Warum Kastration mehr als nur ein Routineeingriff ist - und was das mit Stress und Qualzucht zu tun hat

Stell dir vor, du stehst vor einer Entscheidung, die das Leben deines Hundes für immer verändern wird, die du aber nicht mehr rückgängig machen kannst. Genau das ist die Kastration. In der Hundewelt wird sie oft als Standardlösung für fast jedes Problem gehandelt - von pubertärem Übermut bis zur einfachen Bequemlichkeit. Aber ist das wirklich der richtige Weg? Und was opfern wir, wenn wir die Sexualhormone unserer Hunde einfach per Skalpell entfernen?

In einer neuen Episode des Podcasts The Petfood Family spricht Moderator Jan Dießner mit Dr. Sophie Strodtbeck, einer Tierärztin und Verhaltensmedizinerin, die sich traut, genau diese unbequemen Fragen zu stellen. Sie beleuchtet das Thema Kastration mit einer erfrischenden Mischung aus wissenschaftlicher Klarheit und persönlicher Leidenschaft. Doch das Gespräch geht weit darüber hinaus: Es taucht tief in die Welt des Stresses ein - und zeigt, warum ein stressfreies Leben für Hunde nicht nur eine Illusion, sondern auch unfair ist. Abgerundet wird die Episode durch ein ehrliches und bewegendes Statement zum Thema Qualzucht, inspiriert von Sophies eigenen Hunden.

Diese Folge ist ein Muss für alle, die bereit sind, gängige Meinungen zu hinterfragen und die Verantwortung für das Wohl ihres Hundes ganzheitlich zu betrachten. Es geht um mehr als nur medizinische Eingriffe; es geht um ein tieferes Verständnis für die Biologie, das Verhalten und die wahren Bedürfnisse unserer vierbeinigen Begleiter.

Das Wichtigste auf einen Blick

Manchmal sind es die kleinen Aha-Momente, die unsere Sicht auf die Dinge grundlegend verändern. Hier sind die Kernaussagen aus dem Gespräch mit Sophie Strodtbeck, die dir eine neue Perspektive eröffnen könnten:

  • Kastration ist keine Pauschallösung. Sophie Strodtbeck plädiert eindringlich gegen eine routinemäßige Kastration und für eine fundierte Einzelfallentscheidung. Das deutsche Tierschutzgesetz fordert sogar eine individuelle medizinische oder verhaltensbasierte Indikation für den Eingriff.
  • Sexualhormone sind für die Entwicklung entscheidend. Sie sind weit mehr als nur für die Fortpflanzung zuständig. Besonders in der Pubertät und Adoleszenz steuern sie den gesamten Gehirnumbau und prägen die Persönlichkeit eines Hundes. Eine Frühkastration raubt dem Hund diese wichtige Entwicklungsphase.
  • Stress ist ein wichtiger Lehrmeister. Ein Leben ohne Stress ist unmöglich und auch nicht erstrebenswert. Hunde müssen lernen, mit bewältigbaren Stresssituationen umzugehen, um Resilienz - also innere Stärke - aufzubauen. Es ist unsere Aufgabe als Halter, sie dabei zu begleiten, anstatt sie in Watte zu packen.
  • Verhaltensprobleme haben oft körperliche Ursachen. Wenn Training an seine Grenzen stößt, lohnt sich ein ganzheitlicher Blick. Sophie erklärt, dass Schmerzen, eine Schilddrüsenunterfunktion, unausgewogene Ernährung oder ein gestörtes Mikrobiom im Darm oft die wahren Auslöser für Stress und auffälliges Verhalten sind.
  • Qualzucht hat viele Gesichter. Die Diskussion über Qualzucht beschränkt sich oft auf brachycephale Rassen wie Möpse oder Bulldoggen. Sophie macht deutlich, dass auch extreme Klein- oder Riesenrassen massiv leiden und wir als Gesellschaft eine breitere und ehrlichere Debatte über Zuchtstandards und deren Folgen führen müssen.

Kastration: Mehr als nur eine Routine-OP

Das Thema Kastration ist emotional aufgeladen. Viele Hundebesitzer fühlen sich zwischen den Meinungen von Tierärzten, Trainern und anderen Haltern hin- und hergerissen. Sophie Strodtbeck bringt hier eine wissenschaftlich fundierte und differenzierte Sichtweise ein. Sie betont, dass sie keineswegs eine generelle Kastrationsgegnerin sei. Stattdessen kämpft sie gegen die unreflektierte Pauschalkastration. "Ich bin nicht pauschal gegen Kastration, aber ich bin gegen Pauschalkastration", fasst sie ihre Haltung zusammen. Dieser kleine, aber feine Unterschied ist der Kern ihrer Botschaft.

Warum ist das so wichtig? Sexualhormone, erklärt Sophie, sind keine überflüssige Funktion der Natur. Sie haben im gesamten Körper Rezeptoren und beeinflussen alles - vom Knochenwachstum über das Immunsystem bis hin zur Gehirnentwicklung. Besonders dramatisch ist der Eingriff vor oder während der Pubertät. Diese Lebensphase, so Sophie, "lebt so sehr von Veränderungen wie keine andere im gesamten Leben". Einem Hund diese Entwicklung durch eine Frühkastration zu nehmen, sei vergleichbar damit, einen 13-jährigen Teenager daran zu hindern, erwachsen zu werden. Das Argument vieler Halter, "der hat sich gar nicht verändert", sei daher eher besorgniserregend als positiv.

Natürlich gibt es gute Gründe für eine Kastration. Medizinische Notfälle wie eine Gebärmuttervereiterung (Pyometra) oder Hodentumore sind klare Indikationen. Aber auch im Verhalten kann ein Eingriff sinnvoll sein, etwa bei einer Hündin, deren Aggressivität oder Depression klar zyklusabhängig ist, oder bei einem Rüden, der unter extremer Hypersexualität leidet und wochenlang nicht mehr frisst. Doch selbst hier rät Sophie zur Vorsicht: Bei Rüden empfiehlt sie immer erst einen Probelauf mit einem Hormonchip, um die Auswirkungen zu testen, da eine Kastration nicht umkehrbar ist.

Hormone, Pubertät und das "ganz normale" Hundeleben

Ein weit verbreiteter Glaube ist, dass das Zusammenleben mit intakten Hunden, insbesondere Rüden und Hündinnen unter einem Dach, unzumutbarer Stress oder gar Tierquälerei sei. Jan und Sophie, die beide gemischtgeschlechtliche, intakte Rudel halten, schmunzeln über diese Vorstellung. "Das hat meinen Hunden noch gar niemand erzählt", meint Sophie lachend. Für sie ist die Läufigkeit ihrer Hündinnen eine faszinierende Zeit, in der sie die Wirkung von Hormonen live beobachten kann - vom übermütigen Spiel zu Beginn bis zum souveränen Umgang des Rüden mit der Situation.

Das Problem liegt oft nicht bei den Hunden, sondern in der mangelnden Aufklärung der Halter und der fehlenden Möglichkeit für die Hunde, soziales Verhalten zu lernen. Viele Hundeschulen schließen läufige Hündinnen pauschal vom Training aus. "Wie soll der Rüde das lernen?", fragt Sophie zu Recht. Ein junger Rüde muss die Chance bekommen, den Umgang mit dem anderen Geschlecht zu erlernen - am besten unter Anleitung einer souveränen, älteren Hündin, die ihm klar seine Grenzen aufzeigt. Diese Lernerfahrungen sind entscheidend dafür, dass ein Rüde später nicht bei jedem Duftmolekül die Nerven verliert.

Meine persönliche Erfahrung deckt sich damit vollkommen. In meinen Trainingsgruppen sind läufige Hündinnen nach Absprache willkommen. Es ist unglaublich wertvoll zu sehen, wie die Rüden lernen, sich trotz der Verlockung zu konzentrieren, und wie die Hündinnen an Selbstbewusstsein gewinnen, indem sie aufdringliche Verehrer souverän abwehren. Das ist das wahre Leben - und unsere Hunde darauf vorzubereiten, ist eine unserer wichtigsten Aufgaben.

Stress: Vom Schreckgespenst zum Lernfeld

Stress ist ein Wort, das in der Hundeszene oft mit etwas Negativem, ja fast schon Schädlichem assoziiert wird. Sophie Strodtbeck räumt mit diesem Missverständnis auf. Stresshormone wie Cortisol sind überlebenswichtig. "Hätten wir keine, würden wir beim kleinsten Stressor tot umfallen", erklärt sie. Die entscheidende Frage ist nicht, ob ein Hund Stress hat, sondern ob der Stress bewältigbar ist.

Sie vergleicht den Umgang mit Stress mit dem Schwimmenlernen: Man kann nicht schwimmen lernen, ohne jemals in seinem Leben nass geworden zu sein. Genauso kann ein Hund keine Stresskompetenz entwickeln, wenn er nie mit Herausforderungen konfrontiert wird. Als Halter sollten wir uns daher fast schon über kleine, stressige Alltagssituationen freuen, weil sie eine Chance sind, gemeinsam daran zu wachsen. Wenn es uns gelingt, den Hund sicher durch eine solche Situation zu führen, stärkt das nicht nur seine Resilienz, sondern auch unsere Bindung.

Das Ziel ist also nicht, ein künstlich steriles, stressfreies Leben zu schaffen, sondern unseren Hunden die Werkzeuge an die Hand zu geben, um mit den unvermeidlichen Widrigkeiten des Lebens umgehen zu können. Das ist in Sophies Augen keine Belastung, sondern eine faire Vorbereitung auf die Realität.

Wenn Training nicht reicht: Der ganzheitliche Blick auf Verhaltensprobleme

Was aber, wenn ein Hund dauerhaft gestresst, ängstlich oder aggressiv ist und selbst das beste Training keine Früchte trägt? Hier kommt Sophies Expertise als Verhaltensmedizinerin ins Spiel. Sie warnt davor, Verhaltensprobleme isoliert zu betrachten. Oft stecken handfeste körperliche Ursachen dahinter. "Solange irgendeine körperliche Ursache vorliegt, kann ich mir einen Wolf trainieren", sagt sie. "Das wird sich nichts ändern, solange ich diese Ursache nicht ausschließe."

Sie nennt mehrere Schrauben, an denen man drehen kann:

  • Schmerzen: Chronische Schmerzen, etwa durch Gelenkprobleme oder Zahnweh, sind eine der häufigsten Ursachen für Reizbarkeit und Aggression.
  • Schilddrüsenunterfunktion: Eine nicht richtig funktionierende Schilddrüse kann zu Lethargie, Ängstlichkeit und unvorhersehbarem Verhalten führen.
  • Ernährung: Mangel an bestimmten Nährstoffen (wie Spurenelementen oder Aminosäuren) kann die Produktion wichtiger Botenstoffe im Gehirn beeinträchtigen, was sich direkt auf die Stimmung und das Verhalten auswirkt.
  • Mikrobiom: Die Darmflora hat über die Darm-Hirn-Achse einen direkten Einfluss auf das Verhalten. Chronischer Stress verändert das Mikrobiom, was wiederum Stress und Angst verstärken kann - ein Teufelskreis.

Dieser ganzheitliche Ansatz ist unglaublich wertvoll, weil er den Fokus von der alleinigen Verantwortung des Halters wegnimmt und den Hund als komplexes biologisches System betrachtet.

Qualzucht: Eine Diskussion, die wir führen müssen

Gegen Ende des Gesprächs wird es sehr persönlich. Sophie erzählt von ihren drei Merle-farbenen Chihuahuas, die sie aus schlechter Haltung übernommen hat. Sie macht unmissverständlich klar, dass diese Hunde Qualzuchten sind - nicht nur wegen ihrer umstrittenen Farbe, die oft im Fokus der Kritik steht. Das geringste Problem, dass diese Hunde haben, ist ihre Farbe. Die eigentlichen Probleme sind unsichtbar und viel gravierender: ein Schädel, der an manchen Stellen nur einen Millimeter dick ist, eine Zunge, die zu groß für den Kiefer ist, und Atembeschwerden bei Temperaturen über 20 Grad.

Ihre Geschichte ist ein aufrüttelndes Plädoyer, die Qualzucht-Debatte breiter und ehrlicher zu führen. Es geht nicht nur um Möpse und Bulldoggen. Auch extreme Zuchtmerkmale wie übermäßige Größe bei Riesenrassen (eine Deutsche Dogge hat eine durchschnittliche Lebenserwartung von nur 6,5 Jahren) oder extreme Verzwergung bei Kleinsthunden bedeuten für die Tiere ein Leben voller Leid. Sophie kritisiert scharf Verbände wie den VDH, die solche Standards nicht nur tolerieren, sondern auf Ausstellungen sogar prämieren. Ihr Wunsch ist klar: Wir müssen uns von ästhetischen Idealen verabschieden, die auf Kosten der Gesundheit gehen, und endlich das Wohl der Tiere in den Mittelpunkt stellen.


Petcaster
Zusammengefasst von Anja Schirwinski

Seit meine Hündin Frida mit fünf Monaten aus einem rumänischen Shelter zu mir kam, beschäftige ich mich intensiv mit Hundethemen - von Alltagstraining bis Verhaltensbesonderheiten. Viele der Fragen, die in Podcasts besprochen werden, kenne ich aus unserer gemeinsamen Erfahrung nur zu gut. Deshalb fasse ich hier die für mich interessantesten Podcastfolgen zusammen und ergänze sie mit meinen eigenen Erlebnissen mit Frida.

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Themen und Herausforderungen

Hinweis: Diese Zusammenfassung wurde mit Hilfe von KI aus dem Transkript der Podcast-Episode generiert.

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