Zusammengefasst von Anja Schirwinski
Seit meine Hündin Frida mit fünf Monaten aus einem rumänischen Shelter zu mir kam, beschäftige ich mich intensiv mit Hundethemen - von Alltagstraining bis Verhaltensbesonderheiten. Viele der Fragen, die in Podcasts besprochen werden, kenne ich aus unserer gemeinsamen Erfahrung nur zu gut. Deshalb fasse ich hier die für mich interessantesten Podcastfolgen zusammen und ergänze sie mit meinen eigenen Erlebnissen mit Frida.
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In dieser Episode von The Petfood Family spricht Moderator Jan Dießner mit der Hundetrainerin und Psychologin Lena Probst, auf Instagram bekannt als „rudelabenteuer“. Lena hat sich auf die Arbeit mit Hunden spezialisiert, die als schwierig oder sogar gefährlich gelten - eine Entscheidung, die maßgeblich durch die Herausforderungen mit ihren eigenen Hunden geprägt wurde.
Das Gespräch taucht tief in die ungeschönte Realität des Hundetrainings ein. Es beleuchtet den enormen Druck und die Anfeindungen, denen Trainerinnen wie Lena auf Social Media ausgesetzt sind, insbesondere wenn sie Methoden anwenden, die über rein positive Verstärkung hinausgehen. Anhand des vieldiskutierten Falls des Malinois „Logan“ diskutieren Jan und Lena, was es wirklich bedeutet, einen als „lebensgefährlich“ eingestuften Hund zu resozialisieren. Diese Folge ist eine wichtige Ressource für alle, die die Komplexität von Hundeaggression verstehen und einen Blick hinter die Kulissen der Arbeit mit anspruchsvollen Hunden werfen möchten.
Das Wichtigste auf einen Blick
- Die Hundetrainer-Szene als „Haifischbecken“: Lena Probst beschreibt die Online-Community als ein hartes Pflaster, geprägt von ideologischen Grabenkämpfen zwischen Trainingsphilosophien, Neid und Hass.
- Der Ursprung der Expertise: Lenas Spezialisierung auf verhaltensauffällige Hunde ist das Ergebnis intensiver Erfahrungen mit ihren eigenen anspruchsvollen Hunden, darunter Rottweiler und ein Herdenschutzhund-Mix.
- Der Fall „Logan“: Die Resozialisierung des als lebensgefährlich eingestuften Malinois Logan machte die öffentliche Voreingenommenheit und den Mangel an Verständnis für die Arbeit mit hochaggressiven Hunden deutlich.
- Mehr als nur positive Verstärkung: Lena vertritt einen ausgewogenen Trainingsansatz, der alle vier Quadranten der Lerntheorie nutzt. Sie betont, dass bei manchen Hunden reine Konfliktvermeidung und Belohnungen nicht ausreichen.
- Die Realität von Aggression: Aggressives Verhalten ist oft eine komplexe Mischung aus genetischer Veranlagung, falschen Lernerfahrungen und menschlichem Fehlverhalten.
- Umgang mit Anfeindungen: Trotz wiederholter Anzeigen beim Veterinäramt und massiver Online-Kritik setzt Lena ihre Arbeit fort, um Hunden eine zweite Chance zu geben, die von anderen aufgegeben wurden.
- Die Sprache der Hunde: Das Zusammenleben in einem großen Rudel ermöglicht tiefe Einblicke in die soziale Kommunikation von Hunden, eine „Fremdsprache“, die Lena fasziniert und ihren Alltag prägt.
„Willkommen im Haifischbecken“: Die Realität für Hundetrainer auf Social Media
Lena Probst schildert die Hundetrainer-Szene auf Social Media als ein „Haifischbecken“. Die Debatte über Trainingsmethoden sei extrem polarisiert. Auf der einen Seite stehe der rein positive Ansatz, der auf Belohnung und Ignoranz setzt, auf der anderen Seite Methoden, die auch klare Korrekturen beinhalten. Laut Lena führt diese Spaltung zu Neid, Hass und ständigen Angriffen unter Kollegen, die eigentlich dasselbe Ziel verfolgen sollten: Hunden und ihren Haltern zu helfen.
Eine besondere Belastung stellt die ständige Gefahr dar, von anonymen Nutzern beim Veterinäramt angezeigt zu werden. Oftmals basieren diese Anzeigen auf kurzen Videoclips, die aus dem Kontext gerissen werden und keine Hintergrundinformationen zum Hund oder zur Situation liefern. Lena erklärt, dass dies im schlimmsten Fall zum Entzug ihrer Arbeitserlaubnis (§11-Schein) führen könnte. Trotz des Drucks und der Empfehlung ihres Veterinäramts, „weniger auf Instagram zu posten“, macht sie weiter. Die positiven Rückmeldungen ihrer Follower und der Wunsch, über die Realität der Arbeit mit schwierigen Hunden aufzuklären, motivieren sie, standhaft zu bleiben.
Der Weg zur Spezialisierung: Wenn der eigene Hund zur Lebensschule wird
Lenas Weg in die Arbeit mit verhaltensauffälligen Hunden war kein geplanter Karriereschritt, sondern wurde durch ihre eigenen Hunde erzwungen. Ihr erster Rottweiler-Mischling Clyde entwickelte in der Pubertät eine Aggression gegenüber anderen Hunden, die mit den Methoden einer rein positiven Hundeschule nicht zu bewältigen war. Sie erinnert sich an den Moment der Hilflosigkeit, als sie sich auf einer Hundewiese fragte: „Wo soll ich das Leckerle jetzt hinschmeißen, dass der das aufhört?“
Weitere Herausforderungen folgten, darunter schwere Beißereien zwischen ihren Hunden zu Hause. Ihre Rottweiler-Hündin Freya bezeichnet sie als ihre anspruchsvollste, aber auch kompetenteste Lehrerin. Diese persönlichen Erfahrungen, die sie bis an ihre Grenzen brachten, zwangen sie, Hundeverhalten in seiner ganzen Tiefe zu verstehen. In Kombination mit ihrem Psychologiestudium entwickelte sie so ein tiefes Verständnis für die komplexen Ursachen von Verhalten und die Notwendigkeit individueller Lösungsansätze.
Der Fall Logan: Resozialisierung eines „lebensgefährlichen“ Hundes
Der Malinois Logan kam zu Lena, nachdem er in einem Tierheim von einem Gutachter als „lebensgefährlich“ eingestuft wurde. Er zeigte extreme Aggression, griff Menschen sofort in Kopf- und Halsnähe an und war selbst unter Sedierung kaum zu handhaben. Lena nahm ihn auf, um ihm eine letzte Chance zu geben.
Ihre Arbeit mit Logan, die sie auf Social Media dokumentierte, löste eine Welle der Empörung aus. Kritiker warfen ihr falsche Methoden vor, ohne die Hintergründe oder die extreme Gefährlichkeit des Hundes zu berücksichtigen. Lena beschreibt, wie sie anfangs jede Entscheidung für Logan treffen musste, um eine klare Struktur zu etablieren und ihm Sicherheit zu geben. Sie spricht auch offen darüber, selbst von ihm gebissen worden zu sein. Solche Vorfälle sieht sie als schmerzhafte Momente der Selbstreflexion über eigene Fehler, die sie jedoch nur noch mehr anspornen, eine Lösung zu finden. Heute, so Lena, ist Logan ein Hund, der sein Leben genießen kann und in vielen Situationen die richtigen Entscheidungen trifft.
Die Kontroverse um Trainingsmethoden: Warum es nicht immer nur „Guzzi Guzzi“ sein kann
Lena kritisiert eine gesellschaftliche Tendenz, die Augen vor dem „Abgrund der Hundehaltung“ zu verschließen. Viele Menschen, so ihre Beobachtung, leben in einer „rosaroten Wolke“ und wollen nicht wahrhaben, dass manche Hunde ihre 42 Zähne ohne zu zögern einsetzen. Unsere Erziehung, die auf Konfliktvermeidung und Höflichkeit ausgelegt ist, trage dazu bei, dass Aggression tabuisiert wird.
Sie argumentiert, dass ein rein auf Konfliktvermeidung basierender Ansatz bei Hunden wie Logan nicht alltagstauglich ist. Spätestens beim Tierarztbesuch oder in einer unvorhergesehenen Stresssituation würde dieses Management scheitern. Daher arbeitet sie mit allen vier Quadranten der Lerntheorie. Das schließt auch positive Bestärkung ein - etwa, wenn Logan ruhig bleibt -, was sie aber seltener zeige, da es für Social Media weniger spektakulär sei. Die heftigsten Diskussionen entzünden sich an der Anwendung von Korrekturen, die sie jedoch als notwendiges Werkzeug für klare Kommunikation bei bestimmten Hunden ansieht.
Leben im Rudel: Soziale Dynamik und die Sprache der Hunde
Das Zusammenleben mit ihrem großen Rudel ist für Lena eine Quelle der Freude und des Lernens. Sie schätzt es, niemals allein zu sein und die unterschiedlichen Charaktere und Talente ihrer Hunde zu erleben. Die größte Faszination liegt für sie jedoch im Verstehen der Hundesprache. Sie beschreibt es als das Erlernen einer Fremdsprache, die sie mittlerweile so verinnerlicht hat, dass sie unbewusst hündische Kommunikationsmuster - wie das seitliche Annähern oder das Vermeiden von direktem Blickkontakt - in menschlichen Interaktionen anwendet. Im Alltag, so betont sie, lässt sie, anders als zu Lehrzwecken auf Instagram, kaum Konflikte innerhalb des Rudels zu. Das Ziel ist ein harmonisches und entspanntes Zusammenleben, in dem jeder Hund seine Rolle kennt.
Praktische Grundpfeiler der Resozialisierung
Aus Lenas Erzählungen lassen sich zentrale Prinzipien für die Arbeit mit verhaltensschwierigen Hunden ableiten:
- Struktur und Sicherheit schaffen: Eine sichere und klare Umgebung, wie etwa ein eigener Zwingerbereich, reduziert Stress für den Hund und den Menschen und bildet die Grundlage für das Training.
- Führung konsequent übernehmen: Ein Hund, der gefährliche Entscheidungen trifft, benötigt anfangs eine absolute Führung. Der Mensch trifft alle Entscheidungen, um dem Hund Orientierung und Sicherheit zu geben.
- Konflikte gezielt managen: Anstatt Konflikte nur zu vermeiden, ist es entscheidend, dem Hund beizubringen, wie er mit ihnen umgehen kann. Dies erfordert vom Menschen Mut und die Fähigkeit, Grenzen klar und fair zu setzen.
- Den Hund präzise lesen lernen: Die Fähigkeit, die Körpersprache des Hundes exakt zu deuten, ist die wichtigste Voraussetzung, um Eskalationen vorauszusehen und angemessen zu reagieren.
- Verantwortungsvolle Absicherung: Der Einsatz von Hilfsmitteln wie Maulkorb oder Schutzausrüstung (z.B. ein Helm) ist kein Zeichen von Schwäche, sondern ein Akt der Verantwortung, um die Sicherheit aller Beteiligten zu gewährleisten.
- Emotionale Stärke und Geduld: Die Resozialisierung ist ein langer Weg mit Rückschlägen. Es erfordert mentale Resilienz, um auch nach einem Biss weiterzuarbeiten und dem Hund mit Respekt und Klarheit statt mit Angst oder Wut zu begegnen.
- Freiheiten schrittweise zurückgeben: Erst wenn ein Hund beweist, dass er verlässlich ist und die richtigen Entscheidungen trifft, können ihm schrittweise wieder mehr Freiheiten und Eigenverantwortung zugestanden werden.