Zusammengefasst von Anja Schirwinski
Seit meine Hündin Frida mit fünf Monaten aus einem rumänischen Shelter zu mir kam, beschäftige ich mich intensiv mit Hundethemen - von Alltagstraining bis Verhaltensbesonderheiten. Viele der Fragen, die in Podcasts besprochen werden, kenne ich aus unserer gemeinsamen Erfahrung nur zu gut. Deshalb fasse ich hier die für mich interessantesten Podcastfolgen zusammen und ergänze sie mit meinen eigenen Erlebnissen mit Frida.
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In Folge 58 des Podcasts The Pet Food Family spricht Host Jan Dießner mit der Hundetrainerin und Autorin Vanessa Engelstädter. Im Zentrum des Gesprächs steht ihre Philosophie, dass das Zusammenleben mit einem Hund weit über klassisches Training hinausgeht. Es ist ein intensiver Austausch, in dem die Gefühle, Denkweisen und Erwartungen des Menschen eine entscheidende Rolle spielen.
Diese Episode richtet sich an alle Hundehalter, die erkennen, dass Trainingsmethoden allein oft nicht ausreichen. Sie beleuchtet die tiefere Ebene der Mensch-Hund-Beziehung und ergründet die zentrale Frage: Wie beeinflusst unser eigenes Menschsein das Verhalten unseres Hundes und wie können wir durch ehrliche Selbstreflexion zu einem harmonischeren Miteinander finden?
Das Wichtigste auf einen Blick
- Starke Hunde treffen eigene Entscheidungen: Vanessa definiert einen starken Hund als ein Lebewesen, das fähig ist, in Konflikt- oder Stresssituationen eigenständig gute Entscheidungen zu treffen. Das Fördern dieser Selbstwirksamkeit ist ein zentraler Baustein für einen resilienten Hund.
- Dein Hund ist dein Spiegel: Viele Verhaltensprobleme beim Hund sind in Wahrheit auf die Emotionen, Ängste und unbewussten Erwartungen des Menschen zurückzuführen. Der Hund spiegelt oft die Themen wider, mit denen der Mensch selbst kämpft.
- Selbstreflexion ist das mächtigste Werkzeug: Anstatt nur am Hund zu arbeiten, ist der Blick nach innen entscheidend. Die Frage „Warum triggert mich das Verhalten meines Hundes so sehr?“ führt oft schneller zur Lösung als jede Trainingsmethode.
- Schwächen sind übertriebene Stärken: Eine Schwäche ist oft nur die Kehrseite einer Medaille. Ein chaotischer Mensch kann ein Improvisationstalent sein, ein reaktiver Hund ist extrem aufmerksam. Diese Perspektive fördert Akzeptanz und Verständnis.
- Aggression ist Kommunikation: Aggressives Verhalten ist ein natürlicher und oft notwendiger Teil der Kommunikation, um Grenzen zu setzen. Unsere gesellschaftlich negative Prägung dieses Themas führt zu Missverständnissen im Umgang mit Hunden.
- Ein guter Trainer coacht den Menschen: Modernes Hundetraining ist oft Menschentraining. Es geht darum, den Menschen zu befähigen, seine eigenen Kompetenzen zu erkennen und seine emotionale Verfassung zu regulieren, anstatt ihm nur Techniken zu vermitteln.
Resilienz und Selbstwirksamkeit: Was einen Hund wirklich stark macht
Vanessa, Autorin des Buches „Resilienz bei Hunden“, argumentiert, dass die Stärke eines Hundes nicht in blindem Gehorsam, sondern in seiner Fähigkeit liegt, eigene, angemessene Entscheidungen zu treffen. Ein resilienter Hund kann mit Stress, Konflikten und Reizen konstruktiv umgehen. Diese Fähigkeit ist teils genetisch bedingt - Vanessa verweist hier auf die natürliche Selektion bei Auslandshunden - aber zu einem großen Teil durch Lernerfahrungen geprägt.
Entscheidend ist das Konzept der Selbstwirksamkeit: die Erfahrung, durch eigenes Handeln ein Problem lösen zu können. Dies beginnt laut Vanessa schon im Welpenalter, etwa wenn ein Welpe selbstständig zur Zitze der Mutter robben muss, anstatt direkt dort hingelegt zu werden. Hunde, denen im Rahmen sicherer Grenzen erlaubt wird, eigene Lösungsstrategien zu entwickeln, bauen ein Repertoire an Fähigkeiten auf, das sie für ihr gesamtes Leben stärkt.
Der Mensch als Spiegel: Wenn Hundetraining zur Selbstreflexion wird
Ein zentraler Punkt der Diskussion ist die enorme Rolle des Menschen. Vanessa betont, dass „das Menschsein stets mit einfließt“. Viele als „Problemverhalten“ deklarierte Aktionen des Hundes sind eine direkte Reaktion auf die Verfassung des Menschen. Sie schildert das Beispiel eines Kunden, der über hohe Führungskompetenz verfügt, diese aber komplett verliert, sobald sein Hund an der Leine pöbelt - aus reiner Angst davor, was andere Menschen denken könnten.
Der Hund wird so zum „unverstellten Blick in den Spiegel“. Er konfrontiert den Menschen mit seinen eigenen Unsicherheiten, seinem Perfektionismus oder seiner Wut. Anstatt das Verhalten des Hundes mit immer mehr Training zu unterdrücken, plädiert Vanessa dafür, hinter den Vorhang zu schauen und die eigenen „kleinen Dämonen“ zu erkennen. Dieser Prozess kann schmerzhaft sein, da er die eigene Komfortzone verlässt, birgt aber das größte Wachstumspotenzial für das Mensch-Hund-Team.
Die Rolle des modernen Hundetrainers: Mehr Coach als Dompteur
Aus dieser Philosophie ergibt sich ein neues Rollenbild für Hundetrainer. Vanessa beschreibt ihre Arbeit oft als „Menschentraining“. Es geht darum, Menschen empathisch dort abzuholen, wo sie stehen, und sie dabei zu unterstützen, ihre eigenen Themen zu erkennen. Ein guter Coach zwingt seine Sichtweise nicht auf, sondern lädt den Kunden ein, gemeinsam „hinter den Vorhang zu schauen“.
Sie betont jedoch auch, dass nicht jeder Trainer diesen Coaching-Ansatz verfolgen muss. Wichtig sei Authentizität: Ein Trainer, dessen Stärke im Dummytraining oder der Zielobjektsuche liegt, kann in diesem Bereich enorm wertvolle Arbeit leisten. Problematisch wird es, wenn Trainer ihre eigenen Grenzen nicht kennen oder ihre Frustration an den Kunden auslassen und diese mit dem Gefühl zurücklassen, alles falsch zu machen.
Aggression als Kommunikation: Ein missverstandenes Werkzeug
Vanessa kritisiert das gesellschaftliche Tabu rund um das Thema Aggression. Sie erklärt, dass Aggression in der Tierwelt und auch beim Menschen ein legitimes und wichtiges Kommunikationsmittel ist, um Grenzen zu setzen und für Klarheit zu sorgen. Das Problem entsteht, wenn Menschen Aggression ausschließlich mit unkontrollierter Wut und Bösartigkeit gleichsetzen.
Sie unterscheidet klar zwischen emotionaler, unkontrollierter Aggression und dem bewussten, angemessenen Einsatz von körpersprachlicher Härte, um eine klare Botschaft zu senden. Anhand eines Beispiels mit einem dominanten Rottweiler aus dem Tierheim erläutert sie, wie das bewusste Einnehmen von Raum - eine Form von Aggression - in manchen Situationen für Sicherheit und Verständigung sorgt. Der Hund sei oft ein „missverstandenes Lebewesen“, weil natürliche Verhaltensweisen wie diese nicht mehr akzeptiert werden.
Der Werkzeugkasten der Trainerin: Ein Plädoyer für die „Mitte“
Auf die Frage nach ihrer Position in der oft polarisierten Hundetrainer-Szene verortet sich Vanessa in der „Mitte“. Ihr Werkzeugkasten enthält alle denkbaren Methoden, von positiver Verstärkung bis hin zu aversiven Mitteln. Der entscheidende Punkt sei jedoch nicht das Werkzeug selbst, sondern „derjenige, der es anwendet“. Sie würde einem emotional instabilen oder wütenden Menschen niemals ein aversives Werkzeug an die Hand geben, selbst wenn es der schnellere Weg wäre. Die Anwendung muss immer auf einer Basis von Verständnis, Wohlwollen und emotionaler Regulation des Menschen stattfinden.
Praktische Schritte zur Selbstreflexion und einem besseren Miteinander
- Übe den Perspektivwechsel: Wenn dein Hund ein unerwünschtes Verhalten zeigt, frage dich nicht nur, wie du es abstellen kannst, sondern auch: „Was könnte die Perspektive meines Hundes sein? Welches Bedürfnis versucht er gerade zu erfüllen?“
- Erkenne deine eigenen Trigger: Beobachte dich in kritischen Situationen. Welche Emotionen spürst du - Wut, Scham, Angst? Frage dich, warum genau dieses Verhalten deines Hundes dich so stark emotional berührt. Liegt die Ursache vielleicht in dir?
- Nimm den „Vergrößerungsspiegel“ an: Sei mutig genug, deine eigene Rolle in der Situation zu hinterfragen. Oft ist die Dynamik mit dem Hund ein Spiegelbild deiner eigenen Themen und Unsicherheiten.
- Konzentriere dich auf Stärken: Akzeptiere, dass Schwächen oft nur übertriebene Stärken sind - bei dir und deinem Hund. Ein hochreaktiver Hund ist auch extrem aufmerksam. Diese Sichtweise hilft, mit mehr Gelassenheit und Wertschätzung auf dein Tier zu blicken.
- Schaffe kleine Inseln der Ruhe: Bevor du in einer stressigen Situation impulsiv reagierst, nutze den Rat von Vanessa: „Einfach atmen.“ Halte für einen Moment inne, lass die Schultern fallen und nimm einen tiefen Atemzug. Das trainiert deine eigene Impulskontrolle und ermöglicht eine klarere Reaktion.