Zusammengefasst von Anja Schirwinski
Seit meine Hündin Frida mit fünf Monaten aus einem rumänischen Shelter zu mir kam, beschäftige ich mich intensiv mit Hundethemen - von Alltagstraining bis Verhaltensbesonderheiten. Viele der Fragen, die in Podcasts besprochen werden, kenne ich aus unserer gemeinsamen Erfahrung nur zu gut. Deshalb fasse ich hier die für mich interessantesten Podcastfolgen zusammen und ergänze sie mit meinen eigenen Erlebnissen mit Frida.
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In dieser Episode des The Pet Food Family Podcasts spricht der Host Jan Dießner mit der Hundetrainerin Linda Sikorski. Ausgehend von ihrem Leitsatz „Verlassen Sie sich auf ihr Bauchgefühl“ entfaltet sich ein tiefgehendes Gespräch über eine instinktive, beziehungsorientierte Hundehaltung, die sich bewusst von modernen, oft verkopften Trainingsmethoden abgrenzt. Linda Sikorski, die mit einem 19-köpfigen Hunderudel lebt, teilt ihre Beobachtungen und Erfahrungen aus dem direkten Zusammenleben mit Hunden.
Die zentralen Themen sind die immense Bedeutung von klaren Grenzen, die untrennbare Verbindung von Führung und Schutz sowie eine kritische Auseinandersetzung mit der aktuellen Hundeszene. Die Episode richtet sich an alle Hundebesitzer, die sich überfordert fühlen von der Flut an Ratschlägen und einen Weg suchen, eine authentische und stabile Beziehung zu ihrem Hund aufzubauen, die auf gegenseitigem Verständnis und Vertrauen basiert.
Das Wichtigste auf einen Blick
- Vertraue deinem Bauchgefühl: Linda betont, dass viele Hundebesitzer durch Bücher, Social Media und unzählige Ratschläge den natürlichen Umgang mit ihrem Hund verlernt haben. Ein intuitiver Ansatz ist oft wertvoller als überanalysiertes Training.
- Ein klares „Nein“ ist essenziell: Hunde benötigen klare Grenzen, um sich sicher zu fühlen. Ein konsequent durchgesetztes „Nein“ ist keine unfreundliche Geste, sondern ein fundamentaler Bestandteil fairer Kommunikation und schützt den Hund vor gefährlichen Fehlentscheidungen.
- Führung und Schutz gehören zusammen: Wer führt, gibt ein Schutzversprechen ab. Ein Hund wird dir nur dann vertrauen und die Führung überlassen, wenn er weiß, dass du ihn in schwierigen Situationen beschützen kannst. Dieses Versprechen muss aktiv eingelöst werden.
- Fremdhundekontakt ist überbewertet: Die weitverbreitete Annahme, Hunde müssten mit fremden Artgenossen „spielen“, ist laut Linda ein Irrglaube. Solche Begegnungen sind meist ein stressiges Abchecken von sozialen Hierarchien, kein entspanntes Spiel.
- Lerne von den Hunden selbst: Die aufmerksamste Beobachtung von Hunden untereinander ist der beste Lehrmeister. Sie zeigen uns täglich, wie ihre soziale Welt funktioniert - durch die Verwaltung von Raum, Energie und Ressourcen.
- Führung findet im Alltag statt: Eine stabile Beziehung entsteht nicht durch Kommandos wie „Sitz“ oder „Platz“, sondern durch die Gestaltung unzähliger kleiner Momente im Alltag. Wer bewegt wen? Wer beansprucht Raum? Wer gibt Richtung und Tempo vor?
- Vermeide übermäßige Vermenschlichung: Ein Hund möchte ein Hund sein und nicht die Seele seines Menschen widerspiegeln. Ihn in eine Rolle zu drängen, der er nicht gerecht werden kann (z. B. als Partner- oder Kinderersatz), erzeugt enormen Stress und führt zu Verhaltensproblemen.
Zurück zum Bauchgefühl: Eine Kritik an der modernen Hundeerziehung
Linda eröffnet das Gespräch mit der Feststellung, dass viele Menschen den Umgang mit Hunden überintellektualisieren. Anstatt auf ihre Intuition zu hören, verlieren sie sich in Trainingsplänen, Social-Media-Tipps und dem ständigen Versuch, alles „richtig“ zu machen. Sie erklärt, dass Hunde hochsoziale Wesen sind, die einen echten sozialen Austausch benötigen. Kommandos wie „Sitz“, „Platz“ und „Fuß“ seien zwar nützliche Tricks, hätten aber mit einer tiefen sozialen Bindung und echtem Verständnis wenig zu tun. Ihr Ansatz zielt darauf ab, Menschen wieder zu einem natürlichen, auf Beobachtung und klarer Kommunikation basierenden Umgang mit ihrem Hund zu verhelfen.
Führung bedeutet Schutz: Die Notwendigkeit klarer Grenzen
Ein zentraler Pfeiler von Lindas Philosophie ist die Notwendigkeit, Grenzen zu setzen. Sie argumentiert, dass die moderne Hundewelt das „Nein-Sagen“ zu Unrecht verpönt. Ohne ein klares Verbot ist die Welt für einen Hund unvollständig, was dazu führt, dass er selbst Entscheidungen trifft - oft solche, die in der menschlichen Gesellschaft problematisch sind. Sie beobachtet in ihrem Rudel, dass Führungshunde Grenzen oft in ruhigen Momenten und nicht erst im Konfliktfall setzen, um ihre Position zu festigen. Manchmal klären Hunde eine Meinungsverschiedenheit sogar zeitversetzt und scheinbar „nachtragend“, um eine ernsthafte Eskalation zu vermeiden. Dieses Verhalten sei für Menschen oft schwer nachzuvollziehen, zeige aber, wie wichtig eine geklärte Rangordnung für ein stabiles Zusammenleben ist.
Einblicke in ein 19-köpfiges Rudel: Lernen durch Beobachtung
Linda lebt gemeinsam mit ihrem Partner Mario und 19 Hunden, hauptsächlich Deutschen Schäferhunden. Diese einzigartige Konstellation dient ihr als ständige Lernquelle. Sie beschreibt sich selbst als einen wichtigen, führenden Teil dieses Rudels. Eine interessante Beobachtung sei, dass die Hunde deutlich mehr und unbeschwerter spielen, wenn sie und ihr Partner anwesend sind. Dies führt sie darauf zurück, dass die menschliche Präsenz Sicherheit vermittelt und den Hunden signalisiert: „Ihr könnt euch entspannen, wir regeln das, falls etwas eskaliert.“ Neue Hunde, die ins Rudel kommen, lernen primär durch Beobachtung und Nachahmung der anderen. Dennoch betont sie, dass Erziehung ein fortlaufender Prozess ist und bestehende Regeln immer wieder eingefordert werden müssen, da Hunde diese regelmäßig hinterfragen.
Die vier Führungselemente: Ein Modell für klare Kommunikation im Alltag
Um Menschen die Funktionsweise hündischer Kommunikation verständlich zu machen, hat Linda ein Modell mit vier „Führungselementen“ entwickelt. Diese Elemente sind Aspekte des täglichen Zusammenlebens, die von Hunden ständig zur Klärung der sozialen Ordnung genutzt werden und die Menschen für sich nutzen können:
- Energieverwaltung: Wie verhält sich der Hund in meiner Gegenwart? Ist er ruhig oder regt er sich auf? Ein souveräner Führer sorgt für eine ruhige Atmosphäre.
- Raumverwaltung: Wer beansprucht welchen Raum? Dazu gehört die Wahrung der Individualdistanz. Ein Hund, der ungefragt auf den Schoß springt oder seinen Menschen anrempelt, agiert respektlos.
- Vorgabe von Richtung und Tempo: Wer bewegt wen? Zieht der Hund an der Leine zum nächsten Grashalm oder folgt er der Richtung seines Menschen?
- Ressourcenverwaltung: Dies betrifft nicht nur Futter, sondern auch Spielzeug, Liegeplätze oder sogar den Menschen selbst. Wer kontrolliert den Zugang zu wichtigen Ressourcen?
Laut Linda führt die konsequente Beachtung dieser vier Punkte im Alltag zu einer fundamentalen Verbesserung der Beziehung und löst viele Probleme, da der Hund seinen Menschen als verlässlichen und souveränen Führer wahrnimmt.
Der problematische Zustand der Hundeszene
Im weiteren Verlauf des Gesprächs äußert sich Linda kritisch über die aktuelle Entwicklung in der Hundeszene. Die Tendenz, ausschließlich „positiv“ zu arbeiten und jegliche Form von Korrektur oder Grenzsetzung abzulehnen, hält sie für gefährlich. Dies führe zu Hunden, die nie gelernt haben, mit einem „Nein“ umzugehen, was zwangsläufig zu mehr Konflikten und Beißvorfällen führen wird. Sie warnt davor, dass dies letztendlich zu strengeren gesetzlichen Auflagen wie einer generellen Leinen- oder Maulkorbpflicht für alle Hundehalter führen könnte. Die übermäßige Vermenschlichung und der ungesunde Stellenwert, den Hunde in der Gesellschaft teilweise einnehmen - manchmal sogar über dem Partner oder den eigenen Kindern - sieht sie als Wurzel vieler Probleme.
Praktische Schritte für eine klare Beziehung im Alltag
Basierend auf den vier Führungselementen lassen sich konkrete Handlungsempfehlungen für den Alltag ableiten, um die Beziehung zu deinem Hund zu stärken:
- Verwalte deine persönliche Zone: Lass deinen Hund nicht ungefragt in deine Individualdistanz eindringen. Ein Anspringen, Anrempeln oder das rücksichtslose Fordern von Aufmerksamkeit sollte freundlich, aber bestimmt unterbunden werden.
- Sei der Initiator: Entscheide du, wann gespielt, gekuschelt oder trainiert wird. Wenn der Hund etwas fordert, ignoriere es kurz und starte die Interaktion wenige Augenblicke später von dir aus.
- Übernimm die Führung auf Spaziergängen: Du bestimmst die Richtung und das Tempo. Ein Hund, der permanent an der Leine zieht, hat die Führung übernommen.
- Setze dein „Nein“ konsequent durch: Ein „Nein“ ist keine freundliche Empfehlung. Es muss bedeuten, dass eine Handlung sofort und ohne Diskussion beendet wird.
- Schütze deinen Hund aktiv: Lass keine unkontrollierten Fremdhundekontakte zu. Indem du deinen Hund vor unangenehmen Situationen bewahrst, zeigst du ihm, dass er sich auf dich verlassen kann.