit.
Im Fokus stehen die emotionalen und praktischen Aspekte, die mit der Adoption verbunden sind - von Geduld und Erwartungsmanagement über den Aufbau von Vertrauen und Bindung bis hin zu konkreten Sicherheitsprotokollen. Diese Folge ist eine unverzichtbare Ressource für alle, die darüber nachdenken, einem Tierschutzhund ein Zuhause zu geben, oder sich gerade in den ersten Wochen des Zusammenlebens befinden. Sie beantwortet die zentrale Frage: Wie gestalte ich die Ankunftsphase so, dass eine stabile und vertrauensvolle Beziehung wachsen kann?
Das Wichtigste auf einen Blick
- Geduld ist die wichtigste Ressource: Dein neuer Hund braucht Zeit, um anzukommen, dich kennenzulernen und eine Bindung aufzubauen. Erwarte keine sofortige Dankbarkeit oder perfekte Anpassung.
- Sicherheit hat oberste Priorität: Nutze in den ersten Wochen immer eine doppelte Sicherung mit einem Sicherheitsgeschirr und einem Halsband. Verzichte unbedingt auf Flexi-Leinen, da diese ein hohes Sicherheitsrisiko darstellen.
- Klare Regeln und Strukturen vom ersten Tag an: Feste Regeln geben deinem Hund nicht Strenge, sondern einen verlässlichen Rahmen und damit Sicherheit in einer für ihn völlig neuen Welt.
- Handfütterung als Bindungswerkzeug: Füttere deinen Hund anfangs aus der Hand, um eine positive Verknüpfung mit dir zu schaffen und Vertrauen zu fördern.
- Überforderung vermeiden: Gib deinem Hund Zeit, sich an sein neues Zuhause zu gewöhnen, bevor du Besuch einlädst. Zu viele neue Menschen und Reize können anfangs überfordernd sein.
- Erwarte typische Anfangsschwierigkeiten: Themen wie Stubenreinheit, Unsicherheit im Freien oder gesundheitliche Aspekte (z. B. Durchfall) sind normal und kein Grund zur Panik.
- Der Tierschutzverein ist dein Partner: Seriöse Vereine stehen dir auch nach der Vermittlung mit Rat und Tat zur Seite. Zögere nicht, bei Fragen oder Unsicherheiten Kontakt aufzunehmen.
Geduld und Erwartungsmanagement: Die emotionale Grundlage
Katja stellt zu Beginn klar, dass Geduld die vielleicht wichtigste Tugend für Adoptanten ist. Ein Hund, der in ein neues Zuhause kommt, hat sich seine neue Familie nicht ausgesucht und muss erst lernen, den neuen Menschen zu vertrauen. Die weit verbreitete Vorstellung, der Hund sei sofort „dankbar“ und füge sich nahtlos ein, beschreibt Katja als „Hollywood-Mythos“. Stattdessen können Hunde anfangs unsicher oder sogar ängstlich gegenüber ihren neuen Bezugspersonen sein.
Es wird betont, dass es auch für den Menschen normal sein kann, nicht sofort eine tiefe emotionale Verbindung zu spüren. Dieses Gefühl muss auf beiden Seiten wachsen dürfen. Wenn ein Hund sich anfangs zurückzieht, liegt das selten daran, dass die Person ungeeignet ist, sondern daran, dass er Zeit braucht, um die neue Situation zu verarbeiten. Katja ermutigt dazu, dem Hund und sich selbst diese Zeit zu geben und nicht vorschnell an der Eignung des neuen Zuhauses zu zweifeln.
Vertrauensaufbau und Bindung: Die ersten gemeinsamen Schritte
Um aktiv eine positive Beziehung aufzubauen, empfiehlt Katja die Handfütterung. Indem der Hund Futter direkt aus der Hand erhält, lernt er, dass von seinem Menschen nur Gutes ausgeht. Dies stärkt die positive Verknüpfung und das Vertrauen. Dabei ist es wichtig, die Körpersprache des Hundes zu lesen: Ein unsicherer Hund sollte nicht bedrängt werden. Hier kann man das Futter zunächst werfen oder die Hand mit Futter ausstrecken, ohne den Hund direkt anzusehen.
Vertrauen entsteht jedoch nicht nur durch Futter, sondern vor allem durch Verlässlichkeit und Sicherheit. Der Mensch muss für den Hund zum „Sicherheitsanker“ oder „Bodyguard“ werden. Das bedeutet konkret:
- Situationen für den Hund einschätzen: Bevor man das Haus verlässt, kurz prüfen, ob die „Luft rein ist“.
- Unsicherheiten ernst nehmen: Wenn der Hund bellt oder knurrt, nach der Ursache schauen und ihm zeigen, dass man seine Sorge wahrnimmt.
- Entscheidungen treffen: Der Mensch gibt den Rahmen vor und entscheidet, wann gespielt oder interagiert wird. Das gibt dem Hund Orientierung und entlastet ihn von der Verantwortung, selbst Entscheidungen treffen zu müssen.
Sicherheit geht vor: Das A und O in den ersten Wochen
Ein zentraler Punkt der Episode ist die physische Sicherheit des Hundes. Viele Tierschutzhunde können in Panik geraten und versuchen zu flüchten. Daher ist eine korrekte Sicherung unerlässlich. Der Verein Pfotenherz schreibt hierfür ein klares Protokoll vor:
- Doppelte Sicherung: Der Hund trägt sowohl ein Sicherheitsgeschirr (mit einem zusätzlichen Bauchgurt) als auch ein Halsband. Die Leine wird an beiden Punkten befestigt, idealerweise mit einer Leine, die zwei Karabiner hat.
- Keine Flexi-Leinen: Diese sind extrem gefährlich. Fällt der Griff zu Boden, kann das laute Geräusch den Hund in Panik versetzen, woraufhin er vor der ihn verfolgenden Leine flüchtet.
- Kein Freilauf: Der Hund bleibt in der Anfangszeit konsequent an der Leine, auch im Garten, wenn dieser nicht zu 100 % ausbruchsicher ist. Hunde können sich unter Zäunen durchgraben, darüber klettern oder sie sogar durchbeißen.
Auch das Geschirr selbst kann eine Herausforderung sein. Wenn ein Hund es nicht gewohnt ist, kann es sinnvoll sein, das Geschirr in den ersten Tagen und Wochen dauerhaft am Hund zu lassen, um den Stress des täglichen An- und Ausziehens zu vermeiden. Parallel dazu sollte das Anziehen positiv mit einem zweiten Geschirr geübt werden.
Struktur und Regeln: Klarheit als Sicherheitsanker
Conny und Katja sind sich einig, dass Regeln und Strukturen von Tag eins an gelten sollten. Dies dient nicht der Unterdrückung des Hundes, sondern gibt ihm einen klaren und vorhersehbaren Rahmen, der Sicherheit vermittelt. Anstatt den Hund aus Mitleid alles erlauben zu lassen, ist es fairer, ihm von Anfang an zu zeigen, was im neuen Zuhause gilt.
Dabei geht es nicht um Härte, sondern um Klarheit. Wenn ein Hund beispielsweise nicht auf das Sofa soll, wird er ruhig und konsequent heruntergeholt. Wenn er einen Raum nicht betreten soll, kann man sich körpersprachlich in den Weg stellen. Wichtig ist, dass alle Familienmitglieder diese Regeln gemeinsam festlegen und konsequent umsetzen.
Typische Herausforderungen der Anfangszeit
Die Episode behandelt mehrere typische Probleme, mit denen Adoptanten konfrontiert sein können:
- Stubenreinheit: Die meisten Tierschutzhunde sind nicht stubenrein. Das Training sollte wie bei einem Welpen erfolgen: nach dem Schlafen, Fressen, Spielen und alle paar Stunden nach draußen gehen. Oft lernen erwachsene Hunde dies schneller, da sie ihre Blase besser kontrollieren können. Löst sich der Hund draußen nicht (oft aus Unsicherheit), hilft nur Geduld und das Aufsuchen einer ruhigen Stelle.
- Besuch: In den ersten Tagen sollte auf Besuch verzichtet werden. Später sollte der Besuch gut gebrieft werden: den Hund zunächst ignorieren, sich nicht über ihn beugen und ihn nicht anstarren.
- Zusammenführung mit Ersthund: Die ideale Zusammenführung an einem neutralen Ort ist bei einem frisch angekommenen, gestressten Tierschutzhund oft nicht sicher durchführbar. Eine sicherere Methode ist, den neuen Hund in seiner Transportbox in einen separaten Raum zu bringen und die erste Begegnung durch ein Kindergitter zu ermöglichen. Sobald der neue Hund sicherer ist, kann die erste Begegnung auch bei einem gemeinsamen Spaziergang im Freien stattfinden.
- Ressourcenverteidigung: Dieses Verhalten kommt vor, ist aber laut Katja seltener ein Problem gegenüber Menschen. Um Konflikte zu vermeiden, sollten anfangs wenige Ressourcen (wie Spielzeug) herumliegen. Das Abgeben von Gegenständen kann über ein positives Tauschgeschäft trainiert werden.
Gesundheit und Management im neuen Zuhause
Durchfall ist nach der Ankunft aufgrund von Stress und Futterumstellung sehr häufig. Hier empfiehlt Katja, über drei Tage eine Kotprobe zu sammeln und diese beim Tierarzt auf Parasiten wie Giardien testen zu lassen. Ein unterstützendes Hausmittel ist die Morosche Karottensuppe.
Die Transportbox, in der der Hund ankommt, dient vielen Hunden als sicherer Rückzugsort und sollte anfangs im Wohnraum verbleiben. Nur in seltenen Fällen, wenn ein Hund die Box gar nicht mehr verlässt, kann es sinnvoll sein, sie vorübergehend zu entfernen, um den Hund zu ermutigen, die Umgebung zu erkunden. Der feste Liegeplatz des Hundes sollte an einem ruhigen, unstrategischen Ort sein, damit er nicht das Gefühl bekommt, für die Sicherung des Hauses zuständig zu sein.
Praktische Schritte für die ersten Wochen
- Doppelte Sicherung anlegen: Nutze von der ersten Minute an ein Sicherheitsgeschirr in Kombination mit einem Halsband. Führe den Hund ausschließlich an einer festen Leine.
- Den Hund ankommen lassen: Bringe den Hund in seiner Transportbox ins Haus und lass ihn in einem ruhigen Raum von selbst herauskommen. Gib ihm Zeit, die neue Umgebung zu erkunden.
- Handfütterung etablieren: Gib die ersten Mahlzeiten aus der Hand, um eine positive Beziehung aufzubauen.
- Klare Hausregeln festlegen: Definiere, was erlaubt ist und was nicht (z. B. Sofa, Bett, bestimmte Räume) und setze diese Regeln vom ersten Tag an ruhig und konsequent durch.
- Stubenreinheit trainieren: Gehe mit dem Hund wie mit einem Welpen regelmäßig nach draußen, besonders nach Schlüsselmomenten wie Fressen oder Schlafen. Lobe ihn ausgiebig, wenn er sich draußen löst.
- Besuchermanagement betreiben: Vermeide in der ersten Woche Besuch. Später sollten Gäste den Hund zunächst ignorieren, um ihn nicht zu überfordern.
- Tierarzttermin planen: Nachdem der Hund einige Tage angekommen ist, plane einen allgemeinen Gesundheitscheck beim Tierarzt, um ihn kennenzulernen und eventuelle unentdeckte Probleme frühzeitig zu erkennen.
- Hilfe in Anspruch nehmen: Nutze das Angebot deines Tierschutzvereins. Die Mitarbeiter kennen die Hunde und können wertvolle Unterstützung bei Unsicherheiten und Problemen bieten.