Zusammengefasst von Anja Schirwinski
Seit meine Hündin Frida mit fünf Monaten aus einem rumänischen Shelter zu mir kam, beschäftige ich mich intensiv mit Hundethemen - von Alltagstraining bis Verhaltensbesonderheiten. Viele der Fragen, die in Podcasts besprochen werden, kenne ich aus unserer gemeinsamen Erfahrung nur zu gut. Deshalb fasse ich hier die für mich interessantesten Podcastfolgen zusammen und ergänze sie mit meinen eigenen Erlebnissen mit Frida.
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In dieser Episode des Podcasts Hundsfa(e)lle geben die Hosts Yvonne Nawrat und Mustafa Irmak wertvolle Ratschläge für die erste, intensive Zeit mit einem neuen Welpen. Sie richten sich dabei sowohl an Ersthundehalter:innen als auch an erfahrene Besitzer:innen, die nach langer Zeit wieder einen Welpen aufnehmen und sich unsicher fühlen.
Die zentralen Themen sind das richtige Ankommenlassen des Welpen, die Vermeidung von Überforderung und die Priorisierung des Beziehungsaufbaus gegenüber einem starren Trainingsplan. Die Episode beantwortet die Leitfrage: Worauf kommt es in den ersten Wochen wirklich an, um eine gesunde und stressfreie Grundlage für das gemeinsame Leben zu schaffen?
Das Wichtigste auf einen Blick
- Ankommen vor Training: Der Fokus in den ersten Tagen und Wochen sollte darauf liegen, dem Welpen Sicherheit und Zeit zum Ankommen zu geben, anstatt sofort mit einem strikten Erziehungsprogramm wie „Sitz“ und „Platz“ zu beginnen.
- Weniger ist mehr: Vermeide Aktionismus und Überstimulation. Ein Welpe, der abends nicht zur Ruhe kommt, hat tagsüber wahrscheinlich zu viel erlebt. Qualität bei Spaziergängen und Sozialkontakten ist wichtiger als Quantität.
- Ruhe ist das A und O: Ein Welpe benötigt 20 bis 22 Stunden Schlaf und Ruhe pro Tag. Das bewusste Einplanen und Durchsetzen dieser Ruhephasen ist eine der wichtigsten Aufgaben für Besitzer:innen.
- Beziehung durch Alltag: Eine starke Bindung entsteht automatisch durch die alltägliche, soziale Interaktion - Fütterung, Pflege, gemeinsames Erkunden und das Setzen von Grenzen. Sie ist die Basis für jede erfolgreiche Erziehung.
- Individualität beachten: Jeder Welpe ist anders. Vergleiche deinen Hund nicht mit anderen und passe dein Tempo und deine Erwartungen an seinen individuellen Charakter und seine Bedürfnisse an.
- Integriere den Hund in dein Leben: Anstatt dein gesamtes Leben um den Welpen herum zu organisieren, solltest du ihn schrittweise in deinen bestehenden Alltag integrieren.
- Management ist Sicherheit: Nutze Hilfsmittel wie eine Box oder ein Welpengehege von Anfang an, um dem Welpen einen sicheren Rückzugsort zu bieten und ihn zu managen, wenn du ihn nicht beaufsichtigen kannst.
Priorität 1: Ankommen lassen statt überfordern
Yvonne und Mustafa betonen wiederholt, dass das Wichtigste nach dem Einzug eines Welpen das „Ankommen lassen“ ist. Die Erziehung beginne zwar an der Haustür, aber nicht mit klassischen Kommandos. Stattdessen gehe es darum, den Welpen in den eigenen Alltag zu integrieren und eine Basis aus Sicherheit und Routine zu schaffen. Yvonne erklärt, dass eine To-do-Liste mit Trainingszielen, wie sie sie selbst bei ihrem ersten Hund hatte, kontraproduktiv sein kann. Viel wichtiger seien grundlegende Dinge wie Ruhe- und Boxentraining sowie das Setzen von klaren Grenzen im Zusammenleben.
Die Gefahr des Aktionismus: Weniger ist mehr
Ein zentrales Problem, das die Hosts identifizieren, ist der Druck, den sich viele neue Besitzer:innen machen. Angetrieben durch Informationen aus sozialen Medien entsteht oft das Gefühl, den Welpen ständig beschäftigen und sozialisieren zu müssen. Yvonne warnt eindringlich vor diesem Aktionismus. Sie berichtet von einem 16 Wochen alten Welpen, der nicht schlafen konnte, weil seine Besitzer ihn permanent „entertaint“ haben. Ein überreizter Welpe zeigt dies oft durch übermäßiges Beißen, Aufgedrehtheit und Ruhelosigkeit. Mustafa ergänzt, dass man sich nicht von starren Plänen aus Büchern leiten lassen sollte, sondern auf das Bauchgefühl und den individuellen Charakter des Welpen achten muss. Auch bei der Sozialisierung gilt: Einmal pro Woche eine Welpengruppe ist laut Yvonne völlig ausreichend. Zu viele Hundekontakte können den Welpen überfordern und sogar zu Problemen wie Leinenaggression führen, wie das Beispiel des Podcast-Protagonisten Rudi zeigt.
Bindung vor Erziehung: Die Basis für eine starke Beziehung
Die Hosts diskutieren die Bedeutung der Bindung. Yvonne stellt klar, dass eine enge Beziehung nicht durch spezielle Übungen erzwungen werden muss, sondern organisch wächst. Sie entsteht durch alltägliche soziale Interaktionen: gemeinsame Spaziergänge, Fellpflege, Fütterung aus der Hand und auch durch das Training selbst. Yvonne formuliert es so: „Durch eine Erziehung schafft man auch immer eine Beziehung.“ Mustafa stimmt zu und betont, dass es in den ersten Wochen vor allem darum geht, den Welpen kennenzulernen - seine Kommunikation, seine Bedürfnisse nach Nähe und seine Persönlichkeit zu verstehen. Diese Verbindung ist laut ihm die Grundlage, auf der jede weitere Erziehung aufbaut: „Ohne Beziehung keine Erziehung.“
Die häufigsten Anfängerfehler und wie du sie vermeidest
Mustafa fasst die fünf häufigsten Fehler zusammen, die Welpenbesitzer:innen machen:
- Überreizung: Den Welpen zu schnell zu vielen neuen Orten und Reizen auszusetzen.
- Zu hohe Erwartungen: Zu erwarten, dass der Welpe sofort stubenrein ist oder Kommandos perfekt ausführt. Die Entwicklung braucht Zeit.
- Überforderung durch zu viel Training: Den Welpen mit zu vielen Übungen auf einmal zu überfordern.
- Ignorieren der Ruhephasen: Nicht zu erkennen oder zu ermöglichen, dass der Welpe seine 20-22 Stunden Schlaf bekommt.
- Fehlende Orientierung am Wesen des Hundes: Einen Standardplan auf jeden Welpen anwenden, anstatt auf seine individuellen Bedürfnisse und seinen Charakter einzugehen.
Beide Hosts warnen davor, den eigenen Hund mit anderen zu vergleichen, beispielsweise in der Hundeschule. Jeder Hund lernt in seinem eigenen Tempo, und dieser Prozess sollte respektiert werden, um Frustration auf beiden Seiten zu vermeiden.
Praktische Schritte für die erste Woche
Um dir den Start zu erleichtern, haben Yvonne und Mustafa konkrete Handlungsempfehlungen für die erste Zeit mit deinem Welpen formuliert:
- Schaffe eine sichere Basis: Konzentriere dich in den ersten Tagen darauf, dass dein Welpe sein neues Zuhause und die unmittelbare Umgebung in Ruhe erkunden kann. Begrenze den Besuch und neue, aufregende Ausflüge.
- Etabliere Routinen und Rituale: Ein fester Tagesablauf gibt dem Welpen Sicherheit. Dazu gehören regelmäßige Gassi-Zeiten, aber Yvonne rät zu flexiblen Fütterungszeiten, um forderndem Verhalten vorzubeugen.
- Priorisiere Ruhe aktiv: Nach jeder Aktivität - sei es ein kurzer Spaziergang, eine Spieleinheit oder das Lösen draußen - sollte eine Ruhephase folgen. Nutze eine Box oder ein Welpengehege, um dem Hund zu helfen, abzuschalten und Sicherheit zu gewährleisten, wenn du ihn nicht beaufsichtigen kannst.
- Gestalte Spaziergänge qualitativ: In den ersten Wochen sind Spaziergänge eher „Stehspaziergänge“. Gib deinem Welpen Zeit, ausgiebig zu schnüffeln und die Umwelt zu beobachten. Kurze, aber intensive Erkundungen sind wertvoller als lange Strecken.
- Sei geduldig und bleib bei dir: Erwarte keinen perfekten Hund. Es ist normal, dass am Anfang nicht alles klappt. Genieße die einmalige Welpenzeit und konzentriere dich darauf, eine starke, vertrauensvolle Beziehung zu deinem neuen Familienmitglied aufzubauen. Der Rest kommt später.