Zusammengefasst von Anja Schirwinski
Seit meine Hündin Frida mit fünf Monaten aus einem rumänischen Shelter zu mir kam, beschäftige ich mich intensiv mit Hundethemen - von Alltagstraining bis Verhaltensbesonderheiten. Viele der Fragen, die in Podcasts besprochen werden, kenne ich aus unserer gemeinsamen Erfahrung nur zu gut. Deshalb fasse ich hier die für mich interessantesten Podcastfolgen zusammen und ergänze sie mit meinen eigenen Erlebnissen mit Frida.
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In dieser Episode des Podcasts HUNDESTUNDE spricht Moderatorin Conny Sporrer mit dem Hundetrainer und TV-Experten Marcel Wunderlich. Marcel, bekannt aus Formaten wie „Die Unvermittelbaren“ und Leiter einer Martin-Rütter-Hundeschule, berichtet von seiner viertägigen Tierschutzreise nach Rumänien. Organisiert wurde die Reise vom Verein „Adoptieren statt Produzieren“ in Zusammenarbeit mit der PETA-Tierschutzbeauftragten Jana Hooger.
Die Episode taucht tief in die Realität des Auslandstierschutzes ein und beleuchtet die extremen Kontraste vor Ort: von berührender Hilfsbereitschaft bis zu unvorstellbarem Leid in einer Tötungsstation. Im Zentrum steht die Frage, was Tierschutzarbeit in Rumänien wirklich bedeutet und wie sie die Perspektive eines anfangs skeptischen Experten nachhaltig verändern kann. Diese Folge ist eine wichtige Ressource für alle, die den Auslandstierschutz besser verstehen, Vorurteile hinterfragen und erfahren möchten, wie effektive Hilfe aussehen kann.
Das Wichtigste auf einen Blick
- Veränderte Perspektive: Marcel Wunderlich reiste mit der skeptischen Haltung an, dass die Adoption rumänischer Hunde oft problematisch sei. Die Reise hat seine Sichtweise grundlegend verändert und ihm gezeigt, dass nachhaltiger Tierschutz weit mehr als nur die Vermittlung von Tieren nach Deutschland umfasst.
- Die Vielschichtigkeit des Tierschutzes: Effektive Hilfe vor Ort besteht aus einem Mix aus direkter Rettung, medizinischer Versorgung, Kastrationskampagnen und vor allem Aufklärungsarbeit in der Bevölkerung, insbesondere bei Kindern und Jugendlichen.
- Emotionale Extreme: Die Reise war geprägt von starken Gegensätzen - von der Freude über gelungene Aufklärungsarbeit in einer Schule bis zum emotionalen Tiefpunkt beim Besuch einer Tötungsstation, wo das Team über Leben und Tod entscheiden musste.
- Kastration ist der Schlüssel: Die Episode betont, dass Kastrationsprojekte das wichtigste Mittel sind, um die unkontrollierte Vermehrung von Straßenhunden langfristig einzudämmen und so zukünftiges Leid zu verhindern.
- Die Realität der Straßenhunde: Anders als das Klischee des verhaltensauffälligen „Problemhundes“ aus Rumänien nahelegt, erlebte Marcel die meisten Hunde auf der Straße als sozialverträglich und freundlich.
- Soziale Gegensätze: Die Reise offenbarte die extreme Schere zwischen Arm und Reich in Rumänien. Direkt neben bitterster Armut existieren luxuriöse Villen, was den Tierschutz zusätzlich erschwert und oft zu Konflikten führt.
- Hoffnung durch lokale Helfer: Trotz aller Widrigkeiten gibt es vor Ort engagierte Menschen, die unter ärmsten Bedingungen alles für die Tiere geben. Ihre Unterstützung durch Wissen und Ressourcen ist entscheidend.
Ausgangslage: Zwischen Skepsis und Neugier
Zu Beginn des Gesprächs erklärt Marcel Wunderlich, dass er der Reise zunächst mit erheblicher Angst und Skepsis gegenüberstand. Er bezeichnet sich selbst als „größten Schisser vom Herrn“, der sich bewusst von den schrecklichen Bildern des Tierschutzes ferngehalten habe. Seine berufliche Erfahrung in der Hundeschule war geprägt von rumänischen Hunden, die oft als anstrengend, aggressiv und laut wahrgenommen wurden. Daher fuhr er mit dem Vorurteil nach Rumänien, dass es möglicherweise nicht sinnvoll sei, diese Hunde nach Deutschland zu holen. Stattdessen sah er den Fokus eher auf Kastration und Aufklärung vor Ort. Diese kritische Grundhaltung war ein wesentlicher Treiber, die Realität mit eigenen Augen sehen zu wollen.
Erste Eindrücke: Extreme Gegensätze und die Arbeit vor Ort
Die Reise konfrontierte das Team sofort mit der harten Realität. Der erste Besuch galt einer Frau, die in einer einfachen Hütte ohne Strom oder fließendes Wasser lebt und sich um eine Hündin mit ihren Welpen kümmert. Direkt daneben stand eine luxuriöse Villa, deren Bewohner sich über die Tierschutzarbeit beschwerten. Dieser krasse Gegensatz zwischen Arm und Reich zog sich laut Marcel durch die gesamte Reise.
Ein weiterer prägender Moment war der Besuch bei einem älteren Mann, der auf seinem Grundstück unter ärmsten Verhältnissen über 40 Hunde versorgt. Er opfert alles, was er durch den Verkauf von Blumen verdient, für die Tiere. Marcel beschreibt seine eigene Überforderung und das Gefühl der Hoffnungslosigkeit angesichts der schieren Masse an Tieren und des Widerstands der Nachbarn. Eine Kollegin, die bereits öfter in Rumänien war, habe ihm in diesem Moment versichert, dass ihre Arbeit trotz allem einen Unterschied mache und sich das Bewusstsein langsam ändere - ein wichtiger Wendepunkt für ihn.
Zudem schulte das Trainer-Team die Mitarbeiter einer lokalen Tierschutzorganisation. Marcel betont, wie wichtig dieser Wissenstransfer ist, da die engagierten Helfer vor Ort oft aus reiner Erfahrung handeln, ihnen aber fundiertes Wissen über Hundeverhalten und -training fehlt. Die Dankbarkeit und Offenheit der lokalen Tierschützer war für ihn eine sehr positive Erfahrung.
Nachhaltiger Tierschutz: Aufklärung und Kastration als Schlüssel
Zwei zentrale Säulen des nachhaltigen Tierschutzes wurden auf der Reise besonders deutlich. Zum einen besuchte das Team eine Schule, um mit Kindern im Alter von neun bis dreizehn Jahren über den richtigen Umgang mit Hunden und die Bedeutung von Tierschutz zu sprechen. Mithilfe von Videos und Plakaten erarbeiteten sie gemeinsam Verhaltensregeln. Marcel war tief beeindruckt von der Motivation, Offenheit und Dankbarkeit der Schüler, was ihm große Hoffnung für die nächste Generation gab.
Zum anderen unterstützte die Gruppe eine Kastrationskampagne. Hierbei erlebten sie, wie Hunde von ihren Besitzern freiwillig zur kostenlosen Kastration gebracht wurden. Ein zentrales Thema war dabei auch der Umgang mit sogenannten Kettenhunden. Statt die Hunde einfach zu „befreien“, was unrealistisch wäre, verfolgten die Tierschützer einen pragmatischen Ansatz: Sie brachten die Hunde nach der Kastration zurück und ersetzten schwere, kurze Ketten durch leichtere, längere Hofleinen, um die Lebensqualität der Tiere im Kleinen zu verbessern. Marcel beschreibt den inneren Konflikt, einen Hund wieder anketten zu müssen, betont aber die Notwendigkeit, im Rahmen der lokalen Gegebenheiten zu agieren. Er hebt hervor, wie entscheidend Aufklärung über die Mythen rund um die Kastration ist, um die Akzeptanz in der Bevölkerung weiter zu steigern.
Der emotionale Tiefpunkt: Besuch in der Tötungsstation
Der wohl erschütterndste Teil der Reise war der Besuch in einer städtischen Tötungsstation. Marcel erklärt, dass Hunde, die von Hundefängern von der Straße geholt werden, dort für etwa zwei Wochen untergebracht und anschließend getötet werden. Die Zustände beschreibt er als katastrophal: überfüllte Zwinger, kranke und verletzte Tiere ohne jegliche medizinische Versorgung. Er berichtet von einem Hund, der offensichtlich an Staupe litt und qualvoll seinem Ende entgegensah.
Die Mission des Teams war es, eine begrenzte Anzahl von Hunden aus dieser Hölle zu befreien. Dies stellte sie vor eine unvorstellbar schwere Entscheidung: Welcher Hund darf leben und welcher muss sterben? Das Kriterium für die Rettung war nicht das größte Leid, sondern die Vermittlungschance. Es wurden vor allem junge, freundliche und gesunde Hunde ausgewählt, die eine realistische Chance auf ein neues Zuhause haben. Marcel schildert diesen Moment als surreal und emotional kaum auszuhalten. Er gibt zu, aus Selbstschutz „mit Scheuklappen“ durch die Zwinger gegangen zu sein, um das ganze Ausmaß des Leids nicht an sich heranzulassen.
Fazit der Reise: Ein veränderter Blick auf den Auslandstierschutz
Am Ende der Episode zieht Marcel Wunderlich ein klares Fazit: Die Reise hat seine Perspektive nachhaltig verändert. Seine pauschale, negative Einschätzung rumänischer Hunde hat sich als falsch erwiesen; die meisten Tiere, die er traf, waren freundlich und sozial. Er hat verstanden, dass „Auslandstierschutz“ weit mehr bedeutet, als Hunde nach Deutschland zu bringen. Die Arbeit vor Ort - Aufklärung, Kastration, Unterstützung lokaler Helfer - ist die Basis für jede nachhaltige Veränderung.
Obwohl die Erlebnisse, insbesondere in der Tötungsstation, zutiefst erschütternd waren, verlässt er die Reise mit mehr Hoffnung als Trauer. Er ist überzeugt, dass sich durch das unermüdliche Engagement vieler Menschen vor Ort langsam, aber sicher etwas zum Besseren wendet. Für ihn steht fest, dass dies nicht seine letzte Tierschutzreise gewesen sein wird.
Wie Du den Tierschutz unterstützen kannst
Aus den Erzählungen von Marcel Wunderlich lassen sich konkrete Wege ableiten, wie jeder Einzelne die Tierschutzarbeit in Ländern wie Rumänien unterstützen kann:
- Informieren und Bewusstsein schaffen: Teile Berichte und Erfahrungen wie die von Marcel. Je mehr Menschen über die Realität vor Ort wissen, desto größer wird das Verständnis und die Bereitschaft zu helfen.
- Finanziell unterstützen: Spenden sind essenziell, um Kastrationskampagnen, Futter, medizinische Versorgung und die Gehälter der lokalen Mitarbeiter zu finanzieren. Jeder Euro hilft.
- Seriöse Organisationen fördern: Unterstütze gezielt Vereine, die transparent arbeiten und sich für nachhaltige Projekte wie Bildung und Kastration einsetzen, anstatt nur Hunde zu vermitteln.
- Verantwortungsvoll adoptieren: Wenn du einen Hund aus dem Ausland adoptierst, informiere dich gründlich über seine Vorgeschichte und sei dir der potenziellen Herausforderungen bewusst. Gib dem Tier die Zeit und Unterstützung, die es braucht.
- Den Wert von Prävention anerkennen: Unterstütze gezielt Kastrationsprojekte. Auch wenn die Rettung eines einzelnen Hundes emotional befriedigender erscheint, verhindert die Kastration einer einzigen Hündin unzähliges zukünftiges Leid.