Zusammengefasst von Anja Schirwinski
Seit meine Hündin Frida mit fünf Monaten aus einem rumänischen Shelter zu mir kam, beschäftige ich mich intensiv mit Hundethemen - von Alltagstraining bis Verhaltensbesonderheiten. Viele der Fragen, die in Podcasts besprochen werden, kenne ich aus unserer gemeinsamen Erfahrung nur zu gut. Deshalb fasse ich hier die für mich interessantesten Podcastfolgen zusammen und ergänze sie mit meinen eigenen Erlebnissen mit Frida.
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In dieser besonderen Folge des Podcasts HUNDESTUNDE springt Hundetrainerin Ellen Marques für den erkrankten Co-Moderator Marc Eichstedt ein und spricht mit Conny Sporrer über sehr persönliche und zugleich universelle Themen der Hundehaltung. Die Episode beginnt mit einem emotionalen Einblick in den Abschied von Ellens Hund Camo und geht dann in eine intensive Frage-Antwort-Runde über, in der komplexe Verhaltensprobleme analysiert und praxisnahe Lösungen diskutiert werden.
Diese Zusammenfassung richtet sich an alle Hundehalter:innen, die mit Trauer um ein Tier umgehen, aber auch an jene, die nach fundierten und modernen Trainingsansätzen für spezifische Herausforderungen wie Leinenreaktivität, Unruhe oder einen unzuverlässigen Rückruf suchen. Im Kern geht es darum, das Verhalten des Hundes tiefgründig zu verstehen, um nachhaltige Lösungen zu finden, die auf positiver Verstärkung und einer starken Beziehung basieren.
Das Wichtigste auf einen Blick
- Umgang mit Trauer: Ellen teilt ihre persönliche Erfahrung mit dem Verlust ihres Hundes Camo und betont, wie wichtig es ist, sich dem Schmerz zu stellen und Trost in der Gemeinschaft und im Engagement für andere Tiere zu finden.
- Reaktivität auf Motorräder verstehen: Die Aggression gegenüber lauten Fahrzeugen ist oft eine Mischung aus Unsicherheit, territorialem Schutzinstinkt und einem Mangel an artgerechter Auslastung, nicht nur reiner Jagdtrieb.
- Energie richtig kanalisieren: Um Reaktivität zu senken, empfiehlt Ellen, dem Hund gezielte Ventile für aufgestaute Energie zu bieten. Unstrukturiertes, „wildes“ Spiel kann hier effektiver sein als rein kognitive Beschäftigung.
- Ruhe positiv verstärken: Einem Hund Ruhe beizubringen, sollte niemals über Zwang oder unangenehmen Druck (negative Verstärkung) erfolgen. Stattdessen sind gezieltes Abschalttraining und das Belohnen von ruhigem Verhalten der Schlüssel zum Erfolg.
- Der Trugschluss beim Jagd-Ersatztraining: Hundesportarten wie Hunderennen können ein tolles Hobby sein, ersetzen aber nicht das konsequente Training von Impulskontrolle und Rückruf im Alltag. Sie befriedigen ein Bedürfnis, lösen aber nicht das zugrundeliegende Problem.
- Den Rückruf reparieren: Wenn ein Hund vor dem Zurückkommen zögert und die Umgebung scannt, wurde der Rückruf zu oft in ernsten Situationen eingesetzt. Die Lösung: Den Rückruf zu 70 % spielerisch und ohne Anlass üben, um ihn positiv aufzuladen.
Abschied und Trauerbewältigung: Ellens persönliche Geschichte
Zu Beginn der Folge teilt Ellen sehr offen die traurigen Umstände des Abschieds von ihrem Hund Camo. Sie beschreibt, wie sich sein Gesundheitszustand aufgrund von Atemnot rapide verschlechterte und sie die schwere Entscheidung treffen musste, ihn gehen zu lassen. Ellen schildert den tiefen Schmerz der ersten Tage als ein Gefühl, als hätte man ihr „das Herz rausgerissen“. Conny und Ellen reflektieren gemeinsam über die emotionalen Herausforderungen dieses Prozesses - insbesondere den Moment, das Tier nach dem Einschläfern endgültig „alleine lassen“ zu müssen. Sie stellen fest, dass dieser letzte Liebesdienst, das Tier von Leid zu erlösen, eine der größten Verantwortungen als Halter:in ist. Die bevorstehende Tierschutztour, bei der sie sich für Hunde in Not einsetzen, sehen beide als einen heilsamen Schritt, um dem Schmerz einen positiven Sinn zu geben.
Problemverhalten an der Leine: Umgang mit Motorrad-Aggression
Die erste Hörerfrage stammt von Rike, deren Hund aus dem Tierschutz an der Leine aggressiv auf knatternde Motorräder und Roller reagiert. Ellen analysiert das Verhalten als eine komplexe Mischung verschiedener Motivationen. Sie vermutet, dass es weniger um Jagdverhalten als vielmehr um eine Kombination aus Unsicherheit, sozialer Motivation (den Menschen zu schützen) und territorialem Verhalten geht. Das laute, schnelle Objekt ist für den Hund nicht einordenbar und löst eine starke Abwehrreaktion aus.
Ellen betont, wie wichtig es ist, dem Hund ein Ventil für seine Energie zu geben. Oft sind Hundehalter:innen sehr auf strukturiertes Training fokussiert, vergessen aber, den Hund auch mal „die wilde Sau rauslassen“ zu lassen. Unkontrolliertes, freies Spiel kann helfen, den allgemeinen Erregungspegel zu senken. Für das konkrete Training schlägt Conny einen schrittweisen Ansatz vor: Zuerst sollte das Geräusch über Lautsprecher in kontrollierter Umgebung geübt werden. Bei echten Begegnungen rät sie, bei Annäherung eines Motorrads die Richtung zu wechseln und den Hund für die Umorientierung zu belohnen, ähnlich wie beim Training von Hundebegegnungen.
Die Kunst des Nichtstuns: Einem Hund Ruhe beibringen
Die nächste Frage kommt von Noemi, deren junger Malinois Schwierigkeiten hat, ruhig zu bleiben, wenn sie sich unterwegs mit jemandem unterhält. Eine Hundeschule hatte ihr eine veraltete Methode empfohlen, bei der der Hund durch Druck auf die Leine zum Hinlegen gezwungen wird. Conny stellt klar, dass diese Form der negativen Verstärkung wissenschaftlich überholt und schädlich für die Beziehung ist. Stattdessen plädiert sie für zwei Ansätze, die auf positiver Verstärkung basieren:
- Aktives Training von Dauer-Bleib: Oft wird das „Bleib“-Kommando nur in Verbindung mit räumlicher Distanz geübt. Conny betont, wie wichtig es ist, die zeitliche Komponente zu trainieren - also dass der Hund lernt, für eine längere Zeit ruhig an einem Ort zu bleiben, auch wenn der Mensch direkt daneben ist.
- Passives Abschalttraining: Hierbei geht es darum, dass der Hund lernt, von selbst zur Ruhe zu kommen, ohne ein spezifisches Kommando. Das kann man üben, indem man sich an einen belebten Ort wie eine Bushaltestelle setzt und einfach abwartet, bis der Hund sich von selbst entspannt.
Conny führt außerdem das Konzept der „Korsett-Hunde“ ein. Damit meint sie Hunde, oft aus Hütehund-Linien, die die klare Struktur eines Kommandos wie „Sitz“ oder „Platz“ benötigen, um sich in reizvollen Situationen besser regulieren zu können.
Jagdverhalten kanalisieren: Ist Hundesport die Lösung?
Katharina fragt, ob Hunderennen für ihre jagdlich passionierte Hündin Suki geeignet oder eher kontraproduktiv ist. Ellen erklärt, dass solche Aktivitäten zwar eine hervorragende Möglichkeit zur Auslastung bieten, aber das eigentliche Jagdproblem nicht lösen. Die Befriedigung des Hetztriebs in einem kontrollierten Rahmen führt nicht automatisch dazu, dass der Hund im Wald nicht mehr jagen will. Vielmehr besteht die Gefahr, dass die Erregung in solchen Rennsituationen sogar auf andere Lebensbereiche überschwappt.
Statt auf einzelne Events zu setzen, empfiehlt Ellen, einen konstanten „Beschäftigungsspiegel“ aufzubauen, sodass der Hund grundsätzlich ausgelastet ist. Conny ergänzt, dass das Training realitätsnah gestaltet werden muss. Anstatt den Hund langsam an eine Aufgabe heranzuführen, sollte er lernen, auch aus einer hohen Erregung heraus abrufbar zu sein - beispielsweise, indem der erste geworfene Ball direkt zurückgerufen wird, anstatt ihn holen zu lassen.
Der „fast perfekte“ Rückruf: Warum der Hund zögert und scannt
Die letzte Frage behandelt ein weit verbreitetes Problem: Ein Hund kommt auf den Rückruf, bleibt aber erst stehen und scannt die Umgebung nach der potenziellen Ursache für den Ruf. Conny erklärt, dass dies ein klares Zeichen dafür ist, dass der Rückruf zu oft in Situationen erfolgt ist, in denen der Hund auf etwas Spannendes verzichten musste. Der Hund hat gelernt: „Wenn ich gerufen werde, passiert irgendwo etwas Wichtiges.“
Die Lösung liegt in der sogenannten „70/30-Regel“: 70 % aller Rückrufe sollten aus dem Nichts erfolgen, ohne dass eine Ablenkung vorhanden ist. Der Hund wird für das Kommen belohnt und darf sofort wieder seiner Wege gehen - eine Art „Lila Pause“. Nur 30 % der Rückrufe sollten in „ernsten“ Situationen eingesetzt werden. Ellen fügt hinzu, dass man als Halter:in unberechenbar werden sollte: Wenn der Hund zögert, kann eine plötzliche Flucht in die andere Richtung Wunder wirken und die eigene Wichtigkeit für den Hund massiv steigern.
Praktische Tipps und Trainingsansätze
- Bei Reaktivität auf Fahrzeuge: Beginne das Training zu Hause mit aufgenommenen Motorgeräuschen. Belohne deinen Hund für ruhiges Verhalten. Draußen, wenn ein Fahrzeug in sicherer Entfernung auftaucht, dreh dich um und wirf ein Leckerli in die entgegengesetzte Richtung, um die Aufmerksamkeit deines Hundes positiv umzulenken.
- Für mehr Ruhe und Gelassenheit: Integriere gezieltes Abschalttraining in deinen Alltag. Setze dich regelmäßig mit deinem angeleinten Hund auf eine Parkbank oder an eine Bushaltestelle und warte, bis er sich von selbst entspannt. Belohne jedes noch so kleine Anzeichen von Ruhe (z. B. ein Seufzer) mit leiser, ruhiger Stimme.
- Den Rückruf zuverlässig machen: Wende die 70/30-Regel an. Rufe deinen Hund überwiegend dann, wenn es keinen Grund gibt. Belohne ihn überschwänglich und schicke ihn sofort wieder frei. So bleibt der Rückruf ein positives Erlebnis und keine Spielverderber-Ankündigung.
- Wenn der Hund beim Rückruf zögert: Nutze dein finales Rückrufsignal nur, wenn du dir absolut sicher bist, dass dein Hund kommt (die „1000-Euro-Wette“). Bist du unsicher, locke ihn spielerisch, indem du dich umdrehst und schnell von ihm wegläufst. Bewegung macht dich sofort interessanter.