Zusammengefasst von Anja Schirwinski
Seit meine Hündin Frida mit fünf Monaten aus einem rumänischen Shelter zu mir kam, beschäftige ich mich intensiv mit Hundethemen - von Alltagstraining bis Verhaltensbesonderheiten. Viele der Fragen, die in Podcasts besprochen werden, kenne ich aus unserer gemeinsamen Erfahrung nur zu gut. Deshalb fasse ich hier die für mich interessantesten Podcastfolgen zusammen und ergänze sie mit meinen eigenen Erlebnissen mit Frida.
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In dieser Episode des Podcasts Hundsfa(e)lle sprechen die Hosts Yvonne Nawrat und Mustafa Irmak mit der promovierten Verhaltensbiologin und Hundetrainerin Dr. Marie Nitzschner. Als ehemalige Forscherin am Max-Planck-Institut und Mitgründerin der Hundetrainer-Ausbildung Kynologisch bringt sie eine wissenschaftliche Perspektive in die oft von Mythen und Meinungen geprägte Hundewelt.
Die Episode beleuchtet, was „wissenschaftlich fundiertes“ Hundetraining wirklich bedeutet, warum sich veraltete Trainingsmythen so hartnäckig halten und welche wissenschaftlichen Erkenntnisse für den Alltag jedes Hundehalters relevant sind. Es geht um die zentrale Frage, wie du als Hundehalter:in wissenschaftliche Erkenntnisse nutzen kannst, um deinen Hund besser zu verstehen und gleichzeitig lernst, Informationen kritisch zu hinterfragen und deinem eigenen Bauchgefühl zu vertrauen.
Das Wichtigste auf einen Blick
- „Wissenschaftlich fundiert“ ist kein Gütesiegel: Dr. Marie Nitzschner warnt davor, den Begriff als reines Qualitätsmerkmal zu sehen. Auch aversive Trainingsmethoden basieren auf wissenschaftlichen Lerngesetzen. Die entscheidende Frage ist daher nicht, ob eine Methode „wissenschaftlich“ ist, sondern ob sie ethisch und fair gegenüber dem Hund ist.
- Unterschätzte kognitive Fähigkeiten: Hunde verstehen menschliche Kommunikation und Absichten weitaus besser, als viele annehmen. Sie lernen zudem stark durch Beobachtung, was bedeutet, dass sie sich sowohl erwünschtes als auch unerwünschtes Verhalten von anderen Hunden abschauen können.
- Die Macht des authentischen Lobs: Studien mit Hirnscans zeigen, dass ein ehrlich gemeintes Lob im Belohnungszentrum des Gehirns vieler Hunde ähnlich starke Reaktionen auslösen kann wie eine Futterbelohnung.
- Vorsicht vor starren Regeln und Mythen: Weit verbreitete Annahmen wie der generelle „Welpenschutz“, die 5-Minuten-Spaziergangsregel pro Lebensmonat oder die Vorgabe von 20 - 22 Stunden Ruhe für Welpen haben keine wissenschaftliche Grundlage. Individuelle Beobachtung des Hundes ist wichtiger als dogmatische Regeln.
- Kritischer Umgang mit Studien: Eine einzelne Studie liefert nur einen Hinweis, keine universelle Wahrheit. Es ist entscheidend, die Methodik zu hinterfragen und keine pauschalen Rückschlüsse für das eigene Training zu ziehen.
- Vertraue deinem Bauchgefühl: In einer Welt voller widersprüchlicher Informationen ist es essenziell, ein Gefühl für den eigenen Hund zu entwickeln und eine:n Trainer:in zu wählen, bei dem oder der du dich wohlfühlst und der offen für verschiedene Ansätze ist.
- Informationen an der Quelle suchen: Um verzerrte Darstellungen zu vermeiden, empfiehlt es sich, Informationen möglichst direkt von Forschenden oder seriösen Wissenschaftskommunikator:innen zu beziehen.
„Wissenschaftlich fundiert“: Ein kritischer Blick auf einen Modebegriff
Zu Beginn der Diskussion stellt Marie klar, dass der Begriff „wissenschaftlich fundiertes Training“ oft missverständlich verwendet wird. Sie würde selbst nicht damit werben, da im Grunde jedes Training auf Lerngesetzen basiert - auch solches, das mit positiver Strafe wie einem Leinenruck arbeitet. Laut Marie ist die Anwendung solcher Methoden daher weniger eine wissenschaftliche als vielmehr eine ethische Frage. Anstatt nach einem „wissenschaftlichen“ Label zu suchen, sollten Hundehalter:innen darauf achten, ob der Umgang mit dem Hund fair, nett und ethisch vertretbar ist. Die Behauptung, es gäbe nur eine einzige richtige Methode, sollte immer skeptisch machen.
Die unterschätzten kognitiven Fähigkeiten des Hundes
Marie betont, wie wichtig es für Hundehalter:innen ist, die kognitiven Fähigkeiten ihres Tieres zu verstehen. Hunde sind darauf angewiesen, dass Menschen mit ihnen kommunizieren und sie anleiten. Sie können sehr gut verstehen, ob wir etwas absichtlich tun oder nicht, und sich flexibel an unser Verhalten anpassen. Ein besonders relevanter Aspekt ist das soziale Lernen (Lernen durch Beobachtung). Hunde können Verhaltensweisen von anderen Hunden übernehmen, indem sie diese einfach nur beobachten. Mustafa und Yvonne ergänzen, dass dies leider auch für unerwünschtes Verhalten gilt, wie zum Beispiel Leinenpöbeln. Daher sei es ratsam, sich erst dann einen Zweithund anzuschaffen, wenn beim Ersthund keine größeren „Baustellen“ mehr vorhanden sind.
Hartnäckige Trainingsmythen und die Psychologie dahinter
Im Gespräch werden mehrere Mythen thematisiert, die sich hartnäckig in der Hundewelt halten, wie die Rudeltheorie oder der angebliche „Welpenschutz“. Marie erklärt, dass Menschen einfache Wahrheiten und klare Rezepte lieben und es ihnen schwerfällt, einmal gefasste Meinungen zu ändern. Dies führe dazu, dass solche Mythen unreflektiert weitergegeben werden.
Zwei weitere Beispiele werden intensiv diskutiert:
- Die 20-22-Stunden-Ruhe-Regel für Welpen: Marie stellt klar, dass diese Zahlen überhöht sind. Studien an erwachsenen Hunden deuten auf 12 bis 16 Stunden Ruhe pro Tag hin, wobei auch leichtes Dösen mitgezählt wird. Viel wichtiger als eine starre Stundenzahl sei es, den Welpen zu beobachten. Zeigt er Anzeichen von Überforderung, braucht er mehr Ruhe. Man sollte ihm die Möglichkeit geben, zur Ruhe zu kommen, und ihn nicht stören, wenn er von sich aus ruht.
- Die 5-Minuten-Spaziergangsregel: Die Regel, pro Lebensmonat nur fünf Minuten am Stück spazieren zu gehen, bezeichnet Marie als „totalen Quatsch“. Sie zitiert den Bewegungswissenschaftler Prof. Dr. Martin Fischer, der bestätigt, dass es hierfür keinerlei wissenschaftliche Grundlage gibt. Ein moderates Maß an Belastung sei sogar wichtig für die Entwicklung. Auch hier gilt: Den Welpen gut beobachten und ihm Pausen gönnen, wenn er müde wird, anstatt sich an eine willkürliche Zeitvorgabe zu halten.
Der richtige Umgang mit Studien: Ein Fallbeispiel
Marie warnt davor, aus einzelnen Studien dogmatische Trainingsregeln abzuleiten. Als Beispiel nennt sie eine Studie, die suggerierte, dass spielerische Aktivität nach dem Training dem Lernerfolg zuträglicher sei als Ruhe. Bei genauerer Betrachtung der Studie zeigt sich laut Marie jedoch ein differenzierteres Bild: Die „Ruhegruppe“ durfte den Kopf 30 Minuten lang nicht ablegen und war daher nicht wirklich entspannt. Die „Spielgruppe“ wiederum verbrachte den Großteil der Zeit mit ruhigem Spazierengehen und Schnüffeln, was ebenfalls dem Stressabbau dient. Dieses Beispiel verdeutlicht, wie schnell Ergebnisse verzerrt und übervereinfacht werden, wenn der Kontext und die Methodik einer Studie nicht berücksichtigt werden. Eine einzelne Studie liefere bestenfalls einen Hinweis, aber keine allgemeingültige Wahrheit.
Praktische Tipps für den informierten Hundehalter
Wie kann man als Hundehalter:in nun einen guten Weg durch den Dschungel an Informationen finden? Marie gibt konkrete, handlungsorientierte Ratschläge:
- Vertraue deinem Bauchgefühl: Das wichtigste Kriterium bei der Wahl einer Hundeschule oder eines Trainingsansatzes ist, ob du dich damit wohlfühlst. Wenn der Ton oder der Umgang nicht passt, ist es besser, eine Alternative zu suchen.
- Sei kritisch gegenüber einfachen Antworten: Sei skeptisch, wenn jemand behauptet, die einzig wahre Methode zu kennen. Ein guter Trainer wird anerkennen, dass es immer mehrere Wege zum Ziel gibt.
- Beobachte deinen Hund individuell: Lerne, die Signale und Bedürfnisse deines Hundes zu lesen. Das ist wertvoller als das Befolgen starrer Regeln, die möglicherweise nicht zu deinem Hund passen.
- Nutze die Kraft des authentischen Lobs: Verbale Anerkennung und echte Freude über das Verhalten deines Hundes sind ein mächtiges und oft unterschätztes Trainingswerkzeug.
- Informiere dich an der Quelle: Um verzerrte Informationen zu vermeiden, empfiehlt Marie, sich direkt bei Forschenden (z. B. durch das Verfolgen von Forschungsgruppen auf Social Media) oder über Formate wie die „Science Series“ von KynoLogisch zu informieren.
- Vermeide Informationsüberflutung: Die schiere Menge an Ratschlägen, insbesondere auf Social Media, kann zu Verunsicherung und einem schlechten Gewissen führen. Konzentriere dich darauf, einen Weg zu finden, der für dich und deinen Hund funktioniert, anstatt dem Gefühl nachzujagen, „alles falsch zu machen“.