Zusammengefasst von Anja Schirwinski
Seit meine Hündin Frida mit fünf Monaten aus einem rumänischen Shelter zu mir kam, beschäftige ich mich intensiv mit Hundethemen - von Alltagstraining bis Verhaltensbesonderheiten. Viele der Fragen, die in Podcasts besprochen werden, kenne ich aus unserer gemeinsamen Erfahrung nur zu gut. Deshalb fasse ich hier die für mich interessantesten Podcastfolgen zusammen und ergänze sie mit meinen eigenen Erlebnissen mit Frida.
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In dieser Episode des Podcasts HUNDESTUNDE spricht Moderatorin Conny Sporrer mit Nora Koj, einer Grundschullehrerin und stellvertretenden Schulleiterin, über den anspruchsvollen, aber lohnenden Einsatz von Schulhunden. Gemeinsam mit ihrem sechsjährigen Golden-Retriever-Rüden Buddy gibt Nora tiefe Einblicke in die Voraussetzungen, die Ausbildung, den strukturierten Schulalltag und die positiven Effekte, die ein Hund auf das Lernumfeld und die Entwicklung von Kindern haben kann.
Die Folge richtet sich an Lehrkräfte, Eltern und alle Hundefreunde, die verstehen möchten, was einen professionellen Schulhund ausmacht, welche Hunde für diese Aufgabe geeignet sind und wie ein tierschutzkonformer und pädagogisch wertvoller Einsatz in der Praxis aussieht. Es ist die letzte Episode mit Co-Moderator Marc Eichstedt.
Das Wichtigste auf einen Blick
- Professionalität ist entscheidend: Ein Schulhund ist nicht einfach ein Haustier, das zur Arbeit mitgebracht wird. Ein erfolgreicher Einsatz erfordert ein ausgebildetes Mensch-Hund-Team, ein durchdachtes pädagogisches Konzept und die Zustimmung der Schulleitung.
- Der Charakter zählt, nicht die Rasse: Wichtiger als die Rasse sind Wesensmerkmale wie Gesundheit, Gelassenheit, eine optimistische Grundeinstellung gegenüber Menschen und die Freude an der Zusammenarbeit. Auch ein sorgfältig ausgewählter Hund aus dem Tierschutz kann laut Nora geeignet sein.
- Struktur schützt den Hund: Ein klar geregelter Alltag mit festen Routinen, ausreichend Pausen und einem sicheren Rückzugsort ist unerlässlich, um den Hund vor Überforderung und Stress zu schützen.
- Die bloße Anwesenheit wirkt: Oft entfaltet der Hund seine größte pädagogische Wirkung allein durch seine ruhige und unvoreingenommene Präsenz. Er muss nicht ständig aktiv in den Unterricht eingebunden werden oder Tricks vorführen.
- Kinder lernen Empathie und Rücksichtnahme: Die Notwendigkeit, auf die Bedürfnisse des Hundes (z. B. Ruhe) Rücksicht zu nehmen, fördert bei Kindern nachweislich das Verantwortungsbewusstsein und die soziale Kompetenz.
- Qualitätssicherung ist ein Muss: Da es in Deutschland keine einheitlichen gesetzlichen Regelungen gibt, empfiehlt Nora, sich an den Standards von Netzwerken wie dem Qualitätsnetzwerk Schulbegleithunde (QNS) zu orientieren, um einen artgerechten und sicheren Einsatz zu gewährleisten.
- Herausforderungen sind lösbar: Bedenken wie Allergien, Ängste oder kulturelle Vorbehalte können durch transparente Kommunikation, ein klares Hygienekonzept und eine schrittweise, sensible Heranführung meist gut gehandhabt werden.
Vom Haustier zum pädagogischen Partner: Was einen Schulhund ausmacht
Nora stellt zu Beginn klar, dass ein Hund, der sich lediglich auf dem Schulgelände aufhält, noch lange kein Schulhund im pädagogischen Sinne ist. Im Gegensatz zu einer Anekdote aus den 50er Jahren, in der der Hund des Direktors frei auf dem Hof lief, erfordert der moderne Einsatz ein professionelles Fundament. Dies beginnt bei der Schulleitung, die dem Einsatz zustimmen muss, und mündet in einer qualifizierten Ausbildung. Nora betont, dass nicht der Hund allein, sondern immer das Mensch-Hund-Team ausgebildet wird. Die Ausbildung vermittelt essenzielles kynologisches Wissen - etwa das Lesen von Körpersprache und Stresssignalen - und hilft dabei, die Stärken des eigenen Hundes zu erkennen und ihn stärkenorientiert einzusetzen. Sie empfiehlt, sich an Initiativen wie dem Qualitätsnetzwerk Schulbegleithunde (QNS) zu orientieren, das sich für einheitliche Qualitätsstandards einsetzt.
Die Auswahl des richtigen Hundes: Charakter vor Rasse
Die Wahl fiel bei Nora auf den Golden Retriever Buddy, da sie sich einen ruhigen und ausgeglichenen Hund wünschte. Sie achtete auf eine Zucht, die Wert auf Wesensfestigkeit und Gesundheit legt. Heute ist sie jedoch überzeugt, dass auch ein Mischling aus dem Tierschutz bei entsprechender Begleitung durch Experten ein wunderbarer Schulhund sein kann. Die entscheidenden Kriterien sind individuell und nicht an eine Rasse gebunden. Ein potenzieller Schulhund sollte laut Nora folgende Eigenschaften mitbringen:
- Gesundheit: Ein Hund mit Schmerzen kann unvorhersehbar reagieren und ist für den Einsatz ungeeignet.
- Positive Grundeinstellung: Er sollte Freude an der Zusammenarbeit mit seinem Menschen haben und Menschen gegenüber optimistisch, aber nicht aufdringlich sein.
- Stresstoleranz: Eine hohe Reizschwelle und geringe Geräuschempfindlichkeit sind in einem lauten Schulumfeld unerlässlich.
- Stabile Bindung: Der Hund muss seinen Menschen als sicheren Hafen betrachten, um mit den Herausforderungen des Schulalltags umgehen zu können.
Das Geschlecht des Hundes spielt dabei eine untergeordnete Rolle, auch wenn die Läufigkeit bei Hündinnen eine besondere Herausforderung darstellen kann.
Ein typischer Schultag mit Buddy: Struktur, Routine und Wohlbefinden
Buddys Einsatztag ist sorgfältig geplant, um sein Wohlbefinden zu sichern. Er ist nur an einem Tag pro Woche in der Schule. Der Tag beginnt entspannt und folgt festen Routinen. Im Klassenzimmer bereiten Kinder im Rahmen des „Buddydienstes“ seinen Ruheplatz vor. Während des Unterrichts ist Buddy oft einfach nur anwesend. Nora erklärt, dass er sich frei im Raum bewegen und selbst entscheiden darf, wo er sich hinlegt. Oft sucht er die Nähe von Kindern, die traurig oder unruhig wirken, und spendet allein durch seine Anwesenheit Trost. Aktive Einsätze sind kurz und positiv gestaltet, etwa wenn er am Ende einer Stunde einen kleinen Trick zeigt oder als Feedback-Geber fungiert. Zwischen den Unterrichtseinheiten gibt es ausreichend Pausen, in denen er sich in Noras Büro zurückziehen, schlafen oder bei einem Spaziergang entspannen kann. Diese Struktur hilft ihm, die vielen Reize zu verarbeiten und verhindert Überlastung.
Die Wirkung auf die Kinder: Mehr als nur ein tierischer Begleiter
Die Anwesenheit von Buddy hat vielfältige positive Effekte auf die Schülerinnen und Schüler. Nora berichtet, dass die Kinder lernen, leiser zu sein und Rücksicht zu nehmen, um den Hund nicht zu stören. Dieses Verantwortungsgefühl überträgt sich auch auf den Umgang miteinander. Anstatt abzulenken, scheint Buddy die Konzentration eher zu fördern; ein kurzer Blick zum schlafenden Hund kann für Kinder eine hilfreiche, fokussierende Mikropause sein. Besonders eindrücklich ist die Geschichte einer Schülerin, die durch den sanften Kontakt zu Buddy ihre massive Angst vor Hunden überwinden konnte. Der Hund fungiert als „sozialer Katalysator“: Er bewertet die Kinder nicht nach Noten oder Aussehen und schafft eine entspannte, positive Lernatmosphäre.
Herausforderungen und Rahmenbedingungen: Ein Konzept ist unerlässlich
Der Einsatz eines Schulhundes bringt auch Herausforderungen mit sich. Themen wie Allergien, Ängste bei Kindern oder kulturelle Vorbehalte müssen ernst genommen und proaktiv angegangen werden. Nora erklärt, dass die meisten Bedenken durch transparente Kommunikation und ein durchdachtes Konzept ausgeräumt werden können. Ein solches Konzept, dessen Erstellung Teil der Ausbildung ist, umfasst unter anderem einen detaillierten Hygieneplan, einen Notfallplan und klare Regeln für den Umgang mit dem Hund. So gibt es zum Beispiel ausgewiesene hundefreie Zonen in der Schule. Entscheidend ist das Einverständnis und die Unterstützung der Schulleitung und des Kollegiums. Nur in einem wertschätzenden Umfeld kann tiergestützte Pädagogik ihre volle positive Wirkung entfalten.
Praktische Schritte für den Einsatz eines Schulhundes
Für Lehrkräfte, die über den Einsatz eines eigenen Hundes in der Schule nachdenken, fasst Nora die wichtigsten Schritte zusammen:
- Zustimmung einholen: Das erste und wichtigste Gespräch muss mit der Schulleitung geführt werden, da diese das Hausrecht hat und das Vorhaben genehmigen muss.
- Eignung prüfen: Reflektiere ehrlich, ob dein Hund die nötige Gelassenheit, Gesundheit und Freude an der Interaktion mit vielen Menschen mitbringt. Ein Hund sollte mindestens die Pubertät abgeschlossen haben, bevor er eingesetzt wird.
- Qualifizierte Ausbildung suchen: Wähle eine Ausbildung für das Mensch-Hund-Team, die auf positiver Verstärkung basiert und von erfahrenen Trainer:innen und Pädagog:innen geleitet wird. Das QNS bietet hier eine gute Orientierung.
- Ein schriftliches Konzept erstellen: Arbeite ein detailliertes Konzept aus, das pädagogische Ziele, Einsatzpläne, Hygienemaßnahmen, Notfallpläne und klare Verhaltensregeln für alle Beteiligten festhält.
- Langsame Eingewöhnung: Gewöhne den Hund schrittweise und ohne Kinder an das Schulgebäude, die Geräusche und die Räumlichkeiten, damit er den Ort mit Ruhe verknüpfen kann.
- Transparente Kommunikation: Informiere Eltern, Kollegium und Kinder frühzeitig und umfassend über das Projekt. Beantworte Fragen und gehe auf Sorgen und Bedenken aktiv ein.
- Wohlbefinden des Hundes priorisieren: Beobachte deinen Hund während der Einsätze genau. Achte auf feine Stresssignale und passe die Einsatzdauer und -intensität immer an seine Tagesform an. Weniger ist oft mehr.