Gebrauchshunde verstehen: Warum Ruhe im Hundetraining wichtiger ist als Auslastung
Stell dir einen Hund vor, gezüchtet für Höchstleistungen - schnell, intelligent und voller Tatendrang. Die meisten würden sagen, der Schlüssel zu einem solchen Hund liegt in Action, Dynamik und permanenter Auslastung. Doch was, wenn genau das Gegenteil der Fall ist? Was, wenn die wahre Meisterschaft in der Ruhe liegt? In der aktuellen Folge des Podcasts The Petfood Family trifft Moderator Jan Dießner auf Sebastian Schäfer, einen der renommiertesten Ausbilder für Sport- und Diensthunde in Deutschland. Ein Gespräch, das tief in die Seele von Gebrauchshunden blickt und traditionelle Trainingsansätze auf den Kopf stellt.
Sebastian Schäfer, dessen Wurzeln im Tierschutz liegen und der seit über 20 Jahren die Spitze des Hundesports mitprägt, teilt seine Philosophie, die auf einem einfachen, aber revolutionären Prinzip beruht: Erfolg ist kein Zufall, sondern das Ergebnis eines klaren Systems. Diese Episode ist ein Muss für alle, die nicht nur einen gehorsamen, sondern einen mental starken und ausgeglichenen Hund an ihrer Seite haben möchten - egal ob im Alltag oder im anspruchsvollen Hundesport. Es geht um die zentrale Frage: Wie schaffen wir es, die angeborenen Triebe unserer Hunde nicht zu unterdrücken, sondern sie in die richtigen Bahnen zu lenken, sodass sie zu verlässlichen Partnern werden?
Das Wichtigste auf einen Blick
Bevor wir tiefer in die faszinierende Welt von Sebastian Schäfers Trainingsansatz eintauchen, hier die zentralen Erkenntnisse, die du direkt mitnehmen kannst:
- Ruhe ist die Basis für alles. Sebastian Schäfer betont immer wieder, dass er hohe Erregungslagen wie Bellen oder Fiepen zu Beginn des Trainings bewusst ignoriert. Stattdessen fördert er gezielt entspannte Zustände. Ein ruhiger Hund ist ein aufnahmefähiger Hund.
- Dein Hund ist dein Spiegel. Deine eigene Stimmung - ob Stress, Unsicherheit oder Gelassenheit - überträgt sich direkt auf deinen Hund. Erfolgreiches Training beginnt damit, die eigene innere Verfassung zu reflektieren und nur dann zu arbeiten, wenn man selbst klar und ruhig ist.
- Kontrolle entsteht durch Verständnis, nicht durch Zwang. Einen Hund unter Kontrolle zu haben bedeutet für Sebastian, dass der Hund gelernt hat, zuzuhören und zu kooperieren. Dies wird durch das Schaffen einer ausgewogenen Motivation erreicht, nicht durch Unterdrückung.
- Gebrauchshunde brauchen eine sinnvolle Aufgabe. Viele als Problemverhalten abgestempelte Eigenschaften sind lediglich nicht kanalisierte, genetisch verankerte Triebe. Gibt man diesen Hunden eine Aufgabe, die ihrer Veranlagung entspricht, werden sie zu ausgeglichenen und glücklichen Begleitern.
- Lerne, wie ein Hund zu denken. Ein häufiger Fehler ist die menschliche Interpretation des hündischen Verhaltens. Sebastian plädiert dafür, die Welt aus der Perspektive des Hundes zu sehen, um seine Bedürfnisse und Reaktionen wirklich zu verstehen.
Die Seele des Gebrauchshundes: Warum eine Aufgabe glücklich macht
Wenn Sebastian Schäfer über Gebrauchshunde spricht, leuchten seine Augen. Seine Leidenschaft ist es, das genetische Potenzial, das in Rassen wie dem Belgischen Schäferhund, dem Rottweiler oder Jagdhunden schlummert, zu formen und in positive Bahnen zu lenken. Für ihn sind viele sogenannte Problemhunde in Wahrheit nur unterforderte Gebrauchshunde. Er erzählt von einem neun Monate alten Deutsch-Kurzhaar, der in seiner Familie bereits mehrfach zugebissen hatte. Sebastian nahm ihn mit aufs Feld, ließ ihn seiner Passion - der Suche - nachgehen, und erlebte einen Hund, der in seiner Aufgabe aufblühte und pures Glück ausstrahlte. Diese Erfahrung verdeutlicht seinen Kernansatz: Es geht nicht darum, Triebe zu unterdrücken, sondern sie zu verstehen und ihnen ein Ventil zu geben. Ein Jagdhund muss nicht zwingend zur Jagd gehen, aber er kann seine Nase bei der Suche nach Gegenständen einsetzen und so seine angeborenen Fähigkeiten ausleben. Diese Erfüllung, so Schäfer, ist der Schlüssel zu einem harmonischen Zusammenleben.
Das Paradox der Ruhe: Sebastians Trainingsphilosophie
Einer der überraschendsten und gleichzeitig wichtigsten Punkte in Sebastians Philosophie ist die enorme Bedeutung von Ruhe. Während viele Trainer versuchen, die Motivation eines Hundes durch hohe Energie und aufgeregte Animation zu steigern, geht er den umgekehrten Weg. Er erklärt, dass er einen Hund, der in einem hohen Erregungszustand ist - der fiept, bellt oder unruhig ist - niemals ansprechen oder bestätigen würde. Die Kommunikation und das Training beginnen erst, wenn der Hund entspannt ist. Seine eigenen Hunde mögen für Außenstehende manchmal fast demotiviert wirken, weil ihre Rute entspannt hängt und sie nicht permanent hechelnd nach oben schauen. Doch für Sebastian ist genau das der Idealzustand: ein kopfklarer Hund, der bereit ist, zuzuhören und zu lernen. Dieses Prinzip ist eng mit der Rolle des Menschen verknüpft. Er betont, dass der Hund ein perfekter Spiegel der eigenen Emotionen ist. An schlechten Tagen oder mit einer negativen Grundstimmung zu trainieren, ist für ihn tabu, da sich diese Anspannung unweigerlich überträgt und den Trainingserfolg sabotiert.
Mondioring: Mehr als nur Sport - eine Schule fürs Leben
Seit 17 Jahren ist Sebastian im Mondioring aktiv, einer anspruchsvollen Hundesportart, die sich durch ihre enorme Vielfalt auszeichnet. Anders als bei vielen anderen Disziplinen weiß man nie genau, was einen erwartet. Zwar sind die Übungen in der Prüfungsordnung festgelegt, doch das Szenario, die Requisiten auf dem Platz und die genaue Abfolge ändern sich jedes Mal. Das verlangt vom Hund nicht nur Gehorsam, sondern auch eine hohe geistige Flexibilität und Problemlösekompetenz. Genau hier sieht Sebastian den unschätzbaren Wert für den Alltag. Ein Hund, der im Sport gelernt hat, sich immer wieder auf neue, unerwartete Situationen einzustellen und dabei ruhig und konzentriert zu bleiben, meistert auch die Herausforderungen des täglichen Lebens souveräner. Ob kreischende Kinder, ein vorbeifliegender Ball oder ein unerwartetes Geräusch - der Hund hat gelernt, seine Impulse zu kontrollieren und sich am Menschen zu orientieren. Die Entspannungsphasen zwischen den Übungen im Mondioring sind dabei genauso wichtig wie die aktiven Teile und trainieren die Fähigkeit des Hundes, schnell zwischen An- und Entspannung zu wechseln - eine essenzielle Fähigkeit für jeden Familienhund.
Kritik, Unwissenheit und die Suche nach der goldenen Mitte
Schutzhundesportarten wie Mondioring stehen oft in der Kritik und werden von Außenstehenden als gefährlich oder aggressionsfördernd wahrgenommen. Sebastian führt dies hauptsächlich auf Unwissenheit zurück. Viele können sich nicht erklären, wie es möglich ist, einen Hund, der eben noch kraftvoll in den Schutzarm eines Helfers gebissen hat, im nächsten Moment per Pfiff abzurufen. Er erklärt, dass dies das Ergebnis eines ausbalancierten Trainings ist, bei dem die Motivation des Hundes gezielt zwischen dem "Jagdobjekt" (dem Helfer) und dem Hundeführer im Gleichgewicht gehalten wird. Es geht darum, dem Hund beizubringen, immer ein Ohr bei seinem Menschen zu haben. Er wünscht sich mehr Dialogbereitschaft und weniger Vorverurteilung. Statt den Sport pauschal abzulehnen, sollten Kritiker das Gespräch suchen und fragen, *warum* und *wie* etwas trainiert wird. Sein Appell für mehr Toleranz und Respekt gilt jedoch für alle Lager der Hundeszene. Ob man nun über positive Verstärkung, über Handauflegen oder über den Gebrauchshundesport arbeitet - solange der Weg für das jeweilige Mensch-Hund-Team funktioniert und dem Hund nicht schadet, verdient er Respekt. Die Wahrheit, so seine Überzeugung, liegt meistens in der goldenen Mitte.
Der Weg zum Wissen: Von Beißunfällen zu eigenen Lösungen
Sebastians Weg war kein geradliniger. Er erzählt offen von Misserfolgen und Lernprozessen. Seine Firma für hochwertiges Hundeequipment, TechDocs, entstand beispielsweise aus einer Notlage heraus: Innerhalb eines Jahres erlitt er sieben schwere Beißvorfälle, weil das Material von Leinen und Geschirren bei Diensthunden im Training versagte. Statt sich damit abzufinden, begann er, eigene Lösungen zu entwickeln. Diese proaktive Haltung zieht sich durch seine gesamte Karriere. Wenn er etwas nicht wusste oder bei einem Trainer etwas sah, das ihn faszinierte, wurde er hartnäckig. Er scheute sich nicht, den Besten der Branche so lange auf die Nerven zu gehen, bis er die Antworten bekam, die er suchte. Dieser unbedingte Wille, zu verstehen und sich weiterzuentwickeln - auch wenn es bedeutet, das eigene Ego zurückzustellen und Geld und Zeit zu investieren - ist für ihn die Grundlage für echte Expertise. Er macht deutlich: Guter Trainer wird man nicht über Nacht, sondern durch unzählige Stunden des Ausprobierens, des Scheiterns und vor allem des Fragens.
Praktische Lehren für deinen Alltag
Aus dem Gespräch mit Sebastian Schäfer lassen sich konkrete, handlungsorientierte Tipps für jeden Hundehalter ableiten:
- Überprüfe deine eigene Stimmung: Bevor du mit deinem Hund trainierst oder in eine potenziell stressige Situation (wie eine Hundebegegnung) gehst, atme tief durch. Bist du ruhig und klar? Nur dann kannst du deinem Hund Sicherheit vermitteln.
- Belohne gezielt ruhiges Verhalten: Statt deinen Hund nur für Action zu loben, schenke ihm Aufmerksamkeit, wenn er entspannt auf seiner Decke liegt oder ruhig neben dir wartet. Das stärkt seine Fähigkeit zur Selbstregulation.
- Gib deinem Hund eine Aufgabe: Finde heraus, wofür deine Hunderasse ursprünglich gezüchtet wurde. Biete ihm eine alternative Beschäftigung, die diese Talente nutzt - sei es Apportieren, Fährtensuche oder ein anderer Hundesport.
- Verzichte auf Ausreden: Die Frage, ob der entgegenkommende Hund ein Rüde oder eine Hündin ist, ist irrelevant. Deine Aufgabe ist es, für das Verhalten deines Hundes verantwortlich zu sein und ihm klare Grenzen zu setzen, unabhängig vom Gegenüber.
- Strukturiere Spaziergänge im Rudel: Wenn du mit mehreren Hunden unterwegs bist, starte den Spaziergang an der Leine und lasse zuerst den ruhigsten Hund frei. Der unruhigste Hund wird erst abgeleint, wenn er sich ebenfalls beruhigt hat. So entschärfst du von Anfang an die Gruppendynamik.
Themen
Hinweis: Diese Zusammenfassung wurde mit Hilfe von KI aus dem Transkript der Podcast-Episode generiert.
Alle Inhalte auf Petcaster beruhen auf öffentlich zugänglichen Podcasts aus der Hunde- und Haustierwelt. Wir fassen die Episoden nach bestem Wissen zusammen, übernehmen jedoch keine Gewähr für Vollständigkeit, Aktualität oder Richtigkeit der Inhalte. Die Rechte an den Original-Podcasts und -Inhalten liegen ausschließlich bei den jeweiligen Urheber:innen.
Shownotes
Was, wenn viele „Problemhunde“ gar keine Probleme haben – sondern einfach nicht verstanden werden? In dieser Folge spricht Jan mit Hundetrainer Sebastian Schäfer über ein Thema, das oft polarisiert: Gebrauchshunde, ihre Veranlagung – und der richtige Umgang damit. Gemeinsam gehen sie der Frage nach, warum Verhalten nicht einfach „wegtrainiert“ werden kann, sondern verstanden und in die richtigen Bahnen gelenkt werden muss. Es geht um Triebe, Erregungslagen und darum, weshalb echte Kontrolle nichts mit Unterdrückung zu tun hat – sondern mit Klarheit und Führung. Eine Folge über Verantwortung, Selbstreflexion und den Mut, den eigenen Hund wirklich zu sehen.
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