Mario Jessat über Führung, Korrektur und die Krise der modernen Hundeerziehung

Zusammengefasst von Anja Schirwinski
Seit meine Hündin Frida mit fünf Monaten aus einem rumänischen Shelter zu mir kam, beschäftige ich mich intensiv mit Hundethemen - von Alltagstraining bis Verhaltensbesonderheiten. Viele der Fragen, die in Podcasts besprochen werden, kenne ich aus unserer gemeinsamen Erfahrung nur zu gut. Deshalb fasse ich hier die für mich interessantesten Podcastfolgen zusammen und ergänze sie mit meinen eigenen Erlebnissen mit Frida. 
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In Episode 57 des Podcasts The Petfood Family spricht Gastgeber Jan Dießner mit Mario Jessat, einem Hundetrainer, Züchter und Buchautor, der mit einem großen Rudel Schäferhunde lebt. Seine jahrzehntelange Erfahrung, die tief in der Beobachtung natürlicher Rudelstrukturen verwurzelt ist, bietet eine ungeschönte und oft kontroverse Perspektive auf die moderne Hundewelt.

Die zentralen Themen der Episode sind das Konzept der echten Führung, die Notwendigkeit von Korrekturen in der Erziehung und die zunehmenden Probleme in der Hundeszene, die durch falsch verstandene Tierliebe und Social-Media-Druck entstehen. Das Gespräch richtet sich an alle Hundebesitzer, die nach ehrlichen, praxisnahen Antworten suchen und hinterfragt, warum bewährte Erziehungsprinzipien heute oft als Tabu gelten.

Das Wichtigste auf einen Blick

  • Führung ist ein Schutzversprechen: Laut Mario muss ein Hund seinem Menschen zutrauen, jede Situation regeln zu können („er sollte denken, du kannst alles“). Nur so kann der Mensch die Führung übernehmen und dem Hund Sicherheit geben.
  • Korrektur ist nicht Gewalt: Eine klare, faire und verständliche Korrektur ist ein normales Kommunikationsmittel, das auch Hunde untereinander anwenden. Sie ist notwendig, um unerwünschtes Verhalten zu unterbrechen und den Hund zu schützen.
  • Symptome zuerst behandeln: Bei gefährlichem Verhalten (z. B. Aggression) muss laut Mario zuerst das Symptom unterbunden werden („Lass das bitte!“), bevor man sich langwierig mit den Ursachen beschäftigt.
  • Die Hundehaltung hat sich verändert: Der Hund ist vom Arbeitstier zum „Seelentröster“ geworden. Diese Vermenschlichung führt oft dazu, dass Erziehung vernachlässigt wird, was zu Problemen im Alltag und Respektlosigkeit gegenüber anderen führt.
  • Trainer trauen sich nicht mehr, die Wahrheit zu sagen: Aus Angst vor negativen Reaktionen in den sozialen Medien weichen viele Trainer einer ehrlichen Auseinandersetzung mit dem Thema Korrektur aus. Mario plädiert dafür, wieder offen zu sagen, was in der Praxis wirklich funktioniert.
  • Gute Erziehung ist die Basis für ein freies Hundeleben: Nur ein Hund, der abrufbar ist und klare Grenzen kennt, kann die Freiheiten genießen, die er für ein artgerechtes Leben braucht. Fehlende Erziehung führt zu mehr Leinenzwang und Einschränkungen für alle.
  • Authentizität kann man lernen: Auch wenn man sich unsicher fühlt, kann man lernen, souverän aufzutreten. Ein Hund reagiert auf das durchgesetzte Verhalten, nicht nur auf die innere Gefühlslage des Menschen.

Führung durch das Rudel lernen: Das Schutzversprechen

Mario erklärt, dass sein Verständnis von Führung direkt aus der Beobachtung seines großen Hunderudels stammt. Ein wahrer Anführer, so Mario, strahlt Ruhe, Souveränität und Charisma aus. Entscheidend sei das „Schutzversprechen“: Der Hund müsse das Gefühl haben, dass sein Mensch jede Situation im Griff hat. „Er sollte nicht wissen, was du kannst. Er sollte denken, du kannst alles“, fasst Mario sein Leitprinzip zusammen.

In seinen Seminaren nutzt er sein Rudel, um dieses Prinzip erlebbar zu machen. Wenn er mit 10 bis 12 seiner Hunde auf ein Mensch-Hund-Team zugeht, entsteht eine immense natürliche Autorität. Der entscheidende Moment ist, wenn der Besitzer des fremden Hundes das Rudel auf Marios Kommando hin „wegschickt“. Für den Hund wirkt es, als hätte sein eigener Mensch die riesige Gruppe souverän kontrolliert. Dieses Erlebnis, so Mario, verändert die Beziehung fundamental und stärkt das Vertrauen des Hundes in seinen Besitzer enorm.

Der Stellenwert der Korrektur: Warum „Nein“ kein schlechtes Wort ist

Ein zentrales Thema der Diskussion ist die zunehmend negative Wahrnehmung von Korrekturen in der Hundeerziehung. Mario stellt klar, dass er zwischen einer fairen Korrektur und Gewalt unterscheidet. Rudelführer in seinem eigenen Rudel, erklärt er, setzen Regeln ebenfalls durch - oft mit minimalen, aber unmissverständlichen Signalen. Dieses Verhalten sei normal und überlebenswichtig.

Er kritisiert den Trend, jedes unerwünschte Verhalten ausschließlich positiv umformen zu wollen. Bei ernsten Problemen, wie Aggression gegenüber dem Halter, sei eine sofortige und klare Unterbrechung unerlässlich. Die langwierige Suche nach Ursachen könne warten: „Wenn der Hund versucht mich zu beißen, dann ist mir die Ursache doch scheißegal. Lass das bitte!“ Erst wenn das gefährliche Verhalten unterbunden ist, könne man tiefergehend analysieren. Versuche, einen aggressiven Hund nur mit Leckerlis zu managen, seien zum Scheitern verurteilt und unehrlich gegenüber dem Kunden.

Die moderne Hundeszene: Zwischen Vermenschlichung und Respektlosigkeit

Mario beobachtet einen Wandel in der Gesellschaft: Der Hund hat seinen Status als Nutztier verloren und ist zum emotionalen Begleiter und Familienersatz geworden. Diese enge emotionale Bindung ist für ihn verständlich, führt aber oft zu einer Vernachlässigung der Erziehung. „Wir geben zwar viel Liebe, aber die Erziehung vergessen wir komplett“, so seine Analyse. Dies führe zu einer wachsenden Zahl unerzogener Hunde und zunehmend respektlosem Verhalten unter Hundehaltern.

Als Paradebeispiel nennt er Hundebegegnungen, bei denen Besitzer ihre unkontrollierbaren Hunde einfach auf andere zulaufen lassen. Dies sei nicht nur gefährlich, sondern „völlig respektlos“ gegenüber dem Eigentum und der Privatsphäre des anderen. Er betont, dass gut erzogene Hunde soziale Interaktionen erst möglich machen und das Zusammenleben für alle erleichtern: „Wenn du ihn nicht erziehst, wird ihn keiner lieben.“

Die Verantwortung der Trainer: „Wir lügen nicht mehr“

Mario kritisiert, dass sich viele Hundetrainer dem Druck der öffentlichen Meinung beugen und sich nicht mehr trauen, unpopuläre Wahrheiten auszusprechen. Die Angst vor einem „Shitstorm“ in den sozialen Medien führe dazu, dass effektive, aber auf den ersten Blick streng wirkende Methoden nicht mehr gezeigt oder gelehrt werden. „Wir Trainer wehren uns nicht mehr“, sagt er und beschreibt eine Szene, in der Fachjargon und wissenschaftliche Erklärungen die fehlende praktische Wirksamkeit kaschieren sollen.

Zusammen mit seiner Lebensgefährtin Linda hat er deshalb den Entschluss gefasst: „Wir lügen nicht mehr.“ Das bedeutet, den Kunden ehrlich zu sagen, was nötig ist, um ein Problem zu lösen - auch wenn das bedeutet, eine klare Korrektur zu fordern. Er sieht es als Betrug am Kunden, Methoden zu empfehlen, von denen er weiß, dass sie im Ernstfall nicht funktionieren werden, nur um Beifall von der „positiv-Fraktion“ zu bekommen.

Praktische Schritte für eine klare Führung

Aus Marios Ausführungen lassen sich mehrere handlungsorientierte Prinzipien für den Alltag ableiten:

  1. Führung im Alltag etablieren: Führung beginnt nicht auf dem Hundeplatz, sondern in den eigenen vier Wänden. Klare Regeln (z. B. nicht als Erster durch die Tür, den Platz auf der Couch beanspruchen) schaffen eine verständliche Struktur für den Hund.
  2. Klare Signale nutzen: Ein Abbruchsignal (wie „Nein“) und ein zuverlässiger Rückruf sind die wichtigsten Werkzeuge. Sie müssen konsequent durchgesetzt werden, damit der Hund lernt, dass sie nicht verhandelbar sind.
  3. Souveränität ausstrahlen (auch wenn man sie nur spielt): Ein Hund reagiert auf klares, konsequentes Handeln. Auch wenn du dich innerlich unsicher fühlst, kann entschlossenes Auftreten dem Hund die nötige Sicherheit vermitteln, dass du die Situation im Griff hast.
  4. Respekt einfordern und geben: Stelle sicher, dass dein Hund andere Menschen und Hunde nicht belästigt. Fordere im Gegenzug dasselbe von anderen ein. Ein einfacher Rückruf ist das Mindestmaß an Höflichkeit und Sicherheit.
  5. Belohnung ehrlich meinen: Ein Lob sollte authentisch sein. Ein einfaches „Fein“ reicht für Alltägliches. Eine überschwängliche Freude ist angebracht, wenn der Hund eine wirklich große Herausforderung gemeistert hat - dann spürt er die ehrliche Anerkennung.

📌 Themen und Herausforderungen

Hinweis: Diese Zusammenfassung wurde mit Hilfe von KI aus dem Transkript der Podcast-Episode generiert und anschließend sorgfältig geprüft und redaktionell überarbeitet.
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