Zusammengefasst von Anja Schirwinski
Seit meine Hündin Frida mit fünf Monaten aus einem rumänischen Shelter zu mir kam, beschäftige ich mich intensiv mit Hundethemen - von Alltagstraining bis Verhaltensbesonderheiten. Viele der Fragen, die in Podcasts besprochen werden, kenne ich aus unserer gemeinsamen Erfahrung nur zu gut. Deshalb fasse ich hier die für mich interessantesten Podcastfolgen zusammen und ergänze sie mit meinen eigenen Erlebnissen mit Frida.
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In dieser Episode des Podcasts Hundsfa(e)lle geben die Hosts Yvonne Nawrat und Mustafa Irmak im Rahmen ihres "Wissenschaftsmonats" detaillierte Einblicke in die Sinneswahrnehmung von Hunden. Sie analysieren, wie sich die Welt aus der Perspektive eines Hundes darstellt und wie dieses Wissen das Verständnis für Hundeverhalten und den Erfolg im Training fundamental verbessern kann. Die Episode richtet sich an alle Hundehalter:innen, die lernen möchten, warum ihr Hund in bestimmten Situationen auf eine Weise reagiert, die für Menschen oft unverständlich scheint. Die zentrale Frage lautet: Wie können wir durch das Verständnis der hundlichen Sinne zu besseren und faireren Partnern für unsere Vierbeiner werden?
Das Wichtigste auf einen Blick
- Sehvermögen: Hunde sind rot-grün-blind und nehmen Farben nur in einem begrenzten Spektrum wahr. Ihre Stärke liegt in der Erkennung von Bewegung und Kontrasten, besonders in der Dämmerung.
- Achtung bei grellem Licht: Helles Sonnenlicht kann die Sicht von Hunden stark beeinträchtigen, sodass sie Handzeichen im Training möglicherweise nicht erkennen können.
- Feines Gehör: Hunde hören höhere Frequenzen und können Geräuschquellen viel präziser orten als Menschen. Dies kann bei sensiblen oder reizoffenen Hunden schnell zu Überforderung und Stress führen.
- Der Geruchssinn dominiert: Die Nase ist das wichtigste Sinnesorgan des Hundes. Sie dient der Kommunikation, Orientierung und Erkundung. Nasenarbeit ist eine der effektivsten Methoden zur mentalen Auslastung.
- Lernen ist an Wahrnehmung gekoppelt: Ein Hund, der durch Gerüche, Geräusche oder visuelle Reize überflutet ist, kann nicht effektiv lernen. Erfolgreiches Training erfordert eine an die Wahrnehmung des Hundes angepasste Umgebung.
- Achtsamkeit als Schlüssel: Um das Verhalten deines Hundes zu verstehen, ist es entscheidend, achtsam zu sein und zu versuchen, die Situation aus seiner sensorischen Perspektive zu betrachten.
Die Welt durch Hundeaugen: Sehen in Bewegung und Dämmerung
Yvonne und Mustafa erklären, dass das Sehvermögen von Hunden anders funktioniert als das menschliche. Entgegen mancher Mythen sehen Hunde nicht schwarz-weiß, sondern haben eine eingeschränkte Farbwahrnehmung. Yvonne führt aus, dass Hunde rot-grün-blind sind und Farben eher als Grautöne oder abgeschwächte Schattierungen wahrnehmen. Dies hat praktische Implikationen, beispielsweise im Dummytraining: Ein oranger Dummy hebt sich für den Hund kaum von einer grünen Wiese ab und muss daher eher erschnüffelt werden, was gezielt für die Sucharbeit genutzt werden kann.
Mustafa ergänzt, dass das visuelle System von Hunden stark auf die Wahrnehmung von Bewegung ausgerichtet ist. Bewegte Objekte, wie Fahrradfahrer oder fliehende Tiere, werden deutlich besser erkannt als statische. Dies erklärt, warum viele Hunde einen ausgeprägten Jagdinstinkt gegenüber sich schnell bewegenden Reizen zeigen. Zudem sehen Hunde in der Dämmerung und bei Nacht ausgezeichnet, da ihre Pupillen sehr viel Licht einlassen können. Yvonne betont den Nachteil dieser Eigenschaft: Bei grellem Tageslicht kann dieses System überflutet werden, was dazu führt, dass Hunde Handzeichen auf Distanz nicht mehr erkennen oder sich vor plötzlich auftauchenden Schatten erschrecken.
Das feine Gehör: Wie Hunde die Welt hören
Das Gehör eines Hundes ist dem menschlichen weit überlegen. Mustafa erläutert, dass Hunde viel höhere Frequenzen wahrnehmen können und Geräusche hören, die für uns unhörbar sind. Dies macht sie, insbesondere bestimmte Rassen wie Hütehunde, sehr geräuschempfindlich. Diese Sensibilität kann bei Familienhunden, die nicht ihrer ursprünglichen Aufgabe nachgehen, zu Geräuschängsten führen.
Hunde können Geräusche zudem exzellent orten und differenzieren. Mustafa berichtet von seinem Hund Bootsmann, der genau unterscheiden kann, ob ein Auto zum Hof gehört oder nur vorbeifährt. Yvonne weist darauf hin, dass man Hunde nicht anschreien muss, da ihr Gehör anatomisch sehr gut funktioniert. Wenn ein Hund nicht reagiert, hat dies meist andere Gründe als Schwerhörigkeit. Sie teilt ein Beispiel von einem Hund vom Bauernhof, der nur auf laute Kommandos konditioniert war. Durch bewusstes Flüstertraining konnte sie ihn auf eine leise Kommunikation umstellen, was besonders im Alter, wenn das Gehör nachlässt, von Vorteil ist. Beide Hosts merken an, dass altersbedingte Taubheit oft dazu führt, dass Hunde sich leichter erschrecken.
Der Geruchssinn: Die primäre Wahrnehmung des Hundes
Der Geruchssinn ist der am stärksten ausgeprägte und wichtigste Sinn des Hundes. Er ist entscheidend für die Kommunikation und die Wahrnehmung der Umwelt. Mustafa beschreibt, wie Hunde bei Begegnungen sofort die Nase einsetzen, um Informationen über ihr Gegenüber zu sammeln - eine Form der olfaktorischen Kommunikation. Sie können riechen, ob ein anderer Hund männlich, weiblich, unsicher oder selbstbewusst ist.
Yvonne unterstreicht die enorme Leistungsfähigkeit der Hundenase mit Beispielen aus der professionellen Arbeit wie bei Rettungs- oder Spürhunden. Bereits kleinste Geruchspartikel reichen aus, um eine Person über Kilometer hinweg zu verfolgen. Diese Fähigkeit, die extrem anstrengend ist, kann auch im Alltag zur Auslastung genutzt werden, etwa durch Futtersuchspiele im Garten oder gezielte Nasenarbeit wie Fährtentraining. Hunde riechen auch die emotionalen Zustände des Menschen, wie Angst oder Stress, sowie Krankheiten. Im Alltag bedeutet dieser Supersinn jedoch auch, dass ein Hund permanent von Gerüchen - von der läufigen Hündin bis zu Essensresten - abgelenkt sein kann.
Wie Sinneswahrnehmung das Lernen beeinflusst
Die Fähigkeit eines Hundes zu lernen, ist direkt von seiner sensorischen Verfassung abhängig. Yvonne erklärt, dass ein Hund, der von Reizen überflutet wird, gedanklich nicht anwesend sein kann und somit auch keine neuen Kommandos aufnehmen kann. Dies hat nichts mit Ignoranz zu tun, sondern ist eine Folge der Überlastung des Gehirns.
Mustafa schildert den Fall eines Weimaraners mit starkem Jagdtrieb, der im Alltag nicht leinenführig war. Die Ursache lag darin, dass der Hund im heimischen Garten unkontrolliert Hasen jagen durfte und daher draußen permanent im "Jagdmodus" war - seine Nase und sein Gehirn waren so auf die Jagd fokussiert, dass für das Training kein Raum mehr blieb. Die Lösung lag darin, die Trainingsumgebung reizarm zu gestalten und das unerwünschte Verhalten im Garten zu unterbinden. Wenn ein Hund abschaltet, sich bedrängt fühlt oder durch Geräusche abgelenkt ist, müssen die Rahmenbedingungen angepasst werden, damit er überhaupt lernfähig ist. Statt den Hund für seine Ablenkbarkeit zu tadeln, sollte man ihm helfen, sich wieder auf den Menschen zu konzentrieren.
Praktische Schritte: Die Welt aus Hundesicht verstehen
- Trainingsbedingungen anpassen: Berücksichtige die Sinneswelt deines Hundes. Vermeide beispielsweise das Training von Handzeichen bei grellem Gegenlicht und wähle für den Anfang eine reizarme Umgebung, bevor du die Ablenkung schrittweise erhöhst.
- Leise kommunizieren: Dein Hund hört dich sehr gut. Anstatt lauter zu werden, wenn er nicht reagiert, versuche es mit leisen Tönen oder körpersprachlichen Signalen. Dies fördert die Aufmerksamkeit.
- Nasenarbeit gezielt einsetzen: Nutze den überlegenen Geruchssinn deines Hundes für eine artgerechte und effektive mentale Auslastung. Schon 10 - 15 Minuten konzentrierte Sucharbeit können anstrengender sein als ein langer Spaziergang.
- Ablenkung als Information verstehen: Wenn dein Hund abgelenkt ist, frage dich, was er gerade wahrnimmt (Geruch, Geräusch, Bewegung). Anstatt zu schimpfen, hilf ihm, den Fokus wiederzufinden, z. B. durch eine kurze, einfache Übung.
- Achtsamkeit im Alltag praktizieren: Versuche regelmäßig, aus deiner menschlichen Perspektive herauszutreten und die Welt durch die Augen, Ohren und vor allem die Nase deines Hundes zu erleben. Dieses Verständnis ist die Basis für eine faire und verständnisvolle Beziehung.