Zusammengefasst von Anja Schirwinski
Seit meine Hündin Frida mit fünf Monaten aus einem rumänischen Shelter zu mir kam, beschäftige ich mich intensiv mit Hundethemen - von Alltagstraining bis Verhaltensbesonderheiten. Viele der Fragen, die in Podcasts besprochen werden, kenne ich aus unserer gemeinsamen Erfahrung nur zu gut. Deshalb fasse ich hier die für mich interessantesten Podcastfolgen zusammen und ergänze sie mit meinen eigenen Erlebnissen mit Frida.
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In dieser Episode des Podcasts Tierisch menschlich sprechen die Moderatoren Martin Rütter und Katharina Adick mit einer Gästin, die für ihre unermüdliche und oft unbequeme Tierschutzarbeit bekannt ist: Dr. Kirsten Tönnies. Die Tierärztin und Aktivistin, die Martin bei einer Reportage über den illegalen Welpenhandel kennenlernte, gibt tiefgreifende Einblicke in systemische Probleme, die Tieren in Deutschland schaden.
Die zentralen Themen der Folge sind die alarmierenden Pläne, Tierversuche rechtlich vom allgemeinen Tierschutzgesetz abzukoppeln, die Doppelmoral innerhalb der Tierärzteschaft sowie tief verwurzelte Missstände im Pferdesport. Diese Episode ist besonders relevant für alle Tierhalter und Tierschutzinteressierte, da sie aufdeckt, wie wirtschaftliche Interessen und eine Kultur des Schweigens selbst in den Bereichen, die dem Wohl der Tiere verpflichtet sein sollten, den Tierschutz untergraben. Die Leitfrage, die sich durch das Gespräch zieht, lautet: Warum wird bei offensichtlichem Tierleid so oft weggeschaut, und was können wir dagegen tun?
Das Wichtigste auf einen Blick
- Geplante Gesetzesänderung bei Tierversuchen: Es gibt Bestrebungen, den Bereich der Tierversuche aus dem deutschen Tierschutzgesetz herauszulösen. Dr. Kirsten Tönnies warnt, dass dies den Schutz der Versuchstiere massiv schwächen und die Genehmigungsverfahren im Sinne der Forschungsindustrie vereinfachen würde.
- Die Tragödie der „überschüssigen“ Tiere: Jährlich werden Millionen Tiere für Versuchszwecke gezüchtet, aber nie eingesetzt. Diese „überschüssigen“ Tiere werden systematisch getötet, oft unter qualvollen Bedingungen.
- Heuchelei in der Tierärzteschaft: Auf dem Deutschen Tierärztetag wurde ein Antrag auf rein vegetarisches Essen scharf abgelehnt, während gleichzeitig Fleisch aus Massentierhaltung serviert wurde - ein Symbol für die kognitive Dissonanz im Berufsstand.
- Missstände im Reitsport: Der Einsatz von sogenannten Schlaufzügeln, die Pferde durch Schmerz und Zwang kontrollieren, ist in höheren und internationalen Klassen weiterhin erlaubt. Kritiker wie Kirsten werden bei öffentlichen Turnieren oft aggressiv daran gehindert, dies zu dokumentieren.
- Die Macht der ersten Stimme: Gruppendynamik führt oft dazu, dass Menschen bei Missständen schweigen. Die Diskussion zeigt, wie wichtig es ist, als Erste:r den Mund aufzumachen, um auch anderen Mut zu geben, hinzusehen und zu handeln.
- Sinnvoll schenken: Statt Konsumgütern schlagen die Moderatoren vor, zu Weihnachten Tierpatenschaften bei Organisationen wie dem Hunenhof oder Dorf Sentana zu verschenken - eine nachhaltige und wertvolle Unterstützung für den Tierschutz.
Wurstpopulismus und blinde Flecken: Die Doppelmoral in der Tierärzteschaft
Dr. Kirsten Tönnies eröffnet die Diskussion mit einer prägnanten Anekdote vom Deutschen Tierärztetag. Dort filmte sie das Mittagsbuffet, das reichlich mit Fleischgerichten wie Braten und Speck gefüllt war. Besonders brisant: Ein Antrag, auf dem Kongress aus Tierschutzgründen zumindest vegetarische, idealerweise vegane Speisen anzubieten, war zuvor, wie sie berichtet, „verächtlich machend“ abgelehnt worden. Kirsten kritisiert scharf die Fähigkeit ihrer Kolleginnen und Kollegen, eine mentale Trennlinie zwischen den Tieren zu ziehen, die sie mit hohem medizinischem Aufwand retten, und jenen, die für den eigenen Genuss als „Leichenteile“ auf dem Teller landen.
Martin knüpft daran an und teilt eine Erfahrung aus der TV-Show „Grill den Hensler“, bei der er traditionell vegan kocht. Die Juroren Joachim Lambi und Alexander Herrmann reagierten zunächst mit abfälligen Kommentaren, was Martin als „Wurstpopulismus“ bezeichnet - eine Haltung, die jede Alternative zum Fleischkonsum als Angriff auf die eigene Lebensweise darstellt. Katharina ergänzt, dass diese Polarisierung künstlich sei und die meisten Menschen offen für eine Reduzierung ihres Fleischkonsums seien. Tierschutz, so der Konsens, beginne bereits bei kleinen Schritten auf dem eigenen Teller.
Alarmstufe Rot: Tierversuche sollen aus dem Tierschutzgesetz verschwinden
Das zentrale Anliegen der Episode ist ein geplantes politisches Vorhaben, das laut Kirsten bisher kaum öffentliche Aufmerksamkeit erhalten hat: Tierversuche sollen aus dem allgemeinen Tierschutzgesetz herausgenommen und in einem separaten Gesetz geregelt werden. Die offizielle Argumentation der Befürworter ziele darauf ab, „Rechtsunsicherheiten“ zu beseitigen und den Forschungsstandort Deutschland im EU-Vergleich zu stärken.
Kirsten entlarvt dies als Vorwand. Ihrer Ansicht nach gehe es primär darum, die Genehmigungsverfahren für Tierversuche zu vereinfachen und die Kontrollmöglichkeiten zu reduzieren. Sie befürchtet, dass dadurch der Schutz der Tiere massiv geschwächt würde. Ironischerweise, so erklärt sie, habe Deutschland nicht einmal alle bestehenden EU-Vorgaben umgesetzt - beispielsweise fehle die gesetzliche Anerkennung von Angst als relevantem Leidensfaktor bei Tieren. Sie berichtet zudem von starkem Lobbyismus aus der Forschungsindustrie und kritisiert die „Tierärztliche Vereinigung für Tierschutz“ (TVT), die sie nach sechsjähriger Mitarbeit in deren Arbeitskreis als Lobby-Vertretung für die Tierversuchsindustrie bezeichnet.
Die Schattenseiten der Forschung: „Überschüssige“ Tiere und fragwürdige Praktiken
Ein besonders erschütternder Aspekt der Tierversuchsthematik sind die sogenannten „überschüssigen“ Tiere. Kirsten erklärt, dass jährlich Millionen Tiere - vor allem Mäuse und Ratten - gezüchtet, aber aus verschiedenen Gründen nicht für Versuche verwendet werden. Diese Tiere werden anschließend systematisch getötet. Die Methoden reichen von Erstickung in CO₂-Kammern bis hin zu Tötungen durch Genickbruch oder Kopfschläge, die oft fehlschlagen und zu immensem Leid führen. Sie schildert eine persönliche, traumatisierende Erfahrung, bei der sie Zeugin einer solchen missglückten Tötung wurde.
Darüber hinaus kritisiert sie die wissenschaftliche Methodik in manchen Studien scharf. Als Beispiel nennt sie eine Doktorarbeit, die das Leiden von Mäusen bei wiederholter Narkose als geringfügig einstufte. Der entscheidende Stressfaktor - die Trennung von der Gruppe vor der Narkose - wurde in der Studie jedoch bewusst ausgeklammert. Solche fragwürdigen Ergebnisse, so Kirsten, würden dann als Rechtfertigung für belastende Versuchsanordnungen herangezogen.
Wagenburg-Mentalität im Reitsport: Aggression und die Debatte um Schlaufzügel
Ein weiteres großes Thema ist die Situation im Pferdesport. Martin spricht Kirstens aufsehenerregenden Instagram-Kanal an, auf dem sie Missstände bei Reitturnieren dokumentiert. Dort wird sie regelmäßig mit Aggressionen konfrontiert; man versucht, sie physisch vom Gelände zu entfernen und am Filmen zu hindern. Dieses Verhalten beschreibt sie als „Wagenburg-Mentalität“, bei der sich die Szene gegen jede Kritik von außen abschottet.
Ein zentraler Kritikpunkt ist der Einsatz von Schlaufzügeln. Kirsten erklärt, wie dieses Instrument über ein Flaschenzug-System funktioniert und es dem Reiter ermöglicht, mit minimalem Kraftaufwand den Kopf des Pferdes schmerzhaft an die Brust zu ziehen. Dies dient der totalen Kontrolle und zwingt das Pferd in eine unnatürliche Haltung. Obwohl diese Zügel offiziell verpönt und auf Abreiteplätzen in unteren Klassen verboten sind, ist ihr Einsatz in höheren und internationalen Wettbewerben, die nach den Regeln des Weltreiterverbandes (FEI) stattfinden, weiterhin erlaubt. Diese Regelungslücke ermöglicht es, die nationalen Tierschutzrichtlinien auf deutschem Boden zu umgehen. Kirsten berichtet, dass sie für ihre Kritik an dieser Praxis sogar von einem hochrangigen Veterinär bedroht wurde.
Praktische Schritte und Empfehlungen
- Informiere dich und handle: Mache dich mit der geplanten Gesetzesänderung zu Tierversuchen vertraut. Dr. Kirsten Tönnies hat eine Bundestagspetition gestartet, um zu verhindern, dass Versuchstiere aus dem Tierschutzgesetz herausgenommen werden. Deine Unterstützung kann einen Unterschied machen.
- Hinterfrage Trainingsmethoden: Ob im Reitsport, in der Hundeschule oder in anderen Bereichen - vertraue deinem Bauchgefühl. Wenn eine Methode grausam oder unfair erscheint, sprich es an und suche nach Alternativen, die auf positiver Verstärkung basieren.
- Unterstütze den Tierschutz direkt: Anstatt materieller Geschenke kannst du eine Tierpatenschaft bei einem Lebenshof wie der Stiftung für Rolli-Hunde De Hun’nenhoff oder Dorf Sentana übernehmen. Das ist eine nachhaltige Hilfe, die direkt bei den Tieren ankommt.
- Sei ein kritischer Tierhalter: Hinterfrage Routinen. Kirsten rät beispielsweise, auf die jährliche Tollwutimpfung bei Hunden und Katzen zu verzichten, wenn diese Deutschland nicht verlassen. Sorge außerdem dafür, dass Pferde ganzjährigen Auslauf erhalten und nicht monatelang in Boxen eingesperrt sind.
- Lies und lerne: In ihrem Buch beschreibt Kirsten Tönnies ihre Erfahrungen und deckt die Mechanismen auf, die den Tierschutz in der Tiermedizin untergraben. Martin empfiehlt es als spannende und augenöffnende Lektüre für alle, die tiefer in die Materie eintauchen wollen.