Zusammengefasst von Anja Schirwinski
Seit meine Hündin Frida mit fünf Monaten aus einem rumänischen Shelter zu mir kam, beschäftige ich mich intensiv mit Hundethemen - von Alltagstraining bis Verhaltensbesonderheiten. Viele der Fragen, die in Podcasts besprochen werden, kenne ich aus unserer gemeinsamen Erfahrung nur zu gut. Deshalb fasse ich hier die für mich interessantesten Podcastfolgen zusammen und ergänze sie mit meinen eigenen Erlebnissen mit Frida.
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In der ersten Folge des neuen Jahres begrüßt Moderatorin Conny Sporrer die Hundetrainerin Patricia Redzimski im Podcast HUNDESTUNDE. Patricia, Inhaberin einer Martin Rütter Hundeschule in Mainz, teilt nicht nur ihre professionelle Expertise, sondern auch persönliche Erfahrungen mit ihrem eigenen Tierschutzhund Winnie. Gemeinsam widmen sie sich den drängenden Fragen der Hörerinnen und Hörer.
Die Episode taucht tief in drei zentrale Herausforderungen des Hundealltags ein: den Umgang mit ausgeprägtem Jagdverhalten, die Belohnung von unsicheren Hunden, die Futter verweigern, und die Bewältigung von Lärmangst, die durch eine unkontrollierbare Umwelt ausgelöst wird. Diese Themen sind besonders für Besitzer von Hunden aus dem Tierschutz relevant, bieten aber wertvolle Einblicke für alle, die vor komplexen Trainingssituationen stehen. Die zentrale Frage lautet: Wie können bewährte Trainingsprinzipien auch dann erfolgreich angewendet werden, wenn die Umstände schwierig und die Probleme tief verwurzelt sind?
Das Wichtigste auf einen Blick
- Jagdtraining ist ein Marathon: Erfolgreiches Anti-Jagd-Training erfordert absolute Konsequenz und die Integration von Übungen in jeden einzelnen Spaziergang. Es geht darum, die eigene Anziehungskraft für den Hund dauerhaft zu erhöhen.
- Erfolg unbedingt verhindern: Der entscheidende Faktor im Anti-Jagd-Training ist, jeglichen Jagderfolg des Hundes zu unterbinden. Eine Schleppleine ist am Anfang unerlässlich, um zu verhindern, dass der Hund sich selbst belohnt.
- Belohnung ist mehr als nur Futter: Wenn ein unsicherer Hund Leckerlis verweigert, sollten zuerst gesundheitliche Ursachen ausgeschlossen werden. Danach gilt es, kreativ zu werden: Was der Hund in einem Moment gerne tun würde (z. B. schnüffeln), kann als Belohnung für erwünschtes Verhalten dienen.
- Gegen Angst hilft kontrollierte Gewöhnung: Bei Lärmangst ist es entscheidend, die Desensibilisierung in einer sicheren und steuerbaren Umgebung zu beginnen, beispielsweise im Auto. Beginne mit einer sehr geringen Reizintensität und steigere sie nur langsam.
- Klare Grenzen schaffen Sicherheit: Unerwünschte Verhaltensweisen, die durch Aufmerksamkeit aufrechterhalten werden, lassen sich oft am besten durch klare Regeln und räumliche Grenzen lösen. Ein Raum, der nur auf Einladung betreten werden darf, ist verständlicher als eine inkonsequente Diskussion.
- Die Basis muss stimmen: Viele große Probleme wie Jagen oder Unsicherheit basieren auf einem Mangel an Orientierung und gemeinsamer Aktivität im Alltag. Die „Hausaufgaben“ wie gemeinsame Beschäftigung und klare Kommunikation sind die Grundlage für jede erfolgreiche Verhaltensänderung.
Jagdverhalten kontrollieren - Ein Marathon, kein Sprint
Die erste Frage der Episode kommt von Frank, dessen sonst gut erzogener Hund immer wieder Wild nachstellt. Er möchte wissen, ob ein Freilauf in einer wildreichen Gegend überhaupt realistisch ist. Patricia, die mit ihrem eigenen Hund Winnie ähnliche Herausforderungen gemeistert hat, bestätigt, dass es möglich ist, aber einen langen und konsequenten Trainingsweg erfordert. Sie betont, dass es nicht mit einer Trainingseinheit pro Woche getan ist, sondern in jeden Spaziergang integriert werden muss.
Laut Patricia besteht ein umfassendes Anti-Jagd-Training aus mehreren Säulen: Impulskontrolle, damit der Hund lernt, seinem ersten Impuls nicht nachzugehen, ein absolut verlässlicher Rückruf oder Stopp-Signal sowie die Befriedigung der jagdlichen Bedürfnisse durch alternative Beschäftigungen wie die Futterbeutel-Arbeit. Der entscheidende Punkt sei jedoch, den Hund daran zu hindern, Jagderfolg zu haben. Das bedeutet am Anfang vor allem Management durch eine Schleppleine. Conny stimmt zu und ergänzt, dass viele Hundebesitzer das Potenzial dieses Trainings unterschätzen. Der Schlüssel, so erklärt Patricia aus ihrer Erfahrung, war, für ihren Hund durch gemeinsame Aktivitäten so interessant zu werden, dass er sich bei Ablenkung an ihr orientierte, anstatt eigene Wege zu gehen.
Der unsichere Hund: Wenn Futter und Spiel als Belohnung versagen
Silvia schildert ein Problem, das viele Besitzer von Tierschutzhunden kennen: Ihre unsichere Hündin nimmt draußen kaum Leckerlis an und hat sogar Angst vor Spielzeug. Dies macht die klassische positive Verstärkung schwierig. Patricia rät, zunächst zu analysieren, ob die Futterverweigerung auf Mäkeligkeit oder auf ein zu hohes Stresslevel zurückzuführen ist. Ist der Hund zu gestresst, sind Lernprozesse blockiert und auch andere Belohnungen funktionieren nicht.
Conny fügt aus eigener Erfahrung zwei wichtige Aspekte hinzu: Erstens sollte immer eine tierärztliche Untersuchung erfolgen, um gesundheitliche Probleme wie eine Bauchspeicheldrüsenentzündung auszuschließen, die zu Appetitlosigkeit führen. Zweitens plädiert sie dafür, pragmatisch nach einer Belohnung zu suchen, die der Hund wirklich liebt - auch wenn es sich um ein Stück Wurst handelt. Es geht darum, im Training überhaupt erst einmal voranzukommen.
Beide Expertinnen sind sich einig, dass man kreativ werden muss. Eine starke Alternative ist die sogenannte funktionale Belohnung: Man nutzt das, was der Hund in einem bestimmten Moment tun möchte, als Verstärkung. Conny beschreibt ein Beispiel, bei dem sie ihrer Hündin erlaubte, an einer spannenden Stelle zu schnüffeln, nachdem diese ihr einen Ball zurückgebracht hatte. Auch ehrliche, überschwängliche Freude und soziale Zuwendung können eine starke Belohnung sein, vorausgesetzt, sie werden im Alltag nicht inflationär eingesetzt.
Angst vor Lärm: Umgang mit einer unkontrollierbaren Situation
Ein besonders belastendes Problem schildert Diana. Ihre Hündin Edda, die ohnehin schon geräuschempfindlich ist, leidet unter panischer Angst vor der lauten Bass-Musik einer neuen Nachbarin. Das eigene Zuhause, eigentlich ein sicherer Rückzugsort, ist zur Quelle von Stress geworden. Patricia identifiziert die Unkontrollierbarkeit und die Kombination aus Geräusch und Vibration als Kern des Problems. Ein Training in der Wohnung sei unter diesen Umständen kaum möglich.
Ihr Lösungsansatz ist, die Desensibilisierung in eine kontrollierbare Umgebung zu verlagern. Sie schlägt vor, im Auto zu üben - vorausgesetzt, der Hund fährt gerne Auto. Dort kann man schrittweise und in kleinsten Dosen Musik mit Bass abspielen, während der Hund durch eine Schleckmatte oder Kausnacks positiv beschäftigt wird. Die Intensität darf nur so weit gesteigert werden, wie der Hund entspannt bleibt.
Conny ergänzt die Idee, auch an der generellen Geräuschtoleranz zu arbeiten, indem man harmlose Geräusche wie Händeklatschen positiv mit Futter verknüpft. Eine weitere Idee ist, dem Hund die Geräuschquelle begreifbar zu machen, indem man eine kleine Bassbox nutzt, um zu zeigen, woher die Vibrationen kommen. Schließlich sei es wichtig, einen absolut sicheren Rückzugsort in der Wohnung zu schaffen, etwa eine abgedeckte Box im Badezimmer.
Das Klopapier-Dilemma: Wenn ein Trick zur Belästigung wird
Zum Abschluss diskutieren Conny und Patricia ein humorvolles „Luxusproblem“: Ein Hund wurde darauf trainiert, leere Klopapierrollen zum Müll zu bringen, holt nun aber selbstständig volle Rollen vom Halter, um Aufmerksamkeit zu bekommen. Das Lachen der Besitzer hat das Verhalten unbeabsichtigt verstärkt.
Patricias pragmatische Lösung ist, klare räumliche Grenzen zu schaffen. Das Badezimmer sollte zu einer Tabu-Zone erklärt werden, die der Hund nur nach einer expliziten Einladung betreten darf. Dies erfordert anfangs konsequentes Management, wie das Schließen der Tür, und aktives Training an der Türschwelle. Conny betont, dass jegliche Verstärkung des Verhaltens aufhören muss. Der Hund muss lernen, dass die Handlung nur dann belohnt wird, wenn sie auf ein Signal hin erfolgt. So wird aus einem selbstinitiierten Störverhalten wieder ein kontrollierbarer Trick.
Praktische Schritte für Deinen Alltag
- Beim Anti-Jagd-Training: Nutze konsequent eine Schleppleine, um Jagderfolge deines Hundes von Anfang an zu verhindern. Mache jeden Spaziergang zu einer Trainingseinheit, indem du Orientierungs- und Impulskontrollübungen einbaust und alternative Jagdspiele anbietest.
- Wenn dein Hund keine Belohnungen annimmt: Lass deinen Hund tierärztlich durchchecken, um Schmerzen oder Krankheiten auszuschließen. Finde dann durch Ausprobieren heraus, was für deinen Hund eine wirklich hochwertige Belohnung ist. Beobachte genau, was er von sich aus tun möchte, und nutze den Zugang dazu (z. B. an einer Stelle schnüffeln dürfen) als gezielte Belohnung.
- Bei starker Lärmangst: Schaffe eine kontrollierte Trainingsumgebung außerhalb des Problembereichs (z. B. im Auto oder bei Freunden). Beginne, den auslösenden Reiz (Geräusch, Vibration) in einer für den Hund kaum wahrnehmbaren Intensität abzuspielen und verbinde ihn mit etwas sehr Positivem. Steigere die Intensität nur in winzigen Schritten und über viele Wiederholungen hinweg.
- Bei unerwünschten, selbstgelernten Verhaltensweisen: Finde heraus, wodurch das Verhalten verstärkt wird - oft ist es deine Aufmerksamkeit. Unterbinde diese Verstärkung konsequent, indem du das Verhalten ignorierst und durch Management (z. B. Türen schließen) verhinderst. Etabliere stattdessen klare Regeln und Grenzen, die für den Hund leicht verständlich sind.