Zusammengefasst von Anja Schirwinski
Seit meine Hündin Frida mit fünf Monaten aus einem rumänischen Shelter zu mir kam, beschäftige ich mich intensiv mit Hundethemen - von Alltagstraining bis Verhaltensbesonderheiten. Viele der Fragen, die in Podcasts besprochen werden, kenne ich aus unserer gemeinsamen Erfahrung nur zu gut. Deshalb fasse ich hier die für mich interessantesten Podcastfolgen zusammen und ergänze sie mit meinen eigenen Erlebnissen mit Frida.
Mehr über das Projekt Petcaster
In Episode 60 des Podcasts The Pet Food Family spricht Host Jan Dießner mit dem Hamburger Tätowierer und Tierschützer Broder Böll. Gemeinsam mit dem Verein Notfote e.V. und seinem Freund, der Social-Media-Persönlichkeit Malte Zierden, hat Broder in den letzten anderthalb Jahren ein Tierheim im Westen der Ukraine aufgebaut. Dieses dient als sicherer Zufluchtsort für Tiere, die aus den umkämpften Kriegsgebieten des Landes evakuiert werden.
Die Episode beleuchtet Broders persönlichen Weg zum Tierschutz, die emotionalen und physischen Herausforderungen beim Aufbau des Tierheims unter Kriegsbedingungen und die immense Kraft einer engagierten Online-Community. Es geht um die zentrale Frage, wie Mitgefühl und konkretes Handeln selbst unter schwierigsten Umständen Hoffnung und Sicherheit für die schutzlosesten Lebewesen schaffen können. Dieses Gespräch ist eine wichtige Ressource für alle, die sich für Tierschutz, die Auswirkungen von Konflikten auf Tiere und die Macht von Graswurzelbewegungen interessieren.
Das Wichtigste auf einen Blick
- Ein Leuchtturmprojekt: In nur anderthalb Jahren wurde in Berehowe, Westukraine, ein komplettes Tierheim für rund 280 Hunde und Katzen errichtet. Das Projekt wurde fast ausschließlich durch Spenden einer Online-Community finanziert, die durch transparente Berichterstattung auf Social Media mobilisiert wurde.
- Aufklärung ist der Schlüssel: Broder betont, dass nachhaltiger Tierschutz bei der Aufklärung beginnt. Er plädiert dafür, das Bewusstsein für die Zustände in Zoos zu schärfen und Vorurteile gegenüber Tieren aus dem Tierschutz abzubauen.
- Seriöse Vermittlung durch Pflegestellen: Der Verein Notpfote e.V. praktiziert keine Direktadoptionen. Jedes Tier kommt zunächst auf eine Pflegestelle in Deutschland. So wird sichergestellt, dass Mensch und Tier wirklich zusammenpassen und die Tiere nicht in deutschen Tierheimen landen.
- Tiere als Opfer des Krieges: Viele Tiere im Heim wurden zurückgelassen, weil ihre Besitzer fliehen mussten. Oft scheiterte die Mitnahme an bürokratischen Hürden an der Grenze, wie fehlenden Impfausweisen.
- Die Macht der Bilder: Broder nutzt gezielt Videos und Fotos in den sozialen Medien, um den Charakter der Tiere zu zeigen. So wird sichtbar, dass auch im Tierschutz liebevolle, soziale und auch junge Tiere auf ein Zuhause warten.
- Charakter vor Aussehen: Ein zentrales Anliegen ist es, Menschen davon zu überzeugen, dass der Charakter eines Hundes wichtiger ist als sein Aussehen oder seine Rasse. Gerettete Tiere zeigen laut Broder eine besondere Dankbarkeit.
- Mehr als nur ein Tierheim: Das Projekt schafft in einer strukturschwachen Region dringend benötigte Arbeitsplätze und gibt den Menschen vor Ort eine Perspektive.
Vom Künstler zum Tierschützer: Ein persönlicher Weg
Broder, im Hauptberuf Tätowierer mit einer Vorliebe für Tiermotive, beschreibt seine eigene Entwicklung zum engagierten Tierschützer. Er sagt, Tiere seien für ihn „die besseren Menschen“. Diese tiefe Überzeugung wurde maßgeblich durch seinen besten Freund Malte Zierden und die Zusammenarbeit mit dem Verein Notpfote e.V. geprägt. Zuvor hatte er kaum Berührungspunkte mit Tierheimen und seine Familie hatte selbst Hunde vom Züchter. Der erste Besuch in einem Tierheim und die Konfrontation mit der schieren Anzahl an heimatlosen Tieren öffneten ihm die Augen.
Er kritisiert scharf die Existenz von Zoos im heutigen Zeitalter und verweist auf Berichte über illegalen Tierhandel, der hinter den Kulissen stattfindet. Für ihn ist Aufklärung der entscheidende Hebel, um gesellschaftliche Veränderungen anzustoßen. Anstatt Menschen zu verurteilen, die es nicht besser wussten, sieht er es als seine Aufgabe, Wissen zu teilen und Alternativen wie die Adoption aufzuzeigen.
Das Tierheim-Projekt in der Ukraine: Eine Brücke für Tiere in Not
Das Herzstück der Episode ist der Bau des Tierheims in Berehowe, einer Stadt im Westen der Ukraine, nahe der ungarischen Grenze. Der Verein Notpfote e.V., geleitet von Babette und Tom, suchte nach einem sicheren Ort, um Tiere aus den Kriegsgebieten unterzubringen. Sie fanden ein lokales Tierheim, das von zwei Ukrainerinnen, Angelika und Alexandra, betrieben wurde, aber in katastrophalem Zustand war und vor der Schließung stand.
Durch einen spontanen Spendenaufruf auf Instagram, den Malte Zierden startete, kamen innerhalb von nur drei Tagen über 100.000 Euro zusammen. Mit diesem Geld konnte ein 6.000 Quadratmeter großes Grundstück gekauft werden. Broder beschreibt das Tierheim nicht als Endstation, sondern als „Tierbrücke“ - einen Ort, an dem die Tiere zur Ruhe kommen, medizinisch versorgt und auf ein neues Zuhause vorbereitet werden können.
Herausforderungen vor Ort: Bauen im Schatten des Krieges
Der Aufbau des Tierheims war ein Kraftakt. Broder berichtet von harter körperlicher Arbeit, vom Entfernen von Schutt und Asbestplatten bis zum Anmischen von Beton und dem Aufziehen von Zäunen. Die Arbeiten fanden unter den surrealen Bedingungen des Krieges statt. Obwohl die Front 18 Autostunden entfernt ist, gibt es regelmäßig Luftalarm, der das öffentliche Leben lahmlegt. Während dies für die Einheimischen zur Normalität geworden ist, war es für das Team anfangs ein beängstigendes Erlebnis.
Eine große Hürde war die Rekrutierung von Arbeitskräften. Viele ukrainische Männer im wehrfähigen Alter wurden in die Armee eingezogen, was die Suche nach verlässlichen Handwerkern erschwerte. Die verbliebenen Arbeiter mussten teilweise über Feldwege zur Baustelle kommen, um nicht vom Militär aufgegriffen zu werden, und übernachteten aus Sicherheitsgründen im Tierheim.
Die Kraft der Gemeinschaft: Social Media als Motor für den Wandel
Broder stellt klar, dass dieses Projekt ohne die Unterstützung der Community nicht möglich gewesen wäre. Der Schlüssel zum Erfolg war die absolute Transparenz. Über Instagram und TikTok dokumentierte das Team jeden Fortschritt: den Kauf des Grundstücks, den Bau der einzelnen Zwinger, die Fertigstellung des Katzenhauses oder die Anlage eines Badeteichs für die Hunde. Die Spender konnten direkt sehen, was mit ihrem Geld geschieht. Diese Nahbarkeit schuf Vertrauen und eine starke emotionale Bindung zum Projekt.
Für die Leiterinnen des Tierheims vor Ort, Angelika und Alexandra, war die Dimension dieser Online-Unterstützung anfangs unvorstellbar. Die Erfahrung hat gezeigt, wie mächtig soziale Medien sein können, um Menschen für eine gute Sache zu mobilisieren und gemeinsam Großes zu bewirken.
Einblicke in die Arbeit mit geretteten Tieren
Nach anderthalb Jahren intensiver Arbeit steht nun ein voll funktionsfähiges Tierheim mit Platz für etwa 280 Tiere, inklusive Quarantänestationen, Auslaufflächen und einer eigenen Tierarztpraxis. Broder beschreibt die Tiere als unglaublich widerstandsfähig und liebevoll. Trotz traumatischer Erlebnisse suchen die meisten Hunde den Kontakt zum Menschen. Er erklärt, dass Geduld und eine ruhige Körpersprache entscheidend sind, um das Vertrauen von ängstlichen Tieren zu gewinnen.
Besonders herzzerreißend sei der Anblick von Hunden, die noch Halsbänder mit Namen tragen - ein stummer Beweis für ein verlorenes Zuhause. Die Dankbarkeit, die gerettete Tiere zeigen, ist für ihn eine einzigartige Erfahrung und die größte Motivation für seine Arbeit. Er fasst seine Mission mit dem Satz zusammen, den er auch auf seiner Website verwendet: „Den eine Stimme geben, die keine haben.“
Praktische Unterstützung und bewusste Entscheidungen
- Informiere dich und kläre auf: Sprich in deinem Umfeld über die Realität von Zoos und die vielen Vorteile der Adoption eines Tieres aus dem Tierschutz.
- Unterstütze seriöse Organisationen: Achte bei Spenden auf Transparenz. Seriöse Vereine wie Notpfote e.V. zeigen genau, wofür die Gelder verwendet werden.
- Ziehe eine Pflegestelle in Betracht: Wenn du dir unsicher bist, ob du ein Tier dauerhaft aufnehmen kannst, ist eine Pflegestelle eine wertvolle Möglichkeit, einem Tier zu helfen und herauszufinden, ob die Chemie stimmt.
- Adoptieren statt kaufen: Bevor du zu einem Züchter gehst, besuche lokale Tierheime oder informiere dich über Tierschutzorganisationen. Unzählige tolle Tiere jeder Altersklasse warten dort auf ein Zuhause.
- Bewerte den Charakter, nicht nur das Aussehen: Öffne dich für einen Hund, dessen Persönlichkeit zu dir passt, anstatt dich auf eine bestimmte Rasse zu fixieren.
- Nutze deine Stimme: Teile die Geschichten von Tierschutzprojekten auf deinen Social-Media-Kanälen. Jeder geteilte Beitrag kann helfen, das Bewusstsein zu schärfen und Unterstützung zu generieren.