Zusammengefasst von Anja Schirwinski
Seit meine Hündin Frida mit fünf Monaten aus einem rumänischen Shelter zu mir kam, beschäftige ich mich intensiv mit Hundethemen - von Alltagstraining bis Verhaltensbesonderheiten. Viele der Fragen, die in Podcasts besprochen werden, kenne ich aus unserer gemeinsamen Erfahrung nur zu gut. Deshalb fasse ich hier die für mich interessantesten Podcastfolgen zusammen und ergänze sie mit meinen eigenen Erlebnissen mit Frida.
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In dieser Episode des Podcasts Hundsfa(e)lle sprechen die Hosts Yvonne Nawrat und Mustafa Irmak über die herausfordernde, aber auch wundervolle Welpenzeit. Sie beleuchten, welche Verhaltensweisen wie das Beißen oder die „wilden 5 Minuten“ völlig normal sind und wann du als Hundehalter:in aufmerksam werden solltest. Die Episode richtet sich an alle frischen Welpenbesitzer:innen, die sich unsicher sind, wie sie das Verhalten ihres neuen Familienmitglieds richtig deuten und begleiten können. Das zentrale Thema ist die Frage: Was ist „typisch Welpe“ und wo fangen Verhaltensprobleme an?
Das Wichtigste auf einen Blick
- Welpenbeißen ist normal: Das spielerische Beißen in Hände und Füße ist Teil der Welpenentwicklung und in der Regel kein Zeichen von Aggression. Dein Welpe muss die sogenannte Beißhemmung erst noch lernen.
- „Wilde 5 Minuten“ sind ein Stressventil: Wenn dein Welpe wie von Sinnen durch die Wohnung rennt, ist das oft ein Zeichen von Übermüdung oder Überreizung - nicht von unausgelasteter Energie. Mehr Aktivität wäre hier kontraproduktiv.
- Die „Spooky-Phase“ gehört dazu: Es ist normal, dass Welpen in einer bestimmten Entwicklungsphase plötzlich Angst vor alltäglichen Dingen wie einer Mülltonne haben. Deine souveräne Reaktion ist hier entscheidend.
- Ruhe und Management sind der Schlüssel: Statt den Welpen für unerwünschtes Verhalten zu bestrafen, helfen klare, aber ruhige Grenzen, gezielte Ruhepausen (z. B. in der Box) und das Anbieten von Alternativen (z. B. Kauartikel).
- Stubenreinheit braucht Zeit: Erwarte nicht, dass dein Welpe nach wenigen Tagen stubenrein ist. Der Prozess kann Wochen oder in seltenen Fällen sogar Monate dauern und erfordert viel Geduld und konsequentes Management.
- Achte auf Warnsignale: Dauerstress, ständiges Winseln, Futterverteidigung oder panische Reaktionen sind keine typischen Welpen-Marotten und sollten frühzeitig mit professioneller Hilfe angegangen werden.
Beißhemmung: Wenn der Welpe zum Piranha wird
Ein zentrales Thema, das viele neue Welpenbesitzer:innen verunsichert, ist das heftige Beißen. Mustafa erklärt, dass es für viele ein Schock ist, wenn der Welpe seine spitzen Zähne in Händen, Füßen oder Hosenbeinen versenkt. Die Sorge, einen aggressiven Hund zu haben, ist oft unbegründet. Yvonne führt aus, dass Welpen ihre Welt mit dem Maul erkunden und die Beißhemmung - also die Fähigkeit, die eigene Beißkraft zu kontrollieren - erst lernen müssen. Normalerweise wird dies von der Mutterhündin und den Wurfgeschwistern vermittelt. Im neuen Zuhause liegt diese Aufgabe bei dir.
Die Hosts diskutieren verschiedene Lösungsansätze. Eine klare Grenze zu setzen, etwa durch einen Abbruch des Spiels oder einen deutlichen Schnauzgriff, kann bei manchen Hunden funktionieren. Yvonne warnt jedoch, dass körperliche Korrekturen wie Wegschubsen bei manchen Welpen das Verhalten sogar verstärken können, da sie es als Spielaufforderung missverstehen. Alternativ kann es helfen, die Situation ruhig zu verlassen, dem Welpen eine Auszeit in seiner Box zu geben oder ihm einen Kauartikel anzubieten, um sein Bedürfnis auf ein erlaubtes Objekt umzulenken.
Die „wilden 5 Minuten“: Mehr als nur überschüssige Energie
Plötzliche, unkontrollierte Rennanfälle - oft als die „wilden 5 Minuten“ bezeichnet - sind ein weiteres klassisches Welpenverhalten. Mustafa stellt klar, dass dies häufig fehlinterpretiert wird: Viele Halter:innen glauben, der Hund sei nicht ausgelastet und brauche mehr Bewegung. Yvonne betont, dass das Gegenteil der Fall ist: Dieses Verhalten ist meist ein Ventil für Überreizung, Stress oder schlicht Müdigkeit. Wenn diese Phasen länger als fünf Minuten andauern, ist dies ein klares Zeichen dafür, dass der Welpe überfordert ist.
Anstatt den Hund zu noch mehr Aktivität zu animieren, solltest du ihm helfen, zur Ruhe zu kommen. Möglichkeiten hierfür sind, den Welpen sanft auf seine Decke oder in seine Box zu bringen, ihm einen Kauknochen zu geben oder beruhigende Techniken wie die „Omm-Übung“ (sanftes Festhalten und Beruhigen, ähnlich dem Pucken bei Babys) anzuwenden.
Die „Spooky-Phase“: Wenn die Mülltonne zum Monster wird
Yvonne erklärt, dass Welpen zwischen der 8. und 16. Lebenswoche eine sogenannte „Spooky-Phase“ (Fremdelphase) durchlaufen. In dieser Zeit können sie plötzlich extreme Angst vor Dingen entwickeln, die sie bisher ignoriert haben. Eine Mülltüte oder ein seltsam geparktes Fahrrad können auf einmal zu einer großen Bedrohung werden. Dieses Verhalten ist Teil der normalen Gehirnentwicklung.
Mustafa rät, in solchen Situationen souverän und entspannt zu bleiben. Es hilft dem Welpen, wenn du selbstbewusst auf das „Monster“ zugehst und ihm durch deine Körpersprache signalisierst, dass keine Gefahr besteht. Ihn zum Objekt zu zwingen oder die Situation panisch zu meiden, würde die Angst nur bestätigen und verstärken.
Weitere typische Verhaltensweisen im Welpenalter
Neben den Hauptthemen listen die Hosts weitere Verhaltensweisen auf, die zur normalen Entwicklung gehören:
- Stubenreinheit: Yvonne betont, dass die Dauer bis zur vollständigen Stubenreinheit stark variiert. Es erfordert ein wachsames Auge und eine feste Routine (nach dem Schlafen, Fressen und Spielen nach draußen gehen).
- Anhänglichkeit: Dass ein Welpe dir auf Schritt und Tritt folgt, ist normal. Er ist ein hochsoziales Lebewesen und sucht deine Nähe und Sicherheit. Das Alleinbleiben muss langsam und positiv trainiert werden.
- Frust und Aufregung: Welpen zeigen ihre Emotionen oft sehr übertrieben. Lautstarkes Quietschen aus Frust oder komplette Überdrehtheit in neuen Umgebungen sind Teil des Lernprozesses.
Yvonne warnt davor, sich von starren Mythen wie der „Fünf-Minuten-Regel“ (pro Lebensmonat nur fünf Minuten Spaziergang) verrückt machen zu lassen. Wichtiger sei es, auf die individuellen Bedürfnisse und die Tagesform des eigenen Welpen zu achten.
Warnsignale: Wann Welpenverhalten nicht mehr „normal“ ist
Obwohl vieles normal ist, gibt es Verhaltensweisen, die als Warnsignale zu werten sind. Wenn diese auftreten, raten beide Hosts dringend dazu, sich professionelle Unterstützung von eine:r guten Hundetrainer:in zu suchen.
Laut Yvonne sind Anzeichen für übermäßigen Stress, wenn ein Welpe:
- permanent unter Strom steht und kaum schläft.
- ständig winselt.
- übermäßig viel zerstört.
- draußen nicht mehr ansprechbar ist.
Mustafa ergänzt die Liste um:
- anhaltenden Durchfall (kann stressbedingt sein).
- starke Futterverteidigung.
- häufige und intensive Panikreaktionen.
Ein frühes Eingreifen ist hier entscheidend, damit sich diese Probleme nicht verfestigen.
Praktische Schritte für den Alltag mit deinem Welpen
Basierend auf den Diskussionen der Episode, hier eine handlungsorientierte Checkliste für dich:
- Bei spielerischem Beißen: Unterbrich das Spiel sofort mit einem klaren, ruhigen Signal (z. B. „Aua!“). Stehe auf und wende dich kurz ab. Wenn der Welpe sich nicht beruhigt, verlasse für einen Moment den Raum.
- Kaubedürfnis umleiten: Biete deinem Welpen proaktiv Kauartikel an, besonders in den Abendstunden, wenn er tendenziell überdrehter ist. So lernt er, woran er kauen darf.
- „Wilde 5 Minuten“ managen: Erkenne die Anzeichen von Übermüdung. Anstatt zu spielen, leite eine Ruhephase ein. Bringe deinen Welpen in seine Box oder auf seine Decke mit etwas zum Kauen.
- Souverän in der „Spooky-Phase“ agieren: Bleib ruhig und gelassen, wenn dein Welpe sich erschreckt. Gehe selbstbewusst auf das unheimliche Objekt zu und zeige ihm, dass alles in Ordnung ist. Gib ihm Sicherheit, ohne ihn zu bedrängen.
- Eine feste Routine etablieren: Ein vorhersehbarer Tagesablauf mit festen Zeiten für Futter, Spaziergänge, Spiel und vor allem Ruhe hilft deinem Welpen, sich sicher zu fühlen und Stress zu reduzieren.
- Frühzeitig Hilfe suchen: Wenn du bei Verhaltensweisen wie Futteraggression, extremer Angst oder Dauerstress unsicher bist, zögere nicht, eine:n qualifizierte:n Hundetrainer:in zu kontaktieren.