Zusammengefasst von Anja Schirwinski
Seit meine Hündin Frida mit fünf Monaten aus einem rumänischen Shelter zu mir kam, beschäftige ich mich intensiv mit Hundethemen - von Alltagstraining bis Verhaltensbesonderheiten. Viele der Fragen, die in Podcasts besprochen werden, kenne ich aus unserer gemeinsamen Erfahrung nur zu gut. Deshalb fasse ich hier die für mich interessantesten Podcastfolgen zusammen und ergänze sie mit meinen eigenen Erlebnissen mit Frida.
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In dieser Episode des Podcasts The Pet Food Family spricht Host Jan Dießner mit Daniel Joeres, dem Gründer der Dog University. Daniel ist nicht nur ein bekannter Hundetrainer mit einem erfolgreichen YouTube-Kanal, sondern auch studierter Wirtschaftspsychologe. Diese einzigartige Kombination prägt seine Philosophie des Hundetrainings, die weit über klassische Kommandos hinausgeht.
Die zentralen Themen des Gesprächs sind die Gründung und der wissenschaftlich fundierte Ansatz der Dog University, die Grenzen des Online-Trainings und die entscheidende Rolle des Menschen in der Hund-Mensch-Beziehung. Diese Episode ist besonders wertvoll für alle Hundebesitzer, die nicht nur an schnellen Lösungen für Verhaltensprobleme interessiert sind, sondern eine tiefere, auf Verständnis und fairer Kommunikation basierende Bindung zu ihrem Hund aufbauen möchten. Die Leitfrage lautet: Was braucht es wirklich für eine harmonische und funktionierende Partnerschaft zwischen Mensch und Hund?
Das Wichtigste auf einen Blick
- Wissen vor Training: Daniel betont, dass der Schlüssel zu einer guten Mensch-Hund-Beziehung nicht in der Korrektur von Symptomen liegt, sondern im Aufbau von Wissen. Erst wenn du deinen Hund lesen und verstehen kannst, kannst du fair und effektiv mit ihm kommunizieren.
- Der Mensch ist der entscheidende Faktor: Deine Persönlichkeit, deine Energie und deine innere Haltung beeinflussen das Verhalten deines Hundes maßgeblich. Hundetraining ist daher immer auch Persönlichkeitsentwicklung für den Menschen.
- Online-Training als Wissensvermittlung: Die Dog University sieht sich als Wissensplattform. Online-Angebote sind ideal, um Theorie und Grundlagen zu vermitteln, können und sollen aber ein persönliches Coaching vor Ort niemals ersetzen.
- Kritischer Umgang mit Social Media: Daniel warnt vor der Schnelllebigkeit und dem Sensationalismus in sozialen Medien. Kurze, dramatische Clips zeigen oft ein verzerrtes Bild des Trainings, da der Kontext fehlt. Authentizität und fachliche Tiefe sind wichtiger als Klickzahlen.
- Fairness als oberstes Gebot: Ein Training ist nur dann fair, wenn der Hund eine reelle Chance hat, zu verstehen, was von ihm erwartet wird. Das erfordert oft, an den Grundlagen der Beziehung zu arbeiten, anstatt direkt das größte Problem anzugehen.
- Vermeide das Über-Analysieren: Während ein tiefes Verständnis wichtig ist, warnt Daniel vor der Tendenz, jedes Verhalten zu pathologisieren. Der inflationäre Gebrauch von Begriffen wie „Trauma“ kann den Blick auf pragmatische Lösungen verstellen und den Tieren, die wirklich betroffen sind, nicht gerecht werden.
Vom Psychologen zum Gründer der Dog University: Ein Weg aus Leidenschaft
Daniels Weg begann nicht direkt im Hundetraining. Er berichtet von einer frühen Faszination für Wölfe und Hunde, die ihn jedoch zunächst zu einem Psychologiestudium führte. Nach seiner Arbeit als Wirtschaftspsychologe, die er oft in „negativen Settings“ erlebte, fand er den Ausgleich in der Arbeit mit Hunden. Er beschreibt die Momente mit Mensch-Hund-Teams als positiv und erfüllend, da die Menschen in ihrer Freizeit glücklich und offen waren. Diese Leidenschaft führte ihn schließlich zur Entscheidung, sich hauptberuflich den Hunden zu widmen.
Sein psychologisches Wissen erwies sich als großer Vorteil. Wie Daniel erklärt, gibt es zahlreiche Parallelen zwischen der menschlichen und der caniden Psychologie, etwa in den Lerntheorien oder der Neurobiologie von Angst und Stress. Zudem half ihm eine Coaching-Ausbildung dabei, den entscheidenden „Faktor Mensch“ im Training besser zu verstehen und zu begleiten.
Die Philosophie der Dog University: Wissen als Fundament der Beziehung
Daniel bezeichnet die Dog University bewusst als „Wissensplattform“ und nicht bloß als Trainingsplattform. Der Kern seiner Philosophie ist, dass echte Veränderung und eine stabile Beziehung nur durch tiefgreifendes Verständnis entstehen. Anstatt Hundehaltern schnelle Lösungen für Einzelprobleme wie Leinenaggression oder einen schlechten Rückruf zu bieten, zielt sein Ansatz darauf ab, das große Ganze zu vermitteln.
Er beschreibt einen logischen Aufbau: Zuerst müsse der Mensch lernen, das Ausdrucksverhalten seines Hundes zu lesen und zu verstehen. Erst auf dieser Grundlage könne eine klare und faire Kommunikation aufgebaut werden. „Wie willst du kommunizieren, wenn du den Hund gar nicht lesen kannst?“, fragt Daniel rhetorisch. Dieser ganzheitliche Ansatz soll Hundehalter dazu befähigen, selbst kompetente Entscheidungen zu treffen, anstatt nur Anleitungen zu befolgen.
Social Media und die Herausforderung der Authentizität
Die Dog University startete ursprünglich mit einem YouTube-Kanal, um die Inhalte der Welpenkurse zu veranschaulichen und für die Teilnehmer zugänglich zu machen. Daniel war damit einer der ersten im deutschsprachigen Raum, der Hundetraining in diesem Format anbot. Der Erfolg kam schnell und exponentiell.
Gleichzeitig reflektiert er kritisch über die Entwicklung von Social Media. Der Druck der Algorithmen, immer kürzere und reißerischere Inhalte zu produzieren - was er als „Ketchup, der an die Decke spritzt“ beschreibt - widerspreche oft dem Anspruch an fachlich fundierte Wissensvermittlung. Polarisierende Ausschnitte aus Trainingssequenzen würden zwar Klicks generieren, aber ein unvollständiges und oft falsches Bild der Arbeit vermitteln. Aus diesem Grund hat er sich bewusst eine Auszeit von Social Media genommen, um die Authentizität und Qualität seiner Inhalte zu wahren.
Die Grenzen des Online-Trainings und die Notwendigkeit des persönlichen Coachings
Daniel zieht eine klare Linie zwischen dem, was Online-Training leisten kann und was nicht. Er erklärt, dass Online-Plattformen hervorragend geeignet sind, um Wissen zu vermitteln - vergleichbar mit einem interaktiven Buch. Sie können Hundehaltern helfen, ihren Hund besser zu verstehen und Grundlagen zu erlernen.
Eine individuelle Beratung oder die Lösung komplexer Verhaltensprobleme sei online jedoch nicht möglich und sogar gefährlich. „Ich kann keine persönliche Beratung online machen“, stellt er klar. Ein Trainer müsse die Dynamik zwischen Mensch und Hund live erleben, um die Situation beurteilen und gezielte Anleitungen geben zu können. Daher lehnt er es strikt ab, per E-Mail oder über soziale Medien konkrete Trainingsanleitungen für individuelle Probleme zu geben. Online-Angebote sind für ihn eine wertvolle Ergänzung, aber kein Ersatz für eine gute Hundeschule vor Ort.
Der Mensch im Fokus: Psychologie in der Hund-Mensch-Beziehung
Ein wiederkehrendes Thema im Gespräch ist die immense Bedeutung des Menschen. Daniel ist überzeugt, dass die Persönlichkeit, die Energie und das Selbstvertrauen des Halters das Verhalten des Hundes stark beeinflussen. Er beobachtet oft, dass Menschen, die intuitiv gut mit Tieren umgehen, eine ausgeglichene Persönlichkeit haben.
In Zukunft möchte er diesen Aspekt noch stärker in seine Arbeit integrieren, beispielsweise durch Retreats, die Persönlichkeitsentwicklung und Hundetraining kombinieren. In diesem Kontext diskutieren Jan und Daniel auch darüber, wie sehr die Beziehung zum Hund die sozialen Verhaltensmuster eines Menschen widerspiegelt. Daniel warnt jedoch auch vor einer Überanalyse. Der inflationäre Gebrauch psychologischer Begriffe wie „Trauma“ für alltägliche Erregungszustände sei oft nicht hilfreich und könne den Blick für pragmatische Lösungsansätze verstellen.
Praktische Schritte für eine bessere Beziehung zu deinem Hund
- Investiere in Wissen, nicht nur in Training: Anstatt nur nach einer schnellen Lösung für ein Problem zu suchen, versuche die Grundlagen der Hundekommunikation und Beziehungsdynamik zu verstehen.
- Lerne, deinen Hund zu lesen: Bevor du versuchst, deinem Hund etwas beizubringen, beobachte ihn genau und lerne, sein Ausdrucksverhalten zu deuten. Dies ist die Basis für jede erfolgreiche und faire Interaktion.
- Sei ein kritischer Social-Media-Konsument: Hinterfrage kurze, dramatische Trainingsvideos. Sie zeigen oft nur einen Bruchteil der Realität. Folge Trainern, die ihre Methoden transparent und im Kontext erklären.
- Reflektiere deine eigene Rolle: Frage dich ehrlich, wie deine eigene Persönlichkeit, deine Unsicherheiten oder deine Energie die Beziehung zu deinem Hund beeinflussen. Oft liegt der Schlüssel zur Veränderung des Hundes bei dir selbst.
- Nutze Online-Angebote als Ergänzung: Sieh Online-Kurse als eine wertvolle Wissensbibliothek, aber suche dir bei konkreten, individuellen Problemen immer Unterstützung von einem qualifizierten Trainer vor Ort.