Zusammengefasst von Anja Schirwinski
Seit meine Hündin Frida mit fünf Monaten aus einem rumänischen Shelter zu mir kam, beschäftige ich mich intensiv mit Hundethemen - von Alltagstraining bis Verhaltensbesonderheiten. Viele der Fragen, die in Podcasts besprochen werden, kenne ich aus unserer gemeinsamen Erfahrung nur zu gut. Deshalb fasse ich hier die für mich interessantesten Podcastfolgen zusammen und ergänze sie mit meinen eigenen Erlebnissen mit Frida.
Mehr über das Projekt Petcaster
In der aktuellen Folge ihres Podcasts „Sitz! Platz! Bleibt!“ tauchen die Hundetrainer Nicole Borowy und Sami El Ayachi tief in eines der herausforderndsten Themen für Hundehalter ein: die Pubertät. Anhand von Nicoles Erfahrungen mit ihrem Junghund Jaxon beleuchten sie die biologischen und verhaltensbedingten Veränderungen, die diese Lebensphase mit sich bringt. Die Episode liefert wertvolle Einblicke, warum plötzlich Gelerntes vergessen scheint und wie wichtig klare Strukturen und eine gefestigte Beziehung sind, um diese turbulente Zeit gemeinsam zu meistern. Im Kern geht es um die Frage: Wie schaffst du es, ein verlässlicher und souveräner Partner für deinen Hund zu bleiben, wenn dessen Hormone und Instinkte die Welt auf den Kopf stellen?
Das Wichtigste auf einen Blick
- Die Pubertät ist keine einmalige Phase, sondern kann in Schüben auftreten, oft zwischen dem 6. und 18. Monat und manchmal erneut bis zum dritten Lebensjahr.
- Unterscheide klar zwischen pubertärem Verhalten (der Hund „vergisst“ bereits Gelerntes) und neuem, explorativem Verhalten (der Hund testet aus, was er körperlich jetzt kann). Letzteres erfordert das Setzen neuer, klarer Regeln.
- Deine eigene Klarheit ist entscheidend. Rituale und eine konsistente Körpersprache helfen deinem Hund enorm, sich zu orientieren und zu konzentrieren, besonders bei anspruchsvollen Aufgaben wie der Leinenführigkeit.
- Konsequenz bedeutet nicht Härte. Auch eine deutliche Unterbrechung unerwünschten Verhaltens muss fair sein und am Ende immer wieder in die positive Beziehung münden.
- Es ist in Ordnung, nicht jeden Kampf zu kämpfen. An stressigen Tagen ist bewusstes Management (z. B. eine lange Leine am Geschirr) oft sinnvoller, als eine frustrierende Trainingssituation zu erzwingen.
- Nimm die Energie deines Hundes an. Anstatt den Drang nach mehr Tempo nur zu unterdrücken, kannst du ihn gezielt kanalisieren und in ein gemeinsames Spiel oder einen kurzen Sprint umwandeln, was die Bindung stärkt.
- Erkenne das grundlegende Spannungsfeld an: Wir bitten unsere Hunde, trotz ihrer biologischen Reife für immer in einer abhängigen Rolle zu bleiben. Dieses Verständnis hilft, ihre Grenzüberschreitungen mit mehr Geduld zu betrachten.
Pubertät: Wenn das Gehirn zur Baustelle wird
Sami erklärt zu Beginn, dass die Pubertät ein komplexer Prozess ist, der über die erste Geschlechtsreife hinausgeht. Während die erste intensive Phase meist zwischen dem sechsten und achtzehnten Lebensmonat stattfindet, berichten viele Halter von weiteren pubertären Schüben bis zum dritten Lebensjahr. Körperlich wird der Wandel offensichtlich: Rüden heben das Bein, die Muskulatur prägt sich aus und der Brustkorb wird breiter. Doch die größten Veränderungen finden im Gehirn statt.
Nicole wirft die zentrale Frage auf, die viele Hundehalter beschäftigt: Ist das Verhalten meines Hundes nun pubertär oder ist er einfach nur unerzogen? Sami schlägt eine Differenzierung vor: Wenn ein Hund bereits Gelerntes plötzlich nicht mehr abrufen kann, ist das ein starkes Indiz für die Pubertät. Wenn er jedoch - wie Nicoles Jaxon - beginnt, durch seine neue Größe und Kraft Dinge auszuprobieren, die vorher unmöglich waren (etwa etwas vom Schrank zu holen), handelt es sich um exploratives Verhalten. Hier geht es nicht um Trotz, sondern um das kreative Austesten neuer Möglichkeiten. In diesen Momenten ist es entscheidend, klare Hausstandsregeln zu etablieren.
Die Rolle des Menschen: Fels in der hormonellen Brandung
Anhand einer persönlichen Anekdote verdeutlicht Sami, wie wichtig eine klare und konsequente Reaktion ist. Sein Hund hatte einst teure Rinderfilets von der Küchenablage gestohlen. Anstatt das zu ignorieren oder nur zu schimpfen, inszenierte Sami die Situation erneut, um das Verhalten gezielt zu unterbrechen. Als der Hund wieder an die Ablage ging, erschreckte Sami ihn mit einem lauten Aufstampfen. Diese „positive Strafe“, wie es im Lerntheorie-Jargon heißt, war so eindrücklich, dass der Hund danach nie wieder etwas vom Tisch oder von Ablagen stahl. Entscheidend war laut Sami, die Situation direkt im Anschluss wieder positiv aufzulösen und dem Hund zu zeigen, dass die Beziehung intakt ist. Es geht darum, ein verlässlicher Partner zu sein, der sowohl „Ja“ als auch „Nein“ sagen kann und dem Hund damit Sicherheit gibt.
Ein Leben im Kindheitsstatus: Das Dilemma der Domestikation
Sami führt einen provokanten, aber wichtigen Gedanken aus: Wir Menschen halten unsere Hunde im Grunde in einem ewigen Kindheitsstatus. Obwohl sie geschlechtsreif werden und biologisch in der Lage wären, ein eigenständiges Leben zu führen und sich fortzupflanzen, verwehren wir ihnen diese Autonomie. Wir treffen alle wichtigen Entscheidungen für sie - vom Futter über den Partner bis hin zum Wohnort. Diese grundlegende Asymmetrie in der Mensch-Hund-Beziehung schafft ein natürliches Spannungsfeld. In der Pubertät, wenn der Hund seine eigene Stärke und seinen Willen entdeckt, stellt er diese von uns vorgegebene Struktur naturgemäß infrage. Dass die meisten Hunde sich dennoch so gut in unser Leben integrieren, ist laut Sami eine phänomenale Leistung ihrer sozialen Anpassungsfähigkeit.
Leinenführigkeit: Die Königsdisziplin in der Pubertät
Ein zentrales Thema, mit dem Nicole und Jaxon gerade kämpfen, ist die Leinenführigkeit. Sami beobachtet, dass Jaxon extrem gut auf Rituale reagiert. Sobald Nicole einen klaren, gleichbleibenden Einstieg wählt - die Leine in einer bestimmten Hand hält, ihn gezielt anspricht und positioniert -, ist Jaxon sofort konzentriert und kooperativ. Sobald sie jedoch von diesem Ritual abweicht, verliert er den Faden. Dies unterstreicht die enorme Verantwortung des Menschen: Gerade in der Pubertät braucht der Hund eine absolut klare und vorhersehbare Struktur, um sich orientieren zu können. Sami betont, dass dies auch für ihn und seine eigenen Hunde eine lebenslange Aufgabe bleibt. Es geht nicht um starren Formalismus, sondern um ein aktives „Gespräch“ und eine beständige Beziehungsarbeit.
Energie lenken statt bekämpfen: Ein neuer Ansatz
Sowohl Nicole als auch Sami plädieren dafür, die immense Energie und den Tatendrang des pubertierenden Hundes nicht nur zu unterdrücken, sondern sie gezielt zu kanalisieren. Wenn ein Hund an der Leine schneller werden will, muss die Antwort nicht immer ein korrigierendes „Nein“ sein. Stattdessen kann man das Angebot annehmen und bewusst für ein kurzes Stück das Tempo erhöhen oder einen Sprint einlegen. Nicole berichtet, wie sie mit ihrem älteren Hund Sherlok am Ende der Joggingrunde immer ein Wettrennen bis zur Haustür veranstaltet - ein Spiel, das die Bindung stärkt und ein Ventil für aufgestaute Energie bietet.
Ähnliches gilt für neue Aktivitäten wie Joggen oder Radfahren, die Nicole nun mit Jaxon beginnt. Sie betont, wie wichtig es ist, dies langsam und in kurzen Intervallen aufzubauen. Für den Hund ist es eine große mentale Anstrengung, sein Tempo an das des Menschen anzupassen. Dass Jaxon nach dem Laufen oft im Garten seine „Zoomies“ bekommt, ist ein klares Zeichen dafür, wie er den angestauten Stress und die Konzentration abbaut.
Praktische Tipps für den Alltag mit dem pubertierenden Hund
- Analysiere das Verhalten: Frage dich ehrlich: Hat mein Hund eine bereits gelernte Regel vergessen, weil sein Gehirn gerade umbaut wird, oder testet er eine völlig neue Grenze aus? Deine Reaktion sollte darauf abgestimmt sein.
- Setze klare und faire Grenzen: Wenn du unerwünschtes Verhalten unterbrechen musst, sei klar und unmissverständlich. Sorge aber direkt danach dafür, dass die Situation wieder positiv aufgelöst wird. Dein Hund muss lernen, dass eine Korrektur nie das Ende eurer guten Beziehung bedeutet.
- Etabliere feste Rituale: Gerade bei schwierigen Übungen wie der Leinenführigkeit helfen feste Abläufe enorm. Eine gleichbleibende Vorbereitung, Körperhaltung und Ansprache geben deinem Hund die nötige Sicherheit, um zu verstehen, was du von ihm erwartest.
- Nutze bewusstes Management: An Tagen, an denen du müde, gestresst oder unkonzentriert bist, ist es besser, auf Management zurückzugreifen. Nutze eine längere Leine am Geschirr und erlaube deinem Hund, mehr Freiraum zum Schnüffeln zu haben, anstatt eine frustrierende Trainingssituation zu erzwingen.
- Mach die Energie deines Hundes zu deinem Verbündeten: Nimm den Drang deines Hundes nach Bewegung und Tempo als Angebot wahr. Ein kurzer, gemeinsamer Sprint oder ein ausgelassenes Spiel sind oft konstruktiver als eine ständige Unterdrückung seiner Impulse.
- Führe neue körperliche Aktivitäten langsam ein: Wenn du mit deinem Junghund sportlich aktiv werden möchtest (z. B. Joggen, Radfahren), starte mit sehr kurzen, positiven Einheiten. Beobachte ihn genau auf Anzeichen von körperlicher oder mentaler Überforderung und baue die Belastung nur schrittweise aus.