Zusammengefasst von Anja Schirwinski
Seit meine Hündin Frida mit fünf Monaten aus einem rumänischen Shelter zu mir kam, beschäftige ich mich intensiv mit Hundethemen - von Alltagstraining bis Verhaltensbesonderheiten. Viele der Fragen, die in Podcasts besprochen werden, kenne ich aus unserer gemeinsamen Erfahrung nur zu gut. Deshalb fasse ich hier die für mich interessantesten Podcastfolgen zusammen und ergänze sie mit meinen eigenen Erlebnissen mit Frida.
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In dieser Episode des Podcasts The Pet Food Family trifft Host Jan erneut auf die Hundetrainerin und Tierschutz-Verfechterin Ellen Marques. Nach einem ersten leichten und humorvollen Gespräch wagen sich die beiden an eines der emotionalsten und polarisierendsten Themen der Hundewelt: das Spannungsfeld zwischen Hundezucht und Tierschutz. Auslöser ist ein persönlicher Konflikt, der die Dynamik der gesamten Debatte widerspiegelt.
Die Episode beleuchtet, warum die Kommunikation zwischen beiden Lagern oft scheitert und stellt die grundlegende ethische Frage, ob die Zucht neuer Welpen angesichts überfüllter Tierheime noch zu rechtfertigen ist. Sie richtet sich an alle, die vor der Entscheidung stehen, einen Hund aufzunehmen, aber auch an Züchter:innen, Tierschützer:innen und Hundetrainer:innen, die nach Wegen suchen, die Kluft zu überbrücken.
Das Wichtigste auf einen Blick
- Die Krise der Tierheime ist real: Deutsche Tierheime sind an ihrer Kapazitätsgrenze. Expert:innen warnen, dass Deutschland kurz davorsteht, ein Problem mit Straßenhunden zu bekommen - eine Situation, die bisher vor allem aus dem Ausland bekannt war.
- Ein moralischer Appell zum Zuchtstopp: Ellen argumentiert, dass es angesichts der tausenden heimatlosen Hunde ethisch nicht vertretbar ist, weitere Welpen zu züchten. Sie fordert von seriösen Züchter:innen eine freiwillige, mehrjährige Pause, um das System zu entlasten.
- Züchter als Teil der Lösung: Statt sie als Gegner zu sehen, bezeichnet Ellen kompetente Züchter:innen als die wichtigste Anlaufstelle für einen Wandel. Ihre Expertise und ihre Liebe zu Hunden mache sie zu den idealen Partnern, um gemeinsam Lösungen zu finden.
- Emotionen statt Fakten: Die Debatte ist weniger von Zahlen und Statistiken als von tiefen Emotionen, Ängsten und persönlichen Überzeugungen geprägt. Ein konstruktiver Dialog scheitert oft an Missverständnissen und dem Gefühl, angegriffen zu werden.
- Rasse ist nicht alles: Der Wunsch nach einem Hund vom Züchter basiert oft auf der Erwartung an bestimmte Rassemerkmale. Die Diskussion regt an, stattdessen die individuellen Eigenschaften und die Persönlichkeit eines Hundes in den Vordergrund zu stellen - diese findet man auch bei Tierschutzhunden.
- Die Angst vor dem Unbekannten: Viele Menschen scheuen den Tierschutzhund aus Angst vor einer unbekannten, potenziell traumatischen Vergangenheit. Ellen entkräftet dies mit dem Vergleich zu menschlichen Beziehungen: Auch ein Partner hat eine Vorgeschichte, die man kennenlernt und akzeptiert.
Ein persönlicher Konflikt als Spiegel der Debatte
Die Episode beginnt mit einer unerwarteten Wendung: Ellen hatte den Aufnahmetermin beinahe abgesagt. Sie erklärt, dass sie Jans öffentliche Inhalte in den sozialen Medien zeitweise als zu stark auf Züchter und Welpen fokussiert wahrgenommen habe. In ihrer emotionalen Verfassung als engagierte Tierschützerin fühlte es sich für sie nicht mehr authentisch an, in diesem Kontext aufzutreten. Dieser Moment des Zögerns und der direkten Konfrontation via Sprachnachricht wird zum Ausgangspunkt des Gesprächs. Jan reflektiert, wie schnell es zu Missverständnissen kommen kann und wie seine Außenwirkung bei Ellen ankam. Beide erkennen, dass ihr persönlicher Austausch - das „Miteinander reden statt übereinander“ - genau das ist, was in der gesamten Hundeszene fehlt und die Gräben zwischen den Lagern vertieft.
Das zentrale Dilemma: Überfüllte Tierheime versus die Zucht neuer Welpen
Im Kern der Diskussion steht die dramatische Lage in deutschen Tierheimen. Ellen schildert eine Situation, in der Heime keine Tiere mehr aufnehmen können und die Belastung für Mitarbeiter:innen und Tiere immens ist. Sie berichtet von der realen Gefahr, dass Deutschland bald eigene Straßenhunde haben könnte. Vor diesem Hintergrund formuliert sie ihre zentrale ethische Frage: „Warum kann man als Züchter das wirklich noch so für sich ehrlich moralisch-ethisch vertreten, zu sagen, auf diese ganzen 1000 Millionen Hunde setze ich jetzt noch mal sechs neue Briardwelpen drauf?“
Sie betont, dass sie die Arbeit guter Züchter:innen, die mit Herzblut und Fachwissen Welpen aufziehen, nicht verurteilt. Ihr Appell richtet sich nicht gegen die Qualität der Zucht, sondern gegen die bloße Tatsache, dass gezüchtet wird, während unzählige Hunde auf ein Zuhause warten. Jan gibt zu, dass ihm trotz intensiver Vorbereitung und Recherche keine überzeugenden Argumente für die Notwendigkeit der Zucht einfallen - mit Ausnahme weniger Nischen wie spezialisierte Arbeitshunde (z. B. für Schäfer).
Die Suche nach dem „perfekten“ Hund: Rassemerkmale versus individuelle Persönlichkeit
Ein zentraler Grund, warum Menschen sich für einen Welpen vom Züchter entscheiden, ist der Wunsch nach Vorhersehbarkeit. Man erwartet bestimmte Charaktereigenschaften, ein spezifisches Aussehen und einen „unbeschriebenen“ Hund, den man von Anfang an prägen kann. Ellen hinterfragt diese Denkweise kritisch. Sie argumentiert, dass die Fixierung auf Rassen oft dazu führt, die individuellen Persönlichkeiten zu übersehen, die sich in den Tierheimen finden lassen.
Mit einem anschaulichen Vergleich aus der Partnerwahl („Bei mir immer nur Italienerinnen“) verdeutlicht sie die Absurdität, eine ganze Gruppe von Hunden aufgrund von Vorurteilen auszuschließen. Statt nach einer Rasse zu suchen, empfiehlt sie, die gewünschten Eigenschaften zu definieren (z. B. „familienfreundlich“, „sportlich“, „ruhig“) und dann gezielt nach einem Individuum zu suchen, das diese mitbringt. Oft sei ein erwachsener Hund aus dem Tierschutz sogar die transparentere Wahl, da sein Charakter bereits gefestigt ist.
Die Psychologie der Entscheidung: Angst, Kontrolle und Bequemlichkeit
Das Gespräch taucht tief in die psychologischen Motive ein, die hinter der Wahl für einen Züchterwelpen stehen. Eine treibende Kraft ist die Angst vor dem Unbekannten - die Sorge vor Traumata oder Verhaltensproblemen bei einem Tierschutzhund. Jan stellt die Frage in den Raum, ob Menschen Angst vor einer bereits gefestigten Persönlichkeit haben, die sich nicht mehr vollständig nach den eigenen Wünschen formen lässt. Der Welpe bietet die Illusion vollständiger Kontrolle.
Jan bezeichnet seine eigene Präferenz für Rassehunde selbstkritisch als „Bequemlichkeit“ - der Wunsch, einen Hund zu bekommen, der mit hoher Wahrscheinlichkeit in sein Leben passt, ohne die potenziellen Herausforderungen eines Tierschutzhundes. Die Diskussion legt nahe, dass es oft um menschliche Unsicherheit und das Bedürfnis geht, ein Lebewesen dem eigenen Leben anzupassen, anstatt sich auf ein Gegenüber mit eigener Geschichte einzulassen.
Ein neuer Lösungsansatz: Züchter als Teil der Lösung, nicht des Problems
Der wohl konstruktivste und überraschendste Aspekt der Diskussion ist Ellens Vorschlag, wie ein Wandel gelingen könnte. Sie sieht seriöse Züchter:innen nicht als Gegner, sondern als die kompetenteste und am besten organisierte Gruppe, mit der man ins Gespräch kommen kann. Sie sagt: „Ich glaube einfach, dass die Züchter diejenigen wären, mit denen man reden könnte.“
Ihr Appell ist kein Angriff, sondern eine Einladung zur Kooperation aus einer gemeinsamen Liebe zum Hund heraus. Wenn Züchter:innen das große Ganze sehen - die überfüllten Heime und das Leid der Tiere -, könnten sie diejenigen sein, die freiwillig einen Schritt zurücktreten und ihre Zucht für einige Jahre pausieren. Dieser Ansatz verlagert den Fokus von Schuldzuweisungen hin zu einer gemeinsamen Verantwortung und macht die Züchter:innen zu einem entscheidenden Teil der Lösung.
Praktische Überlegungen für zukünftige Hundehalter
- Hinterfrage deine Motivation: Bevor du dich auf eine Rasse festlegst, erstelle eine Liste der konkreten Charaktereigenschaften, die du dir von deinem Hund wünschst und die zu deinem Lebensstil passen.
- Gib dem Tierschutz eine ehrliche Chance: Besuche aktiv lokale Tierheime oder seriöse Tierschutzorganisationen. Sei offen dafür, erwachsene Hunde kennenzulernen, deren Persönlichkeit bereits sichtbar ist.
- Stelle dich deinen Ängsten: Reflektiere, ob deine Sorgen vor einem Hund mit Vergangenheit rational sind. Eine gute Tierschutzorganisation kann detaillierte Auskunft über den Charakter und die Bedürfnisse eines Tieres geben.
- Suche dir professionelle Unterstützung: Wenn du unsicher bist, ziehe eine:n kompetente:n Hundetrainer:in zurate. Er oder sie kann dir helfen, einzuschätzen, welcher Hund - unabhängig von seiner Herkunft - wirklich zu dir passt.
- Betrachte das große Ganze: Verstehe, dass deine Entscheidung eine Auswirkung hat. Die Adoption eines Hundes aus dem Tierschutz rettet nicht nur dieses eine Leben, sondern schafft auch Platz für das nächste notleidende Tier.