Tierschutzhund, Lieblingshund: Einblicke in eine Welt voller Mythen, Erwartungen und Herzensangelegenheiten

In dieser Episode des Podcasts Hundsf(a)elle sprechen die Moderatoren Yvonne Nawrat und Mustafa Irmak mit zwei erfahrenen Expertinnen im Tierschutz: Ursula Löckenhoff und Simone Sombecki. Anlass ist ihr gemeinsames Buch „Tierschutzhund Lieblingshund: Einschätzen, eingewöhnen, erziehen - vom ersten Kennenlernen bis zur engen Bindung“, das als Leitfaden für alle dient, die sich mit dem Gedanken tragen, einem Hund aus dem Tierschutz ein Zuhause zu geben.

Die Diskussion beleuchtet die vielschichtigen Realitäten des Tierschutzes, räumt mit hartnäckigen Mythen auf und hinterfragt die oft emotional aufgeladene Haltung des „Rettens“. Im Zentrum steht die Frage: Wie kann die Adoption eines Tierschutzhundes zu einer erfüllenden Partnerschaft für Mensch und Tier werden? Die Episode ist eine unverzichtbare Ressource für angehende und erfahrene Hundehalter, die lernen möchten, die Bedürfnisse von Tierschutzhunden wirklich zu verstehen und ihnen mit Klarheit, Geduld und Respekt zu begegnen.

Das Wichtigste auf einen Blick

  • Tierschutz ist mehr als Retten: Effektiver Tierschutz geht über die reine Vermittlung hinaus und umfasst nachhaltige Arbeit vor Ort, wie Kastrationsprojekte, politische Aufklärung und die Zusammenarbeit mit der lokalen Bevölkerung.
  • Der Mythos der Dankbarkeit: Die Erwartung, ein geretteter Hund müsse dankbar sein, ist einer der häufigsten Fehler. Ein Hund wird aus seiner gewohnten Umgebung gerissen und benötigt Zeit, Vertrauen und klare Strukturen, nicht Mitleid.
  • Ein Hund ist ein Hund: Tierschutzhunde unterscheiden sich nicht grundlegend von anderen Hunden. Sie bringen jedoch einen „Koffer“ voller individueller Erfahrungen mit, den es zu verstehen und zu respektieren gilt.
  • Ältere Hunde als Chance: Ein erwachsener Tierschutzhund, dessen Charakter bereits gefestigt ist, kann für viele Menschen eine passendere und einfachere Wahl sein als ein Welpe, dessen Entwicklung noch ungewiss ist.
  • Verantwortung der Vereine: Ein seriöser Tierschutzverein übernimmt ein Hundeleben lang Verantwortung, bietet Unterstützung nach der Vermittlung und vermittelt Tiere nicht einfach anhand eines Fotos, ohne die Passung zu prüfen.
  • Erziehung beginnt am ersten Tag: Erziehung bedeutet, von Anfang an klare Werte und Regeln zu vermitteln, die dem Hund Sicherheit und Orientierung geben. Formales Training wie „Sitz“ und „Platz“ ist demgegenüber oft zweitrangig.
  • Kommunikation ist der Schlüssel: Anstatt unerwünschtes Verhalten als „Macke“ abzustempeln, sollte es als Kommunikationsversuch des Hundes verstanden werden. Knurren ist beispielsweise eine wichtige Warnung, kein grundloses Fehlverhalten.

Die wahre Bedeutung von Tierschutz: Zwischen Emotion und Nachhaltigkeit

Zu Beginn der Episode formulieren Ursula und Simone drei zentrale Wünsche für die Hundewelt: das Loslassen veralteter Traditionen wie der Silvesterböllerei, das Ablegen von Vorurteilen gegenüber Tierschutzhunden und vor allem die Forderung, dass Tierschutzvereine eine lebenslange Verantwortung für ihre Schützlinge übernehmen. Dieser letzte Punkt leitet eine kritische Diskussion über die Praktiken im Tierschutz ein. Besonders die sogenannte Direktvermittlung aus dem Ausland anhand von Fotos wird kritisch gesehen. Mustafa berichtet von Fällen, in denen Adoptanten nach der Ankunft des Hundes bei Problemen alleingelassen wurden. Ein seriöser Verein, so betont Yvonne, bietet auch nach der Vermittlung Unterstützung und lässt die neuen Halter nicht im Stich.

Ein zentrales Thema ist die emotionale Aufladung des Begriffs „retten“. Ursula erklärt, dass viele Menschen aus dem Gefühl heraus handeln, einen „armen Hund“ zu retten, was zu einer übermäßigen Erwartungshaltung an das Tier führt. Die Vorstellung, der Hund müsse nun für immer dankbar sein, ignoriert seine Perspektive: Er wird aus seiner vertrauten Umgebung - selbst wenn es ein Tierheim war - herausgerissen und muss sich in einer völlig neuen Welt zurechtfinden. Statt eines „Retters“ benötigt er einen verlässlichen Partner, der ihm mit klaren Strukturen und Geduld begegnet.

Simone ergänzt, dass nachhaltiger Tierschutz weit über die Vermittlung einzelner Hunde hinausgeht. Es geht um Aufklärungsarbeit in den Herkunftsländern, um Kastrationsprojekte zur Eindämmung der Population und um politische Arbeit, um Tierschutzgesetze zu verbessern. Nur so könne das Problem an der Wurzel gepackt werden.

Erwartungen vs. Realität: Der Hund mit dem Koffer

Die Expertinnen betonen, dass ein Tierschutzhund im Kern ein Hund wie jeder andere ist. Der wesentliche Unterschied liegt in seiner Vorgeschichte, die Simone bildhaft als „Koffer“ beschreibt. Jeder Hund bringt diesen Koffer mit, dessen Inhalt - gute wie schlechte Erfahrungen - sein Verhalten prägt. Manche Hunde lassen ihren Koffer verschlossen, andere packen ihn erst aus, wenn sie sich sicher fühlen und mehr Freiheiten bekommen.

Die Aufgabe des Menschen ist es, neugierig auf den Inhalt dieses Koffers zu sein und dem Hund im Hier und Jetzt zu begegnen. Es geht darum, durch Beobachtung und Kommunikation herauszufinden, wer dieser Hund als Individuum ist, anstatt zu versuchen, ihn in eine vorgefertigte Schablone zu pressen. Ursula schildert eindrücklich den Fall einer Frau, die ihren Galgo - anders als ihre Huskies - sofort auf das Sofa ließ und sich dann wunderte, als dieser anfing, das Sofa als seine Ressource zu verteidigen. Dies zeigt, wie das Mitleid mit dem „armen Tierschutzhund“ dazu führen kann, dass grundlegende Regeln der Hundeerziehung vernachlässigt werden, was wiederum zu Problemen führt.

Die Ankunftsphase: Zeit, Raum und klare Führung

Die erste Zeit nach der Ankunft eines Tierschutzhundes ist entscheidend. Simone berichtet von ihrer neu aufgenommenen Hündin Linchen und unterstreicht, wie wichtig es ist, dem Hund Zeit und Raum zum Ankommen zu geben. Anstatt ihn mit Reizen zu überfluten, braucht er einen strukturierten Alltag und klare Regeln, die ihm Sicherheit vermitteln. Ein einfaches, aber wirksames Hilfsmittel ist laut Ursula die Hausleine, die eine sanfte Führung im Haus ermöglicht, ohne den Hund körperlich bedrängen zu müssen.

In dieser Phase ist der Mensch vor allem als Beschützer und verlässlicher Führer gefragt. Simone erklärt, dass sie für Linchen einstand, als Besuch kam, und so klarstellte, dass sie die Situation kontrolliert. Dies baut Vertrauen auf und zeigt dem Hund, dass er sich auf seinen Menschen verlassen kann. Es geht nicht darum, den Hund in Watte zu packen, sondern ihn souverän durch neue Situationen zu leiten und ihm zu zeigen, wie das Leben im neuen Zuhause funktioniert.

Erziehung als Dialog: Werte vermitteln statt Kommandos pauken

Auf die Frage, wann die Erziehung beginnen sollte, geben die Expertinnen eine differenzierte Antwort. Sie unterscheiden klar zwischen Erziehung und Training. Erziehung, verstanden als das Vermitteln von Werten und grundlegenden Regeln des Zusammenlebens, beginnt vom ersten Tag an. Ursula nennt drei Kernregeln, die in jedem Haushalt gelten sollten: Der Mensch hat Vorrang, es darf nichts kaputt gemacht werden und niemand darf zu Schaden kommen. Diese Werte werden durch klare und beständige Kommunikation im Alltag vermittelt.

Training, also das Einüben von Kommandos wie „Sitz“ oder „Platz“, ist hingegen individuell und nicht für jeden Hund gleich wichtig. Simone merkt humorvoll an, ihre Hunde könnten „nichts“ - außer nett zu sein. Für sie ist das harmonische Zusammenleben als Team die beste Form der Erziehung. Ob ein Hund formale Kommandos benötigt, hängt stark von seiner Persönlichkeit und den Lebensumständen ab. Ein agiler Hütehund wie ein Harzer Fuchs profitiert davon mehr als ein genügsamer Herdenschutzhund. Entscheidend ist, einen Dialog mit dem Hund zu führen, anstatt ihm einseitig Befehle zu erteilen.

Mythen und Vorurteile: Warum ein Tierschutzhund eine Chance verdient

Der wohl hartnäckigste Mythos lautet: „Jeder Tierschutzhund hat eine Macke.“ Die Gäste entkräften dieses Vorurteil entschieden. Was für den einen eine „Macke“ ist, sei für den anderen eine spannende Herausforderung. Viel wichtiger ist, dass gerade ein erwachsener Hund aus dem Tierschutz enorme Vorteile bieten kann. Sein Charakter ist bereits gefestigt, und auf einer erfahrenen Pflegestelle kann er realistisch eingeschätzt werden. Ursula erzählt das Beispiel ihres Bruders, der als alleinerziehender Vater mit einem vierjährigen, bereits stubenreinen und leinenführigen Hund aus dem Tierschutz viel besser beraten war als mit einem zeitintensiven Welpen.

Damit das „Matching“ gelingt, ist die ehrliche Einschätzung durch den vermittelnden Verein oder das Tierheim essenziell. Es geht darum, die Puzzleteile - Hund, Mensch und Lebenssituation - passgenau zusammenzufügen. Simone betont, dass es daher auch ein Zeichen von Professionalität ist, wenn Vermittler „Nein“ sagen, wenn eine Anfrage nicht passt. Es geht nicht darum, den Menschen zu bewerten, sondern im Sinne des Hundes die beste und nachhaltigste Lösung zu finden.

Praktische Schritte für angehende Adoptanten

  1. Ehrliche Selbstreflexion: Bevor du dich auf die Suche machst, frage dich kritisch: Welchen Hund kann ich wirklich glücklich machen? Wie sieht mein Alltag aus und wie viel Zeit und Geduld kann ich investieren?
  2. Seriösen Verein finden: Achte auf Transparenz, realistische Beschreibungen der Hunde und darauf, ob der Verein auch nach der Adoption als Ansprechpartner zur Verfügung steht. Eine Vermittlung über eine Pflegestelle in Deutschland ist einer Direktadoption aus dem Ausland oft vorzuziehen, da der Hund dort bereits kennengelernt werden kann.
  3. Die Ankunft gestalten: Sorge für eine ruhige Umgebung in den ersten Tagen und Wochen. Überfordere den Hund nicht mit Besuch, Ausflügen oder übermäßiger Zuneigung. Etabliere von Anfang an klare Routinen.
  4. Struktur und Sicherheit geben: Nutze Management-Tools wie eine Hausleine, um den Hund sanft zu führen. Setze von Beginn an klare, faire Regeln und Grenzen. Dies vermittelt dem Hund Sicherheit, nicht Strenge.
  5. Beobachten und kennenlernen: Gib dem Hund (und dir selbst) Zeit. Seine wahre Persönlichkeit zeigt sich oft erst nach mehreren Wochen oder Monaten. Betrachte sein Verhalten als Kommunikation und versuche, seine Bedürfnisse zu verstehen.
  6. Beziehung vor Training: Konzentriere dich darauf, eine vertrauensvolle Beziehung aufzubauen. Das gemeinsame Meistern von Alltagssituationen ist oft wertvoller als das Pauken von Kommandos.

Petcaster
Zusammengefasst von Anja Schirwinski

Seit meine Hündin Frida mit fünf Monaten aus einem rumänischen Shelter zu mir kam, beschäftige ich mich intensiv mit Hundethemen - von Alltagstraining bis Verhaltensbesonderheiten. Viele der Fragen, die in Podcasts besprochen werden, kenne ich aus unserer gemeinsamen Erfahrung nur zu gut. Deshalb fasse ich hier die für mich interessantesten Podcastfolgen zusammen und ergänze sie mit meinen eigenen Erlebnissen mit Frida.

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Themen und Herausforderungen

Hinweis: Diese Zusammenfassung wurde mit Hilfe von KI aus dem Transkript der Podcast-Episode generiert.

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